WIEN (b. b.). Selbst ein erfahrener, anerkannter und populärer Fernsehjournalist wie Leonid Mletschin sagt: „Ich verstehe, wenn das Ausland verwundert über die Entwicklungen in Russland ist.“ Dass etwa bei der jüngsten Duma-Wahl in manchen Gemeinden 100 Prozent für Wladimir Putins Partei „Einheitliches Russland“ gestimmt hätten, sei für westliche Gemüter gewiss paradox, „aber in Russland verwundert das niemanden.“
Mletschin war am Mittwoch einer der Teilnehmer einer von der Russischen Botschaft und dem Renner-Institut in Wien veranstalteten Diskussion über Gesellschaft und Medien. Er beschrieb die russische Gesellschaft dabei als eine Art Lava-Strom, der sich noch nicht gefestigt habe. Deshalb ließen sich auch unmöglich Prognosen anstellen, wo sich Russland hinentwickeln werde.
Die gegenwärtige russische Gefühlslage ist laut Mletschin „ein Gemisch aus Sowjetnostalgie, Nationalismus und liberalen Wirtschaftsideen“. Derzeit herrsche in der Gesellschaft große Zufriedenheit darüber, wieder mächtig zu sein.
Angst vor selbstständigem Handeln
In anderen Ländern möge auch absonderlich erscheinen, dass Putin am Ende seiner Präsidentschaft viel populärer sei als zu Beginn seiner Amtszeit. Erklärbar sei dies vor allem dadurch, dass nach den wilden Neunzigerjahren, die die Mehrheit der Russen als Tragödie empfunden hätten, mit Putin plötzlich ein starker Politiker aufgetaucht sei, dem die Menschen vertrauten und auf den sie Verantwortung abwälzen konnten. Mletschin wies in diesem Zusammenhang auf Russlands starke paternalistische Traditionen hin: „Bei uns gibt es eine panische Angst vor selbstständigem Handeln.“
Maxim Troepolskij, führender Journalist beim Fernsehsender Ren-TV, bestätigte, dass es heute beim russischen Publikum einfach gut ankomme, wenn die Staatsmacht imperiale Ambitionen zeige. Hingegen drehe ein Großteil der TV-Zuseher ab, sobald Oppositionspolitiker am Bildschirm erscheinen würden. „Die russische Bevölkerung ist im Moment recht zufrieden mit dem Lauf der Dinge. Da halten sie das Gejammer von Regierungskritikern für überflüssig.“
Eduard Steiner, der das Geschehen in Russland seit sechs Jahren als Zeitungskorrespondent beobachtet, vermisst in der russischen Politik ebenso wie in der Medienlandschaft Pluralität und Konkurrenzdenken. „Dabei ist Konkurrenz doch die Voraussetzung für Innovation.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2007)
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