Der Moderator ging durch die Hölle. Gezwungen locker stand er im Studio vor einem übermannshohen Bildschirm, auf dem eine einzige Zahl schimmerte: 53,7 Prozent. Soviel Polen waren bis kurz vor acht Uhr abends zur Wahl gegangen. Aus dem Hintergrund erfuhr der Fernsehmann, dass die Wahlergebnisse wohl für Stunden noch auf sich warten ließen. Der Grund: In manchen Wahlbüros hatte man nicht mit solch einem Andrang gerechnet und zu wenige Stimmzettel geordert. Ein Kameraschwenk zeigte die lange Schlange vor einem Wahllokal.
Dann wurde wieder ins Studio zurückgeschaltet. Da stand der Mann noch immer, allein mit seiner Zahl, die Erlösung kam erst kurz vor 23 Uhr. Auf dem Bildschirm bauten sich langsam knallbunte Grafiken auf. Anfangs lieferten sich die farbigen Balken der Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ und der Bürgerplattform ein kurzes Kopf-an-Kopf-Rennen – bis die Kaczynski-Partei bei 31,3 Prozent hängen blieb. Der andere Strich aber zog unbeirrt weiter seine Bahn, pfeilgerade nach oben.
„Als ich das gesehen habe, musste ich auch vor Freude brüllen“, gesteht Tomasz, der das Schauspiel zuhause am Fernseher verfolgt hatte. „Ich bin nicht gerade ein Anhänger von Donald Tusk“, gesteht der junge Lehrer aus Warschau, „aber Kaczynski musste einfach weg.“ Aus diesem Grund hat er – eher widerwillig – für die liberalkonservative Bürgerplattform gestimmt.
„Als die im Fernsehen gezeigt haben, dass nicht einmal die Hälfte der über 60-Jährigen zur Wahl gegangen ist, habe ich geahnt, dass das gut ausgehen könnte.“ Die älteren Semester sind die Stammwähler der national-konservativen Kaczynskis. Im Gegensatz dazu haben rund 55 Prozent der jungen Leute am Sonntag ihre Stimme abgegeben. Auf diese Gruppe zielte auch ein SMS-Aufruf am Tag vor der Wahl. „Zabierz babci dowód“ schien auf tausenden Mobiltelefonen auf. „Nehmt Oma ihren Ausweis weg.“
Der Triumph des Verlierers
„Ich hoffe, dass Tusk nun das Richtige macht“, sagt Tomasz schließlich grüblerisch. Die Kaczynskis hätten nicht nur Schlechtes angerichtet, erklärt er, obwohl das oft so dargestellt wird. Damit meint der junge Mann den Kampf gegen die in Polen noch immer vorhandene Korruption und der damit zusammenhängenden Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit des Landes.
„Die Bürgerplattform hat die Absicht, dass sich die Polen künftig sehr viel wohler in ihrem eigenen Land fühlen als bisher“, rief Tusk seinen ausgelassenen Anhängern zu. „Wir werden eine gewaltige Arbeit leisten, und wir werden sie gut machen. Ihr habt alles Recht, heute zu jubeln.“ Es war auch ein persönlicher Triumph für den 50-jährigen Parteichef. Vor zwei Jahren war er bei der Präsidentenwahl gegen Lech Kaczynski schmachvoll unterlegen und galt seither als Verlierer. Dieses Mal setzte er sich mit seiner Kandidatur in Warschau auch klar gegen Jaroslaw Kaczynski durch. Für den Liberalen stimmten 47 Prozent der Warschauer, mehr als doppelt so viele wie für Kaczynski.
„Wir mussten uns schämen“
Donald Tusk zeigte sich als fairer Gewinner und rief nach dem überaus aggressiv geführten Wahlkampf zur Versöhnung auf. Manche aber sehen nach dem Fall des Jaroslaw Kaczynskis den Tag der Abrechnung gekommen. Ein überschwänglicher Ex-Präsident Walesa, den mit dem Noch-Premier aus den Tagen bei der Gewerkschaft Solidarnonn eine abgrundtiefe Feindschaft verbindet, erklärte, dass Polen nun endlich wieder seine Ehre gefunden habe.
„Mit tut es sehr leid, dass wir uns vor Europa so schämen mussten“, erklärte er, „Ich freue mich daher umso mehr, dass sich die Polen aufgemacht haben, das Böse abzuwerfen.“ Dass Walesa damit selbst in das von ihm immer wieder verdammte Schwarz-Weiß-Denken Kaczynskis verfällt, fällt ihm offenbar nicht auf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2007)
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