NIS. Das Schlagen der Trommeln steigert sich. „Serbien, Serbien – Sieg, Sieg, Sieg!“, skandieren die 7000 Menschen auf den Rängen der Cair-Halle im südserbischen Nis. „Hebt die Nationalflaggen!“, bellt Minister Dragan Djilas ins Mikrofon: „Bei diesen Wahlen zählen keine Parteien, nur noch Serbien!“ Rot leuchtet bengalisches Feuer über dem Fahnenmeer.
Über die Leinwände flimmern die Bilder von Staatschef Boris Tadic beim Küssen der Flagge, dem Abschreiten der Ehrengarde, dem Händedruck mit Wladimir Putin. Spot-Strahler erfassen das früh ergraute Haupt des Amtsinhabers, als sich der Präsident unter tosendem Beifall Händeschüttelnd den Weg zum Rednerpult bahnt.
„Glaubt an Serbien!“
Immer wieder spreizt Kandidat Nr.3 Daumen, Mittel- und Zeigefinger zur Drei: zum serbischen Gruß. Mit erhobenen Armen dirigiert er Sprechchöre. „Glaubt an Serbien!“, beschwört Boris Tadicsein Publikum: „Wir verteidigen unsere Interessen – und gehen mit Kosovo nach Europa.“
Neun Kandidaten buhlen bei Serbiens Präsidentenwahl am kommenden Sonntag um die Gunst des Publikums. Aussicht auf den Einzug in die Stichwahl am 3.Februar haben allerdings nur zwei: Im Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem prowestlichen Amtsinhaber Tadic hat der nationalistische Oppositionschef Tomislav Nikoliczunehmend Aufwind.
Verehrung für Kriegsverbrecher
Inbrünstig stimmen die 30.000 Menschen in der voll besetzten Belgrader Arena die Nationalhymne an. Rhythmisch klatschend stimmt die Pop-Ikone und Eurovisions-Siegerin Marija Serifovic die Massen auf den Auftritt des Herausforderers ein. Vor dem Podium recken die Anhänger der Radikalen Partei die Bildnisse der flüchtigen Kriegsverbrecher Radovan Karadcic und Ratko Mladic in die Kameras. Ihr Hoffnungsträger auf der Bühne hat hingegen den Solidaritäts-Anstecker mit seinem im Gefängnis des UN-Kriegsverbrecher-Tribunal einsitzenden Parteichef Vojislav cecelj im Wahlkampf vorläufig abgelegt.
Ob für Albaner, Roma oder Ungarn, er werde als Präsident für „alle Brüder in Serbien“ streiten, versucht sich Nikolic stattdessen in der Rolle des überparteilichen Landesvaters. „Sie behaupten, dass Ihr keine Ahnung habt und ungebildet seid,“ ruft der Mann im dunklen Anzug seinen Anhängern zu: „Doch alle verkünden nun unser Programm. Denn Ihr seid stark und habt schon jetzt gewonnen.“
Die Rollen scheinen vertauscht in Serbiens verkehrter Wahlkampf-Welt. Der Europäer Tadicmimt den patriotisch gesinnten Vaterlandslandsverteidiger, Nationalist Nikolic hingegen den um Ausgleich bemühten Biedermann.
Die aufgeheizte Kosovo-Debatte, die dürftige Regierungsbilanz könnten Nikolic den Weg in den Präsidentenpalast bahnen. Die Umfragen sehen Nikolic im ersten Wahlgang mit sieben Prozent vorn, bei der Stichwahl prognostizieren sie einen Vorsprung für Tadic.
Zwischen Russland und EU
Etwas angestrengt versucht sich der Amtsinhaber im europäisch-patriotischen Spagat. „Ihr habt die Wahl zwischen dem Rückfall in die Vergangenheit oder dem klaren Weg in eine europäische Zukunft“, warnt Tadic in Nic.
Das Land stehe am Scheideweg, sagt Milan Nikolic, Direktor des Zentrums für Politische Studien in Belgrad. Tadic wolle das Land in die EU und Nato führen. Sollte sein Rivale gewinnen, sei eine „Art Selbstisolation“ mit stärkeren Banden zu Russland und zu China zu erwarten. Viele Serben würden den drohenden Verlust des Kosovo als „große Ungerechtigkeit“ empfinden, so der Politologe. Hinzu komme, dass Tadic sich der Unterstützung des nationalkonservativen Koalitionspartners DSS von Premier Vojislav Koctunica nicht sicher sei: „Tadic hat kaum Manövrierraum. Er muss Koctunica zeigen, dass er in Sachen Kosovo bei der Stange bleibt.“
Immer wieder unterbricht in der Arena frenetischer Beifall die heiseren Stakkato-Sätze des nationalistischen Kosovo-Serben Milan Ivanovic. Die Wahl des Kosovo sei klar, verkündet der Serbenführer mit sich überschlagender Stimme. Nur Nikolic kämpfe für die territoriale Integrität des Kosovo.
Ein Mann in einer abgewetzten Ski-Jacke hat das Bildnis seines Hoffnungsträgers auf ein Schild geklebt. Seinen Namen will der 50-Jährige nicht nennen, die Gründe für seine Wahl hingegen schon. Nur Nikolic sei nämlich der Garant für eine bessere Zukunft, sagt der schnauzbärtige Familienvater aus Krucevac: „Ich bin schon seit acht Jahren ohne Arbeit. Sie haben die Fabriken geschlossen und alles verkauft. Niemand von uns hat mehr einen Job.“
Nur der kleinere Teil der Fans von Nikolic seien hart gesottene Nationalisten, sagt Meinungsforscher Marko Blagojevic: „Seine Wähler sind Wendeverlierer.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2008)

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