BELGRAD. Man könnte fast glauben, McDonalds sei schuld an der Unabhängigkeit des Kosovo: In der Nacht auf Montag fielen Randalierer über drei Restaurants der amerikanischen Kette in Belgrad und Novi Sad her. Zuvor hatte es schon vor der US-Botschaft in der serbischen Hauptstadt schwere Zusammenstöße zwischen gewalttätigen Demonstranten und der Polizei gegeben. Mindestens 60 Menschen wurden verletzt, vor allem Sicherheitskräfte, aber auch mehrere TV-Journalisten.
Am Morgen danach harrten noch vier Demonstranten in einer Art Mahnwache vor der US-Botschaft aus: „Ich war die ganze Nacht hier, um zu zeigen, dass ich gegen die Unabhängigkeit Kosovos bin“, sagt ein bärtiger Mann, gehüllt in eine serbische Fahne. Er gehöre zu den „Cetniks aus Zemun“ (ein Stadtteil Belgrads), sagt er stolz. Seinen wirklichen Namen will er nicht nennen, statt dessen stellt er sich mit den Worten: „Ich heiße Christ, Vorname: orthodox“ vor.
Slowenische Botschaft im Visier
Zerschlagene Fensterscheiben am Botschaftsgebäude zeugen von den brutalen Szenen des Abends: Nach unterschiedlichen Angaben zwischen 1000 und 2000 Demonstranten, zum Großteil Fußball-Hooligans, waren mit Knallkörpern und bengalischen Feuern vor die US-Vertretung gezogen, denn USA und Nato werden von der serbischen Regierung und von mehr als 50 Prozent der Bevölkerung als hauptverantwortlich für den Verlust des Kosovo angesehen. 200 Polizisten waren vor Ort, doch der Protest geriet binnen Sekunden außer Kontrolle, nachdem es einem Demonstranten gelungen war, den Kordon zu durchbrechen.
Mit wildem Furor wurden Steine gegen Botschaft und Polizisten geschleudert. Müllcontainer wurden auf die Straßen geworfen und teilweise angezündet, Schaufenster zerstört. Auch die meisten Fenster im Hauptquartier der Liberaldemokraten wurden eingeschlagen: Die prowestliche Partei wird von Nationalisten der „Kollaboration“ bezichtigt. Nächstes Ziel der Randalierer: Die Botschaft des EU-Vorsitzlandes Slowenien, die nur von 20 Polizisten geschützt wurde. Wieder wurden Fenster eingeschlagen, die slowenische und die EU-Fahne zerrissen.
Noch in der Nacht verurteilte Vizepremier Bozidar Djelic die Krawalle, die den serbischen Interessen „definitiv“ nicht nützlich seien und kündigte für Donnerstag eine friedliche Großdemonstration an: „Damit zeigen wir unsere Ehre – nicht mit der Zerstörung irgendeines McDonalds.“
Thaçi wegen Hochverrat angeklagt
Friedlich blieb zunächst auch der Protest von rund 7000 Menschen Montagnachmittag am zentralen Platz der Republik, mitveranstaltet von Studentenorganisationen. Mehrere Jugendliche kaperten mit serbischen Fahnen das Denkmal Fürst Mihailos, auf einem Transparent stand: „Kosovo Republik? Republik Schottland, Republik Korsika, Republik Südtirol?“. „Unsere Regierung muss die Vertreter aller Staaten aus dem Land werfen, die Kosovo anerkennen“, sagt Philosophiestudent Nikola. Und man müsse verhindern, das Firmen aus diesen Ländern Geschäfte in Serbien machen.
Für Montag war in Belgrad auch eine Parlamentssitzung anberaumt. Auf der Tagesordnung: Die Annullierung der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo. Zuvor hatte schon das Innenministerium in Belgrad Kosovo-Premier Thaçi, Präsident Fatmir Sejdiu und Parlamentspräsident Jakup Krasniqi wegen Hochverrats angeklagt.
Ein Foto Thaçis fand sich auch auf der Titelseite des Boulevardblattes „Press“, zwischen George W. Bush und Javier Solana. Darunter stand in dicken Lettern: „Fuck Off“. Etwas mehr Humor zeigte die Zeitung Blic in ihrem Cartoon: Bush drückt seine Unterstützung für die Unabhängigkeit Kosovos aus und fragt dann verschämt seine Außenministerin Rice: „Werden sie mir dann endlich meine Uhr zurückgeben?“. Bei einem Albanien-Besuch soll dem US-Präsidenten 2007 die Uhr abhanden gekommen sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2008)





RSS