US-Politologen: "Israel heizt Terrorgefahr für USA an"

12.11.2007 | 22:31 |  CHRISTIAN ULTSCH (DiePresse.com)

"Die Israel-Lobby". Die Buchautoren Walt und Mearsheimer kritisieren, dass Washington auf Druck der "Israel-Lobby" seit Jahren eine Nahost-Politik betreibt, die nicht im Interesse der USA ist.

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Die Presse: Rechnen Sie mit einer US-Militäraktion gegen den Iran?

Stephen Walt: Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen: nein. Im Moment ist die US-Administration mit zu vielen anderen Problemen beschäftigt: Irak, Pakistan, Libanon, den Beziehungen zur Türkei, der geplanten Nahost-Konferenz in Annapolis, Libanon.

John Mearsheimer: Es gibt eine 25-Prozent-Chance, dass es zu einem Krieg kommt. Es wäre extrem dumm, den Iran anzugreifen. Der Iran würde danach seine Bemühungen verdoppeln, Atombomben zu erwerben, um sicherzustellen, dass ein solcher Angriff nicht noch einmal erfolgt.

Wenn man der Logik Ihres Buches folgt, wäre ein Krieg im Iran unvermeidlich - wegen des Drängens der  Israel-Lobby.

Walt: Die Lobby übt mächtigen Einfluss auf die Nahost-Politik der USA aus, aber sie kontrolliert die US-Außenpolitik nicht. Und nach den Irak-Erfahrungen ist die Fähigkeit der Israel-Lobby, Bush zu einem Iran-Krieg zu überreden, geringer geworden. Die Israel-Lobby ist die einzige Gruppe in den USA, die den Einsatz von Gewalt forciert. Die Armee ist nicht interessiert, den Iran anzugreifen. Das US-Außenamt ist eindeutig dagegen, die Geheimdienste und die Ölfirmen auch.


In Ihrem Buch schreiben Sie, die Israel-Lobby sei ausschlaggebend für die Irak-Invasion gewesen. Das ist absurd. Denn das hieße, dass der israelische Schwanz mit dem amerikanischen Hund wedelt.

Walt: Ohne die Anschläge vom 11. September 2001 hätte es keinen Irak-Krieg gegeben, und ohne die Israel-Lobby auch nicht. Ausschlaggebend waren Neokonservative, die Teil der Lobby waren.

Mearsheimer: Die Israel-Lobby hat über Jahre eine Politik forciert, die nicht im amerikanischen Interesse ist. Jeder US-Präsident seit 1967 hat sich gegen den Bau von Siedlungen ausgesprochen. Dennoch war kein Präsident fähig, ausreichend Druck auf Israel auszuüben, um den Siedlungsbau zu stoppen.

Wovor sollen denn die US-Politiker Angst haben?

Walt: Um Druck auf Israel auszuüben, könnten die USA ihre Wirtschafts- und Militärhilfe im Wert von drei bis vier Milliarden Dollar einbehalten. Doch die Politiker haben Angst vor den Auswirkungen auf ihre Wahlchancen.


Warum gefährdet es die nationale Sicherheit der USA, wenn Israel Siedlungen baut?

Mearsheimer: Weil Israel damit die Terrorgefahr für die USA anheizt. Al-Qaida war auch zu den Anschlägen von 9/11 motiviert, weil die USA Israel unterstützen.


Wie erklären Sie dann, dass al-Qaida zwischen 1993 und 2000 Anschläge verübte, als Israel und die Palästinenser sich im Friedensprozess befanden? Aus den Gründungsmanifesten der al-Qaida geht doch hervor, dass Bin Laden vor allem durch die US-Militärpräsenz in Saudiarabien motiviert wurde.

Mearsheimer: Es gibt mehrere Motivationsfaktoren. Die US-Präsenz in Saudiarabien ist einer davon, die US-Unterstützung für repressive arabische Regime ein zweiter, der amerikanische Segen für Israels Politik gegenüber den Palästinensern ist ein dritter Faktor.
Walt: Vergessen Sie außerdem nicht: Israel verdoppelte zwischen 1993 und 2000 die Anzahl der Siedler in den besetzten Gebieten.


Sie schreiben, Israel sei zu einer strategischen Bürde geworden. Können Sie ein Land im Nahen Osten nennen, das demokratischer und stabiler als Israel ist?

