Kosovo und die Folgen: Staaten, die es gar nicht gibt

18.02.2008 | 17:32 |   (Die Presse)

Abchasien, Südossetien, Transnistrien: Phantomstaaten von Moskaus Gnaden wittern Morgenluft.

WIEN/Moskau(gau). Kein Globus verrät ihre Existenz. In keiner internationalen Organisation sind sie vertreten. Ihre Botschaften sucht man vergeblich. Und doch haben Sie Flaggen, Zöllner und Präsidenten – vor allem aber eine traurige Geschichte von ethnischen Säuberungen, Bürgerkrieg und wirtschaftlichem Verfall.

Abchasien und Südossetien gelten völkerrechtlich als Teil Georgiens, Transnistrien gehört zu Moldova. Doch nicht nur UNO und Völkerrecht entscheiden über Sein oder Nichtsein. Denn der Einfluss der Zentralregierungen auf die abtrünnigen Gebiete ist gleich null. „Stabilisierte De-facto-Regime“ nennen das Politologen.

Entstanden Anfang der 90er-Jahre aus der Konkursmasse der zerfallenden Sowjetunion, kämpfen die Gebilde von der Größe Salzburgs, Kärntens oder des Burgenlandes seitdem um internationale Anerkennung. Bis vor kurzem schien ihr Weg vom Phantom zum Staat noch endlos. Der „Präzedenzfall“ Kosovo eröffnet nun erstmals konkrete Perspektiven.

„Südossetien hat alle Kennzeichen eines Staates, anders als Kosovo“, behauptet der dortige Präsident Eduard Kokojty. „Dieses ganze Gerede über den ,einzigartigen Fall Kosovo‘ ist ein Beispiel für Doppelmoral“, poltert Abchasiens Präsident Sergej Bagapsh. EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner kontert: Der Kosovo sei keine „Blaupause“, ein Vergleich sei „weder korrekt noch hilfreich“.


Endziel: Heim nach Russland

Der Grund für das neue Selbstbewusstsein: Die Separatisten wissen Russland hinter sich. Auch ohne Anerkennung wurden sie von ihrer Schutzmacht wirtschaftlich und militärisch unterstützt. Putin hielt sie als Trümpfe im Kosovo-Poker lange in der Hinterhand. Nun spielt er sie aus: Ein anerkannter Kosovo werde „Russland zwingen, seine Strategie anzupassen“.

Das Endziel der Sezessionisten ist ein Anschluss an Russland. Schon heute haben die meisten Abchasen russische Pässe. Russische Minderheiten waren es gewesen, die sich von Georgien und Moldova abspalteten. Der Preis war hoch: In den georgischen Provinzen wurden Hunderttausende vertrieben. Nur Transnistrien profitiert auf zweifelhafte Weise von seinem ungeklärten Status: als Drehscheibe für den Schmuggel von Drogen und Waffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2008)


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9 Kommentare
 
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Von Stimme der Vernunft am 19.02.2008 um 12:18

Kosovo und die Folgen: Staaten, die es gar nicht gibt

Genauso ist es. Wegen Staaten, die es gar nicht gibt, werden Staaten, dies schon immer gegeben hat, keine Ruhe mehr finden. Kosovo ist nur der Anstoß, die Partie hat jetzt erst begonnen. Für all diejenigen Staaten, die in der Kosovo-Frage das Völkerrecht anders lesen, als es geschrieben ist, wünsche ich mir haufenweise neue Staaten. Das Europa immer noch nicht die Politik der USA durchschauen kann, ist schon etwas was zum Nachdenken auffordert, insbesondere die wahlberechtigten EU-Bürger, die mit ihrer Stimme etwas verändern können.
Da China schon längst auf der Überholspur ist und Russland sehr schnell zu alter Stärke zurückfindet, ist der UN-Sicherheitsrat kein amerikanischer "Amensclub" mehr, der zu allem sein Amen gibt, wie noch in den 90er Jahren, folglich haben die USA kein Interesse mehr am Fortbestand eines Organs, das nicht unter Kontrolle ist. Das Chaos das sie damit ausrufen werden, ist ihnen völlig wurscht. Europa wird sich noch sehr wundern, wo das alles enden wird.

