Ach lassen Sie mich mit Kosovo in Ruhe!“, sagt der Spaziergänger im Kalemegdan-Park, grüßt, und geht. Eine Hausfrau meint: „Sicher gehört Kosovo uns. Aber wenn der Westen ihn nehmen will, was können wir machen?“ Mehr interessieren sich die sorgsam geschminkte Dame und ihre Tochter für die in Belgrad stattfindende Kosmetik-Messe. „Sollen sie ihre Unabhängigkeit kriegen. Sie werden schon sehen, was sie davon haben“, meint ein Arbeitsloser mit abfälliger Geste; dazu verwendet er für die Albaner das Schimpfwort „Siptari“. Groß ist der Kontrast zwischen dieser Unaufgeregtheit und den Schlagzeilen serbischer Zeitungen: „Okkupation!“ schmettert der „Kurir“ seinen Lesern entgegen. „Kosovo bleibt bei uns!“ greift eine Titelzeile im Blattinneren den Slogan einer Demo vom Vortag auf, ohne ihn als Zitat auszuweisen.
2500 Menschen hatten Samstag vor Sloweniens Botschaft gegen die EU-Mission im Kosovo demonstriert. Slowenien hat derzeit den EU-Vorsitz, und man hat dem Land nicht vergessen, dass es in den 90ern als erstes Jugoslawien verließ. „Faschisten!“, brüllt einer in Richtung Botschaft. Der Platz davor ist abgesperrt, doch brechen Demonstranten mehrfach durch den Polizeikordon.
Kirche wünscht russische Militärhilfe
Auf einigen Fahnenstangen, von denen serbische Fahnen flattern, stecken Kreuze, und viel ist in den Ansprachen die Rede vom „christlichen, orthodoxen Serbien“. Mönche bringen eine Ikone: ein Geschenk Russlands. Die Ikone führt den Zug „durch unser orthodoxes Belgrad“ hinauf zur Sava-Kathedrale an, wo im Schneegestöber schon Geistliche im Festtags-Ornat warten.
Die Demonstranten sind junge, böse blickende Männer, viele vom Fußballklub „Roter Stern“, und Pensionisten. Die Generationen dazwischen fehlen. „Wir waren in jedem Krieg auf der richtigen Seite. Gegen die Türken, Hitler. Ist das der Dank?“, so ein Pensionist. Er trägt einen „Ich will nicht nach Europa“-Button. „Wir demonstrieren, bis Kosovos Verbleib bei Serbien gesichert ist“, knurrt ein Mann mit Tschetnik-Mütze.
Serbiens Regierung zeigte Sonntag Präsenz im Kosovo: Viele Minister fuhren in die Serben-Enklaven. Kosovo-Minister Slobodan Samardzic sagte in der geteilten Stadt Mitrovica, nach dem „Völkerrechtsbruch“ sei „die Welt nicht mehr dieselbe“. Während man betonte, friedlich um Kosovo zu kämpfen, kamen von Bischof Artemije, Oberhaupt der orthodoxen Kirche Kosovos, kriegerische Töne: Serbiens Armee solle eingreifen – und Russland Waffen und Freiwillige schicken.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2008)