Mearsheimer: Ob ein Land demokratisch ist, hat nichts damit zu tun, ob es strategisch wertvoll ist.
Walt: Die bedingungslose Unterstützung für Israel macht Amerika nicht sicherer. Österreich ist demokratisch, aber bekommt es deshalb vier Milliarden Dollar Hilfe?


Meines Wissens ist Österreichs Existenzrecht in keiner Weise gefährdet.

Walt: Auch Israels Existenzrecht ist nicht in ernsthafter Gefahr. Israel hat bis zu 300 Atombomben, es hat die stärkste Armee in der Region, es hat einen Friedensvertrag mit Ägypten und Jordanien. Und es hätte 2000 einen Vertrag mit Syrien haben können, wenn die Israelis nicht den Verhandlungstisch verlassen hätten. Israel hat Sicherheitsprobleme, aber seine Existenz ist nicht in Gefahr. Sollte dies der Fall sein, dann müssen die USA natürlich zu Hilfe kommen.


Wie soll Ihrer Ansicht nach die US-Politik gegenüber Israel aussehen?

Mearsheimer: Wir sollten Israel wie einen normalen Staat behandeln, die "special relationship" beenden. Wir sollten uns von Israel distanzieren, wenn es nicht in amerikanischem Interesse handelt. Wir sollten ein ehrlicher Makler sein und Israel sagen, dass es die besetzten Gebiete verlassen muss.


Israel hat versucht, Frieden mit den Palästinensern gemäß der UN-Resolution 242 zu schließen, 2000 in Camp David zum Beispiel.

Walt: Das ist ein Mythos. Camp David war nicht mal in der Nähe der Resolution 242. Israel hat keinen lebensfähigen Palästinenserstaat angeboten. Es gab Fortschritte bei den Verhandlungen in Taba, Scharon brach die Gespräche aber nach seiner Wahl ab.


Warum blenden Sie die Terroranschläge der Palästinenser aus, die im Herbst 2000 anliefen?

Walt: Wir blenden den Terror nicht aus, wir verurteilen ihn. Aber enden wird der Terror nur, wenn die Palästinenser einen eigenen Staat bekommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.11.2007)

 
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20 Kommentare
Gast: Azrael
14.11.2007 16:44
0

Die quellen der Macht 2.

... Im Grunde unterscheiden sich ihre Operationen durch nichts von denen von
Interessengruppen wie der Farmerlobby, Stahl- oder Textilarbeitern und anderen ethnischen Lobbies. Was
die Israel-Lobby von ihnen unterscheidet, ist ihre außerordentliche Wirksamkeit. Aber es ist nichts
mißbräuchliches daran, wenn amerikanische Juden und ihre christlichen Verbündeten versuchen, die US-
Politik im Sinne Israels zu beeinflussen. Die Aktivitäten der Lobby sind nicht die Art Verschwörung, wie
sie in antisemitischen Traktaten wie den "Protokollen der Weisen von Zion" dargestellt wird. Im großen
und ganzen tun die Einzelpersonen und Gruppen in der Lobby nichts anderes als die anderen besonderen
Interessengruppen, nur eben viel besser. Zudem sind pro-arabische Interessengruppen schwach bis nicht
vorhanden, was die Aufgabe der Lobby erleichtert.

Gast: Azrael
14.11.2007 16:42
0

Die quellen der Macht

Die Vereinigten Staaten haben eine in sich gespaltene Regierung, die viele Möglichkeiten bietet, den politischen Entscheidungsprozeß zu beeinflussen. Dadurch können Interessengruppen auf verschiedenste Art und Weise Politik formen - durch Einflußnahme auf gewählte Vertreter der Exekutive, durch Wahlkampfspenden, durch Stimmenabgabe bei Wahlen, durch Beeinflussung der öffentlichen Meinung
usw. Zudem genießen besondere Interessengruppen überproportionale Macht, wenn sie auf einen eigenen
Standpunkt festgelegt sind und der Großteil der Bevölkerung gleichgültig ist. Die Politikmacher werden dazu neigen, diejenigen zufriedenzustellen, die sich um den in Frage stehenden Streitpunkt kümmern, auch wenn sie nur gering an Zahl sind, im Vertrauen darauf, daß der Rest der Bevölkerung sie nicht benachteiligen wird. Die Macht der Israel-Lobby entspringt ihrer unerreichten Fähigkeit im Spiel mit der Politik von Interessengruppen. Im Grunde unterscheiden sich ihre Operationen durch...

Gast: Heelo
14.11.2007 12:34
0

Die beiden

Autoren sind doch selber Juden, oder? Also müssen sie mehr als andere Bescheid wissen - sagt die Logik.

