Er schwebte herab in einem Helikopter, ließ sich auf geschichtsträchtigem Boden nieder, um seine Botschaft von der neuen Größe und Einheit Serbiens zu verkünden. Es war der 28.Juni 1989, als Serbiens neuer Nationalheiliger Slobodan Milosevic mit hunderttausenden Anhängern auf dem Amselfeld des 600. Jahrestages der Schlacht gegen die Osmanen gedachte. Damals – am Tag des Heiligen Veit 1389 – war im Kosovo eine Streitmacht unter dem serbischen Fürsten Lazar den Osmanen entgegengetreten. In der nationalen serbischen Geschichtsmythologie gilt die Schlacht als verheerende Niederlage, die die Herrlichkeit eines mittelalterlichen serbischen Reiches zerstörte, dessen Herz der Kosovo war.
„Niemand soll euch schlagen“
Milosevic bemühte 1989 den alten Kosovo-Mythos vom serbischen Volk, das sich – von allen im Stich gelassen – auf dem Amselfeld für das Christentum hinschlachten ließ. Die Massenzeremonie am 28.Juni war aber auch eine Feier zur „Heimholung“ des Kosovo. Nur Monate zuvor hatte MilosevicPanzer in Marsch gesetzt, um wieder die volle Kontrolle über seine südliche Provinz herzustellen. Jugoslawiens Verfassung von 1974 hatte dem Kosovo weitreichende Autonomie und beinahe dieselben Kompetenzen verliehen wie einer Teilrepublik. Aus serbischer Sicht missbrauchten die Kosovo-Albaner ihre Autonomie, um die serbische Bevölkerung des Kosovo zu verdrängen. Horrorgeschichten von Massenvergewaltigungen und Brunnenvergiftungen machten in serbischen Medien die Runde.
Diese kollektive Welle der Empörung über den angeblichen „Genozid“ an den Serben im Kosovo spülte schließlich auch Milosevic an die Macht. „Niemand soll euch schlagen!“, hatte er im April 1987 Kosovo-Serben vor laufenden Fernsehkameras versprochen und sich zum neuen Schutzherren der Serben hochstilisiert.
1989 verhängte er im Kosovo den Ausnahmezustand und setzte die Autonomie der Provinz außer Kraft. Die serbische Polizei verhaftete tausende Personen, albanische Beamte und Ärzte verloren ihre Jobs. Im Kosovo tobten Straßenschlachten. Schließlich setzte sich bei den Albanern aber jener Flügel durch, der für nichtmilitärischen Widerstand eintrat. Man fürchtete, mit einem bewaffneten Aufstand Belgrad nur einen Vorwand für noch härteres Vorgehen zu liefern.
Die Albaner bauten ein eigenes Bildungs- und Gesundheitssystem auf, hielten Untergrundwahlen ab und kreierten für sich eine parallele Welt mit Ibrahim Rugova als Präsidenten. Das von Belgrad aufgelöste Kosovo-Parlament erklärte im Juli 1990 die staatliche Unabhängigkeit der Provinz – freilich ohne reale Auswirkungen.
Als Milosevic 1995 in Dayton seine Unterschrift unter einen Friedensvertrag für Bosnien setzte, wurde er mit einem Schlag zu einem wichtigen Partner des Westens. Die Kosovo-Albaner waren schockiert, die Unzufriedenheit über Rugovas Weg des nichtmilitärischen Widerstands wuchs.
Schon Anfang der Neunzigerjahre hatten sich kleine marxistische Gruppen zur „Befreiungsarmee des Kosovo“ (UÇK) zusammengeschlossen. 1997 versank Albanien im Chaos. Kasernen und Polizeistationen wurden geplündert. Plötzlich stand umfangreiches Kriegsmaterial zur Verfügung. Die UÇK deckte sich damit ein, überfiel serbische Polizisten, tötete albanische „Kollaborateure“ und entführte serbische Zivilisten. Anfang 1998 startete Milosevic die erste Gegenoffensive. Doch je brutaler die serbischen Sondertruppen vorgingen, desto massiver wurde der Zulauf zur UÇK. Innerhalb weniger Monate brachten die Rebellen große Teile des Kosovo unter ihre Kontrolle.
Als im Sommer 1998 die serbischen Truppen mit schwerem Gerät zu einer Großoffensive antraten, wurden die „befreiten Zonen“ aber innerhalb weniger Wochen überrollt. Bei ihrem Vormarsch brannten die Serben albanische Dörfer nieder, zehntausende Menschen flüchteten in die Wälder.
