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„Provokationen sind notwendig – davon leben doch die Satiriker“

24.02.2008 | 18:11 |  Von unserem Korrespondenten HANNES GAMILLSCHEG (Die Presse)

Exklusiv-Interview. Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard reflektiert über seine Mohammed-Zeichnung und die Folgen. Er fühlt sich dafür nicht verantwortlich.

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Die Presse: Seit drei Monaten leben Sie an geheimen Adressen. Zuletzt mussten Sie auch noch das Hotel verlassen, in dem Sie untergekommen waren. Hat Ihnen der dänische Geheimdienst PET eine neue Bleibe verschafft?

Kurt Westergaard: Ja, das hat er. PET sorgt für uns, und das Übersiedeln ist etwas, woran man sich gewöhnen kann. Meine Frau packt das Nötigste, dann ziehen wir weiter. Viele Dänen haben uns angeboten, wir könnten bei ihnen unterkommen. Das wärmte, das war eine willkommene Sympathieerklärung.

 

Man hat Sie mit Salman Rushdie und Hirsi Ali verglichen, fühlen Sie, dass Sie im gleichen Boot sitzen?

Westergaard: Das ist wohl etwas übertrieben. Ich bin doch nur ein simpler Blattzeichner, der seine Arbeit getan hat. Die Zeichnung war nicht schwer zu machen. Ich wollte zeigen, dass Terroristen ihre geistige Munition aus einem Teil des Islam beziehen. Und dann gab es diese Fälle von Selbstzensur. Der Grund für die Karikaturen in der Zeitung „Jylands Posten“ damals war ja, dass ein Buchautor keinen Illustrator für ein Mohammed-Buch finden konnte, und dass verschiedene Galerien Kunstwerke entfernten, weil sie Angst hatten, Moslems zu verärgern. Jemand hat mich einmal als „Karika-Kulturist“ bezeichnet. Ich meinte, ich könnte Katalysator in einem Prozess sein, in dem sich verschiedene Kulturen einander nähern, wenn sie gemeinsam in einem Land leben. Da bekümmerten mich diese Tendenzen zur Selbstzensur – und der wollte ich nicht unterliegen.

 

Als man Ihnen sagte, Sie sollten Mohammed zeichnen, so wie Sie ihn sehen: Dachten Sie da, jetzt will ich die Moslems provozieren?

Westergaard: Mir war schon klar, dass meine Zeichnung provozieren würde. Aber Provokationen sind notwendig, das ist ja, wovon Satiriker leben. Der Künstler zeigt die Wirklichkeit, mit seinen Stilmitteln. Da gibt es diese Picasso-Anekdote, dass ihn ein Nazi-Offizier fragte: „Sind Sie es, der Guernica gemacht hat?“ Und Picasso erwiderte: „Nein, das sind Sie!“ Die ist sehr gut, ob sie wahr ist oder nicht.

Was bedeutet Meinungsfreiheit für Sie und Ihre Arbeit?

Westergaard: Das ist, wovon ich lebe: Meinungsfreiheit und meine Fantasie und mein Engagement für die Demokratie. Ich provoziere ja nicht nur Moslems, auch Christen haben mich schon wegen Blasphemie kritisiert. Aber das spielt sich als Debatte auf den Leserbriefseiten ab und führt nicht zu Gewalt. Uneinigkeit ist doch die Dynamik der Demokratie.

Wann erkannten Sie eigentlich, dass das, was Sie da zeichneten, mehr war als eine normale Karikatur?

Westergaard: Da saß ich in Florida und sah im Fernseher, wie dänische Fahnen abgebrannt wurden. Diese Bilder von schreienden Menschen und ihrem Hass gegen Dänemark, das war schlimm. Ich weiß, dass diese Menschen von ihren Regimes ausgenützt wurden, aber das sind die Bilder, die mich immer noch verfolgen.

Damals starben Menschen bei den Demonstrationen, es gab große wirtschaftliche Folgen. Fühlen Sie eine Verantwortung dafür?

Westergaard: Nein, ich fühle nicht, dass ich für diese unglückseligen Ereignisse verantwortlich gemacht werden kann – weder ich noch „Jyllands-Posten“. Ich bedauere zutiefst, dass diese Menschen ums Leben kamen, aber das ist die Schuld der Machthaber, die die Massen aufgewiegelt haben.

 

Haben Sie Verständnis für die verletzten Gefühle, die Ihre Zeichnung ausgelöst hat?

Westergaard: Ja doch, das habe ich. Bestimmt. Aber in unserem Kulturkreis gibt es nichts, was heilig ist. Da gibt es nichts, was nicht kritisiert werden darf oder worüber man keine Satire machen kann. Ich glaube, dass die meisten Zuwanderer Dänemark als tolerantes Land erleben. Über unsere Meinungsfreiheit können wir jedoch keine Kompromisse machen. Aber Katholiken oder Moslems reagieren wohl stärker als wir Normaldänen auf das, was sie für blasphemisch halten.