Freundschaft

Antworten schual
14.11.2007 14:32
0

Re: Die beiden

..wieso ist jeder gleich Jude, der ein Buch schreibt? Wie kommen Sie darauf?

Gast: thomas
13.11.2007 15:15
0

aber sicher

die freimaurer und die juden ...

natürlich macht israel fehler. wäre doch sehr überraschend, wenn die israelis die ersten und einzigen wären, die in einer so schwierigen situation alle perfekt machten.

aber für den irak-krieg kann die bush-junta keine sündenbock finden. das ginge zu weit.

in den usa gibt es ein gigantisches lobby-universum.
es gibt eine öl-, eine tabak-, eine waffen-, eine auto und eine unglaublich finanzstarke arabische lobby. und dann gibt es auch eine israel-lobby. so what?

der israel-lobby einfluß nachzusagen ist völlig ok und richtig. ihr aber aus geheimnisvollen gründen mehr einfluß als normal zu unterstellen gleitet -so leid es mir tut- in richtung dummes vorurteil ab.

Gast: jecke
13.11.2007 15:11
0

sogenannte "lobby

ja es gibt eine derartige lobby, so wie es in den USA zig andere lobbys gibt und das ist in den staaten etwas ganz normales. und die genannte lobby ist nicht mal die finanziell stärkste ich nenne hier nur die öl-lobby rund um saudi arabien. der o-ton machts was abzulehnen ist: "israel regiert die welt" usw. alte stereotypen werden aus der klamottenkiste geholt und die herren autoren dieses machwerks kassieren fette dollars.....

Gast: Glauball
13.11.2007 14:02
0

Schaut aus wie Demokratie

Also ich denke hier haben sich einige Geheimgesellschaften auf ein Ziel geeinigt. Vorteile brachte es für die Rüstungsindustrie, die Ölwirtschaft und die Besagten. Joseph II. hat sogar als Monarch genau gewußt , warum er gegen diese Geheimgesellschaften a la Freimauer losgeht. Sie unterhöhlen den Staat und dessen Autorität. Alles andere hat nur mehr das Deckmäntelchen von Demokratie und drinnen steckt die Plutokratie. Ein möglichst schwacher Präsident ,- abhängig von seinen Wahlkampfspendern - , war der Chief Executive.

Helios
13.11.2007 13:47
0

Wozu diese Diskussion in Österreich ?

Ich sehe drei Gründe warum in Israel zu
wenig Platz ist:Das NS Terrorregime,
den Stalinterror und die Verzweiflung
der Menschen der Ex-sowjetunion, über
die Ausweglosigkeit und Not,die durch den Neoliberalismus ohne rechtliche Grundlage entstanden ist,die dann von dort emigrierten.
Da wir einerseits ein Mittäter des NS
Regimes waren,und dann später auch
am Schwarzgeld der Oligarchen profitiert
haben,denke ich,daß wir hier eine Diskussion benötigen würden,wie können wir den Juden in Österreich bei so viel verstecktem Antisemitismus das Leben
besser und schöner gestalten.
Wenn es in der Politk Wissenschaft und
Kunst mehr Juden gäbe ,so würde
hier sehr vieles ,um sehr viel besser sein.
Ganz Europa braucht viel mehr Juden.
Es ist als ob das Salz , der Humor
die Kultur auch die Aussenpolitik noch dringend Nachschub bräuchte !

Antworten wüterich
13.11.2007 19:59
0

Re: Wozu diese Diskussion in Österreich ?

Was heißt "wir waren Mittäter" ?
Ich z.B. war damals ein Säugling! Wie hätte ich da bei irgendwas mittun können ?

Antworten Antworten Gast: Jecke
14.11.2007 09:23
0

Re: Re: Wozu diese Diskussion in Österreich ?

wüterich! es gibt lt. wiesenthal keine kollektive schuld aber sehr wohl eine kollektive scham.

Antworten Antworten Antworten wüterich
14.11.2007 16:05
0

Re: Re: Re: Wozu diese Diskussion in Österreich ?

Da ich nicht die geringste Schuld trage, brauche ich auch keinerlei Scham zu demonstrieren!!

