Mergims Augen leuchten. Die Begeisterung des Fünfjährigen gilt aber nicht den rot-schwarzen albanischen Flaggen an dem Stand mitten auf dem Heldenplatz, sondern den bunten Lutschern direkt daneben. Beides gibt es an diesem Tag gratis, und beides findet reißenden Absatz. Die Kosovo-Albaner in Österreich feiern die Unabhängigkeit des Kosovo, und auch die Kleinsten sollen etwas davon haben. Schließlich hat der Kosovo die jüngste Bevölkerung Europas.
Auch die Feier am Wiener Heldenplatz wird von jungen Menschen geprägt. Kleine Kinder tragen die albanische Fahne als Cape, Babys schlafen zugedeckt unter der schwarz-roten Flagge im Kinderwagen. Vor allem aber: Unzählige Jugendliche, die singend und tanzend über den Heldenplatz ziehen.
"Wir wollen Party", lässt ein Mädchen keinen Zweifel daran, warum sie heute hier ist. Ihre Freundin Adriane sieht die Angelegenheit schon etwas ernster: "Wir haben lange auf die Unabhängigkeit des Kosovo gewartet", sagt sie. Die 19-Jährige lebt seit ihrem ersten Lebensjahr in Österreich und kennt den Kosovo nur von gelegentlichen Urlaubsreisen. Trotzdem ist der Kosovo auch ein Stück Heimat für sie. Den Serben steht sie misstrauisch gegenüber: "Als Freunde will ich sie nicht". Warum, das kann sie nicht näher begründen. "Wir können nicht vergessen, was sie uns angetan haben", springt ihre Freundin Liridona ein. Mit "uns" meint sie die Kosovo-Albaner, denn persönlich kennt sie Serben nur als Schul- und Arbeitskollegen - und angetan haben die ihr bisher noch nichts. Aber jedes der Mädchen kennt von ihren Verwandten Geschichten vom Krieg und von getöteten Verwandten und Bekannten.
Rückkehr in die alte Heimat?
Avdullah hingegen kennt den Konflikt zwischen Serben und Kosovo-Albanern nicht nur aus Erzählungen. "Ich bin von der serbischen Polizei bewusstlos geschlagen worden", erzählt er. Das war Anfang der 90er Jahre, und Avdullah war in seiner alten Heimat gerade beim Radfahr-Training. Die Farben seines Trikots waren rot und schwarz, wie die Flagge Albaniens. Das habe den Polizisten als Anlass gereicht. Kurze Zeit später ging er nach Österreich, und er ist "dankbar, dass ich aufgenommen wurde".
Für Avdullah ist die Feier am Heldenplatz daher weit mehr als nur eine Party: "Einen größeren Tag gibt es nicht". Jetzt, wo der Kosovo unabhängig sei, könne er sich auch eine Rückkehr vorstellen. Es werde mit dem Land jetzt auch wirtschaftlich wieder bergaufgehen - der kosovarische Premier Thaci wisse schließlich besser, was gut für das Land sei, als die serbische Regierung.
Der Name Thaci erklingt heute oft auf dem Heldenplatz. Am häufigsten sind aber die "Kosova, Kosova"-Sprechchöre. Und schlichter Jubel, der zwischen Auftritten von Tanzgruppen und Reden immer wieder aufbrandet.
"Es ist ein Wunder", ruft Mekaj. Ein Wunder, an das er eigentlich schon nicht mehr geglaubt hat. Der 72-Jährige kam vor 36 Jahren aus dem Kosovo nach Österreich. Aber: "Heimat ist Heimat", sagt er wehmütig und erzählt von seinem Traum, seine letzten Lebensjahre im Kosovo zu verbringen. Er glaubt an den wirtschaftlichen Aufschwung und an eine friedliche Zukunft - auch mit der serbischen Minderheit im Kosovo. "Wir haben versprochen, dass den Serben nichts passiert, und daran halten wir uns", sagt er. Das einzige, was jetzt zähle, sei die "Freude über die Freiheit".
"Irgendein türkisches Fest"
"Kosovo unabhängig - danke Österreich!" ist auf einem Transparent vor dem Reiterdenkmal zu lesen. Österreicher ohne kosovarischen Hintergrund finden sich unter den rund 2000 Besuchern aber nur wenige. Die meisten Passanten, die auf ihrem Sonntagsspaziergang zufällig vorbeikommen, wissen gar nicht, was hier gefeiert wird. "Was ist denn das?", fragt ein Mann kopfschüttelnd. "Irgendein türkisches Fest", vermutet eine ältere Frau. Ein deutsches Touristenpaar wurde von der Musik angezogen: "Was gibt es hier, eine Kirmes?", fragt die Frau hoffnungsfroh. Als sie den wahren Anlass des Spektakels erfahren, kehren die Beiden enttäuscht um: "Kosovo? Ach so!".

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