Nun drohte die Nato Serbien offen mit einem Militärschlag. US-Balkan-Vermittler Richard Holbrooke rang Milosevic einen Teilabzug aus dem Kosovo und die Stationierung von OSZE-Beobachtern ab. Doch auch dieses Abkommen brachte keinen Frieden. Mit der UÇK hatte niemand geredet. Und die Rebellen rückten nun in jene Zonen vor, die die serbischen Einheiten gerade verlassen hatten. Bald mussten die OSZE-Beobachter von neuen Gefechten und Massakern berichten.
Im Februar 1999 zwangen USA, EU und Russland Serben und Kosovo-Albaner zu Verhandlungen ins französische Schloss Rambouillet. Erstmals saß nun auch die UÇK mit am Tisch, ihr politischer Direktor Hashim Thaçi wurde Leiter der Kosovo-Delegation.
Der internationale Vorschlag sah eine „substanzielle Autonomie“ des Kosovo innerhalb Jugoslawiens vor. Nach drei Jahren sollte dieser Status unter Einbeziehung aller Parteien erneut „überprüft“ werden. Die Albaner stimmten auf Drängen der USA schließlich zu. Serbien war dagegen. In Belgrad stieß man sich vor allem daran, dass eine Nato-Truppe für die Sicherheit im Kosovo sorgen sollte. Als klar war, dass die Gespräche keinen Kompromiss bringen würden, bereiteten sich alle Seiten auf den militärischen Showdown vor. Serbien zog Truppen im Kosovo zusammen. Die Nato drohte Milosevic mit Luftschlägen, sollte er das Abkommen nicht unterzeichnen.
Am 24. März 1999 wurde Belgrad von Detonationen erschüttert. Die Nato hatte ihre Drohung wahr gemacht und die Operation „Allied Force“ gestartet. Schiffe in der Adria feuerten Marschflugkörper ab. Bomber und Kampfjets flogen Angriffe auf Ziele in Serbien, Kosovo und Montenegro. Bereits Tage zuvor waren serbische Einheiten im Kosovo zum Großangriff übergegangen. Polizei und Paramilitärs drangen in albanische Dörfer ein, verübten Massaker, brannten Häuser nieder, vertrieben die Einwohner. Hunderttausende Kosovo-Albaner flüchteten nach Albanien und Mazedonien.
Die Nato-Piloten zerstörten zwar Kasernen, Brücken und Raffinerien in Jugoslawien, die Vertreibungen im Kosovo konnten sie aber nicht verhindern. Immer wieder mussten die Sprecher der Allianz „Fehler“ wie den Tod Dutzender Zivilisten bei einem Angriff auf einen Personenzug eingestehen. Je länger die Luftschläge andauerten, desto mehr Widerstand regte sich innerhalb des Bündnisses gegen die Militäroperation.
Man atmete daher auch in Washington und Brüssel auf, als Milosevic einem Friedensvorschlag der G8-Staaten zustimmte. Serbien akzeptierte den Einmarsch von Nato-geführten Friedenstruppen im Kosovo und zog seine Einheiten aus der Provinz ab. Der Kosovo erhielt eine UN-Übergangsverwaltung. Offiziell blieb er Teil Jugoslawiens, de facto verlor Serbien aber jegliche Kontrolle über die Provinz. Nun kehrten die vertriebenen Albaner zurück und diesmal gingen serbische Häuser in Flammen auf. Albaner machten Jagd auf serbische Zivilisten, mehrere zehntausend Serben flohen. Wer blieb, verschanzte sich in Enklaven oder im Nordkosovo rund um die Stadt Mitrovica.
Die Kosovo-Albaner sahen sich bereits auf dem geraden Weg in die Unabhängigkeit. Doch das änderte sich mit dem Sturz Milosevics im Oktober 2000. Serbiens neue demokratische Regierung wurde wieder zum international anerkannten Gesprächspartner, eine Entscheidung über den künftigen Status des Kosovo auf die lange Bank geschoben.
Neuer „Verrat“ an den Serben
Im März 2004 brannte der Kosovo erneut. Nach Behauptungen, Serben hätten albanische Kinder mit Hunden in einen Fluss gehetzt, zündeten Albaner serbische Häuser und Kirchen an. Auch Fahrzeuge der UN-Mission wurden angegriffen. Mit der Revolte erinnerten die Albaner den Westen daran, dass er in Südosteuropa noch einen Konflikt zu lösen hatte.
Unter der Ägide der UNO starteten 2006 deshalb Verhandlungen über die Zukunft des Kosovo. Serben und Albaner fanden keinen Kompromiss, UN-Vermittler Martti Ahtisaari schlug eine „überwachte Unabhängigkeit“ für Kosovo und weitreichende Minderheitenrechte für die Kosovo-Serben vor. Die Albaner akzeptierten, Belgrad nicht. In Serbien machten neue Mythen die Runde – von einer weiteren Niederlage auf dem Amselfeld und einem neuen „Verrat“ am serbischen Volk.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2008)