Gast: Benedikt
13.11.2007 12:06
0

Die Wahrheit ist zumutbar

Mearsheimer und Walt haben nur das niedergeshrieben und publik gemacht, was jeder Normalbürger sowieso wusste. Was hat ein Amerikanischer Offizier Wiesenthal geantwortet als er ihm seine Dienste anbot: "In den USA regeln die Ampeln den Verkehr und alles andere machen die Juden". Bis jetzt hat Israel seinen Nachbarn mehr Schaden zugefügt als umgekehrt. Israel würde an Ansehen viel gewinnen, wenn es das selbst einhielte, was es von den anderen verlangt.

Antworten Gast: Nilus
13.11.2007 17:47
0

Re: Die Wahrheit ist zumutbar

>>"Mearsheimer und Walt haben nur das niedergeshrieben und publik gemacht, was jeder Normalbürger sowieso wusste."

Genau, stand schon vor 100 Jahren in "Protokollen der Weisen von Zion"

>>> "Bis jetzt hat Israel seinen Nachbarn mehr Schaden zugefügt als umgekehrt. "

Auch stmmt. Wäre es umgekehrt gewesen, gebe es keinen Israel mehr.

Staunton
13.11.2007 11:20
0

Obwohl die Palästinenserpolitik Israels striktest abzulehnen ist, dürfte hier eher ein Versuch vorliegen, den kriminellen Krieg der USA gegen den Irak Israel in die Schuhe zu schieben. Die USA versuchen einfach ständig, sich an anderen abzuputzen...

...wenn es Vorteile bringen könnte. Auch an den besten Bündnispartnern. Es glaubt doch hoffentlich niemand im Ernst, dass das erdöldurstigste Land der Erde, dass auch in Saudi-Arabien Truppen platziert hat, einen Anstoß Israels brauchte, um sich auf eine der größten Erdölvorkommen der Welt draufzusetzen. Übrigens sitzen US-Truppen und Geheimdienste doch auch sonst rund um die ganze übrige Welt in allen möglichen Ländern, um die Interessen der USA zu sichern. Kein Mensch kann sagen, in wie vielen Ländern bereits. Ist da vielleicht auch Israel schuld? Das ist einfach die Art und Weise, wie die USA schon seit ewiger Zeit Politik machen. Anders gesagt: Israel ist bestenfalls Mittäter, die USA sind aber mit Sicherheit selbst der Haupttäter.

Antworten Fritz
13.11.2007 17:39
0

Re: Obwohl die Palästinenserpolitik Israels striktest abzulehnen ist, dürfte hier eher ein Versuch vorliegen, den kriminellen Krieg der USA gegen den Irak Israel in die Schuhe zu schieben. Die USA versuchen einfach ständig, sich an anderen abzuputzen...

"....brauchte, um sich auf eine der größten Erdölvorkommen der Welt draufzusetzen. "

Und Sie glauben auch noch dieses kolportierte Märchen, dass es im Irak Krieg um die Sicherung der Ölversorgung der USA ging?

Um DAS Geld, könnten sich die Amerikaner sämtliche Ölvorräte der Welt um jeden Preis zusammenkaufen.
Der Irak Krieg hatte den alleinigen Zweck Israel eine potentielle Bedrohung zu nehmen. Wer hat denn das Märchen der irakischen Massenvernichtungswaffen erfunden und in der Welt verbreitet?

Der Iran wird der nächste Kandidat sein, der "israelneutral" zurechtgestutzt wird.
Warum sind die angeblichen iranischen Bestrebungen nach Atomwaffen ein derartiger Aufreger, die bestehenden Atomwaffen Pakistans aber nicht?

Weil der Iran, Israel infrage stellt, Pakistan aber nicht!

Vergil
13.11.2007 08:36
0

Israel Lobby

Durch Fragen kann man ein Interview genau so gestalten, wie durch Antworten. Herr Ultsch ist vielleicht im Nebenberuf <immobilienmakler ?

Gast: Crusader
13.11.2007 08:20
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Die Wahrheit ist öffentlich vertretbar.

Sie wird aber nur selten öffentlich gesagt.
Dank an die Presse.

Gast: pk
13.11.2007 05:00
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Qualität?

Die Fragen von Herrn Ultsch sprechen ja nicht dafür, dass er sich mit der Nahostfrage schon irgendwann auseinandergesetzt hat - vielleicht wäre er in der Sportredaktion besser aufgehoben.

phuter
13.11.2007 03:13
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Das nenne ich objektives Fragen...

Welcher Lobby der Journalist wohl angehört???

LUPO
13.11.2007 00:31
0

Da gabs ja noch einen Kriegsgrund

Wir sollten aber auch nicht die vermeintlichen Giftgasraketen und das jetzige Raketenschild vergessen.

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