Seither hat man Ihnen nach dem Leben getrachtet, ein Mordkomplott wurde aufgedeckt. Haben Sie Angst?

Westergaard: Jetzt bin ich bald 73, da ist man nicht mehr so bange. Ich stehe dafür ein, was ich getan habe. Meine Angst ist vom Zorn abgelöst worden, dass man mich verfolgt, nur weil ich meine Arbeit getan habe, in Übereinstimmung mit allen dänischen Regeln und Traditionen. Der Zorn ist wohl auch eine Art Therapie.

 

Gibt es Dinge, die Sie jetzt nicht mehr zeichnen würden, weil Sie die Folgen kennen?

Westergaard: Nein, ich mache das, wozu ich Lust habe, und wenn etwas verändert werden soll, ist das Aufgabe des zuständigen Redakteurs. Dann können wir darüber reden, ob ich das akzeptieren kann. Wir haben bei „Jyllands-Posten“ eine sehr harte Periode mit vielen Drohungen durchgemacht. Da gab es eine Zeit, in der wir nicht noch mehr provozieren wollten. Aber jetzt herrscht wieder Hochstimmung, und die Solidarität anderer Zeitungen nach den Morddrohungen hat uns gut getan.

 

Sind Sie wenigstens reich geworden mit Ihrer Zeichnung?

Westergaard: Bin ich nicht. Die Zeitungen, die meine Zeichnung nachdruckten, haben es mit den Copyright-Zahlungen nicht so ernst genommen. Was ich gekriegt habe, waren insgesamt keine tausend Euro. Die Zeichnungen haben eine Menge Artikel, Bücher und Filme ausgelöst und viele Menschen ernährt. Aber mich nicht.

ZUR PERSON

Kurt Westergaard (72) war Deutschlehrer und Leiter einer Schule für behinderte Kinder, ehe er eine Karriere als Karikaturist einschlug. Seine Zeichnung des Propheten Mohammed mit Bombe mit brennender Lunte löste nach ihrer Veröffentlichung Proteste in der islamischen Welt aus. Westergaard, verheiratet und Vater von fünf Kindern, erhielt Todesdrohungen, lebt seither unter Polizeischutz und musste wegen eines Mordkomplotts untertauchen.
[Foto: EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2008)

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4 Kommentare
alice
25.02.2008 08:13
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gratulation

gratulation herr Westergaard. sie sind ein wirklicher demokrat der die freiheit der presse hochhält..( der wichtigste teil der demokratie )....und sich nicht hinter einer verkrüppelten political correctness versteckt wie die meisten ihrer kollegen......welche aber in wirklichkeit nur angst haben die wahrheit zu sagen.....menschen wie sie treten, wahrscheinlich unbewusst, als träger des sekularismus auf..... der 30 igjährige krieg , der die entwicklung dieses freien europa erst möglich machte,,wäre sonst sinnlos gewesen...
ansonsten hätten hier die pfaffen das sagen wie im arabischen raum die mullahs.....die jetzt ihre terroristen schicken um uns zurück ins mittelalter zu bomben....aber die überlegene (europäische ) kultur wird sich immer gegen anfeindungen von aussen und durch unterwanderung im inneren zu behaupten wissen ....danke Herr Westergaard

Antworten Gerald
25.02.2008 10:58
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Re: gratulation

Bravo! Kann mich Ihren Worten nur anschließen. Nur dass das europäische Wertesystem mehr als "Kultur" ist, es ist schlicht und ergreifend ZIVILISATION! Denn "Kultur" hatten z.B. auch die blutrünstigen Azteken u.a.

Dazu ein Zitat das mir besonders gut gefallen hat:

"Kultur ist, wenn ich aus den Schädeln meiner Feinde Trinkgefäße mache. Zivilisation ist, wenn ich dafür ins Gefängnis komme."

Gast: gast
24.02.2008 19:25
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meine vollste Unterstützung

Der größte Skandal ist, daß unsere eigenen Mitbürger, die vom Islam (absichtlich Islam und nicht Islamist; Todesfatwas sind offizielle Richtsprüche moslemischer Imame) mit dem Tode bedroht werden, von der Politik nicht unterstützt werden. Kein Aufschrei der moslemischen Organisationen Österreichs, wenn eine österreichische Staatsbürgerin und Mutter (Dr. Winter) bedroht wird. Sogar die Justiz übt vorauseilenden Gehorsam dem Islam gegenüber aus (siehe http://www.nisnews.nl/public/220208_1.htm). Quo vadis, Europa? Wir sind nicht mehr die Herren im eigenen Lande. Wehe uns, wenn die Sharia die österreichische Verfassung ersetzen wird. Spätestens dann, wenn die Einwanderungstsunami zu greifen beginnt. Meine Hochachtung vor Ihrem Mut, Herr Westergaard, für die Pressefreiheit das eigene Leben einzusetzen!

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Re: meine vollste Unterstützung

Ich gebe Ihnen vollinhaltlich recht!