Wien. Große Staaten, große Armeen, hohe Suizidraten unter den Soldaten: Auf diese einfache Formel könnte man angesichts der Statistiken kommen, die von den USA und Russland über die Zahl der Selbstmorde in ihren Streitkräften für vergangenes Jahr veröffentlicht wurden. 121 amerikanische Soldaten haben sich 2007 das Leben genommen, wovon 32 Fälle noch untersucht werden. Im selben Jahr verübten auch 224 russische Soldaten Selbstmord.
Im Fall der USA ist gerade der Anstieg der Selbstmorde beunruhigend. Im Jahr 2001, als die Regierung in Washington nach dem Terrorgroßangriff vom 11. September den weltweiten Krieg gegen den Terrorismus ausrief, betrug die Zahl der Suizide in den Reihen der US-Streitkräfte noch 52. 2007 waren es mehr als doppelt so viele.
Aber warum der Anstieg? Die USA führen asymmetrische Kriege in Afghanistan (seit 2001) und Irak (seit 2003). An beiden Schauplätzen toben besonders hinterhältige Kriege. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die zynische Terrorkriegsführung des irakischen Netzwerks von al-Qaida, als am vergangenen Wochenende zwei geistig verwirrte Frauen als Selbstmordattentäterinnen auf zwei Bagdader Märkte losgeschickt wurden, wo Bomben an ihren Körpern dann ferngezündet wurden.
Kein Wunder, dass die psychischen Belastungen der Soldaten beim Einsatz in einer derart feindseligen Gegend enorm ist und dies auch nach der Heimkehr entsprechende Folgen hat. Von 750.000 US-Veteranen, die seit 2001 in Afghanistan und Irak im Einsatz waren, haben über 100.000 Anträge auf Behandlung wegen psychischer Probleme gestellt. Die meisten leiden am sogenannten posttraumatischen Stress-Syndrom (PTSD), das Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Angstzuständen, Depressionen und Persönlichkeitsveränderungen bewirkt.
Offenbar sind die Mehrfacheinsätze im Irak besonders belastend. Mehr als ein Viertel der 2007 verübten Selbstmorde von US-Soldaten soll direkt mit dem Irak-Einsatz zu tun haben. Als weitere Suizidgründe nennen Armee-nahe Psychiater Beziehungsprobleme der Soldaten, juristische und finanzielle Probleme sowie Alltagsstress. Die Beziehungsprobleme hängen mit den langen Einsätzen zusammen; so wurde die Dauer des Dienstes im Irak für manche Kampfeinheiten zuletzt von zwölf auf 15 Monate verlängert.
Das russische Krebsübel
Die Zahl der Selbstmorde in den russischen Streitkräften war 2007 freilich fast doppelt so hoch wie unter US-Soldaten. 224 russische Soldaten schieden nach Angaben des Verteidigungsministeriums freiwillig aus dem Leben. Das Ministerium nennt weitere Todesursachen von Soldaten: Unfälle (126 Tote), Verkehrsunfälle (41), Mordfälle und fahrlässige Tötungen (23), Amtsmissbrauch und Misshandlungen von Rekruten (15), falscher Umgang mit Waffen (13).
Das Krebsübel der russischen Streitkräfte versteckt sich hinter der Bezeichnung Amtsmissbrauch und Misshandlung von Rekruten. „Dedowschtschina“ heißt das zu trauriger Berühmtheit gelangte russische Wort. Es bedeutet „Herrschaft der Großväter“ – die systematische Drangsalierung, Erniedrigung, Demütigung und brutale Machtausübung von Längerdienenden über jüngere Wehrmänner. „Dedowschtschina“ ist sicher auch die Hauptursache für die Mehrzahl der Selbstmorde unter den Soldaten, aber darüber machte das Verteidigungsministerium keine Angaben. Obwohl schon zu Sowjetzeiten als „Krankheit der Armee“ erkannt, ist in den Streitkräften des modernen Russland diese grausame Praxis offensichtlich noch immer gang und gäbe.
in den US-Streitkräften haben sich im vergangenen Jahr 121 Soldaten das Leben genommen, wobei 32 Fälle noch weiter untersucht werden. 121 wäre eine Steigerung um 20 Prozent gegenüber 2006 (102 Suizide). Zudem gab es 2100 Selbstmordversuche bzw. Selbstverstümmelungen unter US-Soldaten.
In den russischen Streitkräften kam es 2007 zu 224 Selbstmorden. Ein großer Teil davon ist auf Dedowschtschina zurückzuführen die grausame Schikanierung von Rekruten durch längerdienende Soldaten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2008)

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