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„Von diesem Moment an ist Kosovo frei“

17.02.2008 | 18:27 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS ROSER (Die Presse)

REPORTAGE. Die albanische Mehrheitsbevölkerung feierte die lang ersehnte Unabhängigkeit mit Feuerwerken und Freibier. In den serbischen Enklaven herrschte angespannte Friedhofsstille.

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PRISTINA. Ein Meer der roten Fahnen mit dem schwarzen Doppeladler wogt über der Menschenmenge vor dem Parlament in der Kosovo-Hauptstadt Pristina. In der hohe Halle des Sitzungssaals lauschen die Abgeordneten in grauen Ledersesseln, wie der ehemalige Rebellenkommandant und jetzige Premier Hashim Thaçi neun Jahre nach Ende des Kriegs die lang ersehnte Unabhängigkeit verkündet. „Niemals haben wir den Glauben an den Traum verloren, zwischen den freien Nationen zu stehen“, erklärt er. „Der Tag ist gekommen: Von diesem Moment an ist Kosovo stolz, unabhängig und frei.“

Böllerschüsse und ein vielstimmiger Jubelchor erschallen nach der Verlesung der Unabhängigkeitserklärung in den Straßen von Pristina. Seine Landsleute sollten den „großen historischen Tag mit Würde feiern“, hatte Thaçi am Morgen im Blitzlichtgewitter der Fotografen im Presse-Zentrum des Grand Hotel seine Landsleute gemahnt. Zum Fest lassen sich zumindest die albanischen Bewohner des neuen Staates ohnehin nicht bitten. Im ganzen Land feiern sie bereits in der Nacht zum Sonntag auf Straßen, in Beisln und Diskotheken.

Am Sonntag ist aufgeräumte Feierstimmung angesagt. Mit Freunden und Familien flanieren die Bewohner Pristinas durch ihre festlich herausgeputzte Stadt. Tiefrot flattern die Flaggen mit dem schwarzen Doppeladler an Auto-Antennen, von den Fenstersimsen und auf den Dächern.

Viele Männer haben sich zum Geburtstag ihres Landes die traditionellen Oeleshe-Kappen auf das Haupt gedrückt, manche die Landesfahnen der populären Schutzmacht USA geschultert. Selbst die zahlreichen Stromausfälle und das Brummen der Notstrom-Generatoren können am größten Tag des kleinen Landes die Stimmung kaum trüben. Freibier perlt in Plastikbecher, gratis bieten Unternehmer den Festbesuchern am frisch gepflasterten Mutter-Theresa-Boulevard Limonade, Kekse und selbst Ketchup-Flaschen feil.


Angst vor Gewaltausbrüchen

Eigens für den Unabhängigkeitstag ist der Jung-Unternehmer Kushtrim aus Paris in seine Heimat zurückgekehrt. „Merci, Europe, Thank you USA“, steht auf dem Schild, mit dem der stoppelbärtige 27-Jährige ins Zentrum der Kosovo-Hauptstadt gezogen ist. Er wolle sich einfach bei allen bedanken, die seinem Heimatland beim „Weg in die Freiheit“ geholfen hätten, sagt er: „Dies ist der Geburtstag meines Landes – und damit auch für mich.“

Von der ausgelassenen Feststimmung in Pristina ist in den serbisch besiedelten Regionen des zwei Millionen-Einwohner-Staates am Unabhängigkeitstag indes nichts zu spüren. Friedhofsstille herrscht auf den vereisten Straßen der nur zehn Kilometer von Pristina entfernten Serben-Enklave Gracanica. Die Leute seien „unsicher, besorgt und angespannt“ – und hätten Angst „vor neuen Gewaltausbrüchen“, berichtet im Kulturzentrum Zoran Stankovic, Chefredakteur des Lokalsenders „Radio Gracanica“: „Denn unsere Enklave ist nach allen Seiten offen – und von Albanern umgeben.“

Mit einem Exodus der Bewohner ist nach Einschätzung des Journalisten zumindest in Gracanica aber nicht zu rechnen: „Die Leute wollen hier leben – und bleiben.“

Die kulturelle Identität der serbischen Minderheit werde im neuen Staat „vollkommen gewahrt“, versichert beim Staatsakt im Parlament der Minderheit auf Serbisch Staatschef Fatmir Sejdiu: „Kosovo ist Euer Haus.“. Doch noch wollen ihm die Serben nicht glauben.


Erinnerung an den Krieg

In Pristina schießen Feuerwerkskörper in die kalte Winterluft. Auf mächtigen Spießen drehen sich Kalbsbraten, ein würziger Duft zieht durch die Innenstadt. Aus Dejcan hat sich der Gipser Rexhe Povataj in die Hauptstadt aufgemacht. Sein kleiner Betrieb verschaffe ihm „genug zum Überleben, mehr nicht“, erzählt der Handwerker. Doch an seine Alltagssorgen verschwendet der Mann mit dem rot-schwarzen Schal an dem großen Tag seines kleinen Landes keine Gedanken.

Unvorstellbar sei es für ihn während des „schrecklichen“ Krieges gewesen, dass er die ersehnte Unabhängigkeit noch erleben werde: „Damals dachte ich, für den Kosovo gibt es kein Leben mehr.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2008)

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