Antworten Von Gast: AndreasK am 19.02.2008 um 19:07

Re: Kosovo und die Folgen: Staaten, die es gar nicht gibt

Es ist klar, dass die USA Vorteile durch diese Instabilität erlangen.. Ich frage mich jedoch, was sich die EU davon verspricht? Es gibt doch rein gar nichts, was durch einen solchen Ausgang für Europa vorteilhaft wäre..

Besteht unsere Führung tatsächlich nur aus willenlosen Marionetten der US Politik?

Von Gast: AEIOU am 18.02.2008 um 18:53

Na, und was

wird mit Kurdistan?

Antworten Von Gast: Aha am 19.02.2008 um 09:51

Re: Na, und was

Und was wird mit der Türkischen republik Norzypern und mit der republik Westthrakien? Und mit der Republik Mazedonien (und nicht FYROM!), welches sich gerne mit der gleichnamigen Provinz Makedonien, welches von Griechenland okkupiert wurde, wieder vereinigen möchte!

Antworten Von Gast: Blitzky am 18.02.2008 um 20:26

Immerhin bemerkenswert, dass Plassnik

im Fall des Kosovo für die Selbstbestimmung der Völker eintritt.
im Fall der Kurden aber nichts dabei findet, dass dort Politiker nur deshalb eingenäht werden, weil sie ihre Muttersprache öffentlich verwenden.
im Fall des eigenen Landes Österreich nichts dabei findet, dass die Souveränität mit der neuen EU-Verfassung flöten geht, ohne dass die Österreicher da selbst mitentscheiden dürfen.

Antworten Von Materialist am 18.02.2008 um 19:27

Re: Na, und was

wird mit Taiwan ?
Kurdistan und Taiwan sind die brisantesten Beispiele für die Folgen der einseitigen Unabhängigkeitserklärung der Kosovaren. Eine Anerkennung Kurdistans bedeutet die Sezession großer Teile der Türkei, des Iran und des Irak. Immerhin wurde den Kurden bereits 1920 im Friedensvertrag von Sevres ein eigener Staat in Aussicht gestellt.
Und eine Anerkennung Taiwans hat bisher nicht einmal die USA gewagt, da dies mit 99%-iger Wahrscheinlichkeit eine bewaffnete Auseinandersetzung mit China bedeuten würde.

Antworten Antworten Von Gast: Aha am 19.02.2008 um 09:58

Re: Re: Na, und was

Bevor die Kurden unabhängig werden sollen, dann zuerst Tibet und Uigurien bzw. Ostturkestan, welche als unabhängige Staaten von China annektiert wurden und die UNO diesen barbarischen Akt von China annerkannt hatten! Auch Westsahara, West-Papua, Schottland, selbst Bayern, Flandern, Sardinien, Korsika, Südtirol hätten historisch die Berechtigung, ihre Unabhängigkeit wieder zu erlangen! Ich wiederhole: WIEDER zu erlangen!!! Diese Gebiete waren nämlich selbstständig!

Antworten Antworten Antworten Von COH am 19.02.2008 um 22:00

Re: Re: Re: Na, und was

Ich rufe alle Serben auf sich im Österreich zusammen zu tun und einen eigenen Staat gründen!!!

GLEICHES RECHT FÜR ALLE ODER NICHT???

MFG

Antworten Antworten Antworten Antworten Von Gast: Ronin am 23.02.2008 um 17:22

Re: Re: Re: Re: Na, und was

Ich kann es auch nicht so recht glauben, dass EU-Staaten den USA folgen werden. Wenn sie das doch tun, beweisen sie Oberflächlichkeit und Verantwortungslosigkeit, denn ich bin auch, wie viele anderen Historiker und Politologen , fast davon überzeugt , dass sich die Situation am Balkan und auch überall , wo es solche "Staaten" gibt, erheblich destabilisieren wird. Ich wäre froh, wenn ich da falsch liege, was ich aber nicht glaube.

 
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