Das Abtreibungsgesetz, das seit 1978 in Italien die Fristenlösung vorsieht, ist seit seiner Implementierung umstritten. Nun wird es auch mehr und mehr zum Wahlkampfthema. Giuliano Ferrara, ein Starjournalist und Rechtspolitiker, tritt bei den vorgezogenen Parlamentswahlen im April mit einer eigenen Liste - "Lista per la vita" (Liste für das Leben) - an. Er erklärt den Kampf gegen die Abtreibung zu seinem wichtigsten Anliegen: "Ich glaube nicht, dass die Abtreibung ein Recht ist. Ich glaube, die Frauen haben genug davon. Die Abtreibung muss bekämpft werden. Niemand darf zur Geburt gezwungen werden, aber man muss sich für das Leben entscheiden."
Ferrara: "Abtreibung ist legale Todesstrafe"
Ferrara fordert von den Vereinten Nationen die Anerkennung des Rechts des Gezeugten: "Die Abtreibung ist eine legale Todesstrafe für Millionen werdender Menschen. Wer den UNO-Beschluss bezüglich der Todesstrafe begrüßt hat, sollte sich auch gegen das Massaker der Unschuldigen durch Abtreibung engagieren", erklärt der ehemalige Kommunist.
Wenig überraschend hat er dabei den Vatikan hinter sich. Dort plädiert man für eine sofortige Revision des Gesetzes über den Schwangerschaftsabbruch. Die Novellierung des Gesetzes sei "absolut notwendig", sagte der römische Generalvikar, Kardinal Camillo Ruini.
Berlusconi unterstützt Ferrara
Was etwas mehr überrascht: Auch Oppositionschef Silvio Berlusconi plädierte für ein weltweites Moratorium bei Abtreibungen. Auch er sprach zunächst von einem Recht auf Leben "vom Zeitpunkt der Empfängnis an". Später ruderte er jedoch zurück und erklärte, dass das Thema der Abtreibung nicht Teil seiner Wahlkampagne sein werde.
Walter Veltroni, Chef der Demokratischen Partei, solidarisierte sich mit den Ärzten und sprach sich für das geltende Gesetz aus, dem zufolge ein Schwangerschaftsabbruch erst ab der 24. Schwangerschaftswoche illegal ist. Innerhalb der ersten drei Monate der Schwangerschaft ist Abtreibung bei vorheriger ärztlicher Beratung erlaubt. "Die Abtreibung ist eine Tragödie, die bekämpft werden muss. Und genau das hat das Gesetz bewirkt. Seit seinem Inkrafttreten sind die Abtreibungszahlen um zirka 40 Prozent zurückgegangen", erklärte Veltroni.
Ausgelöst wurde die Diskussion durch den Fall einer 39-Jährigen, die ihr Baby in der 21. Schwangerschaftswoche abtreiben ließ, da sich bei einer vorhergehenden Untersuchung eine Chromosomen-Anomalie herausgestellt hatte. Nach einem anonymen Hinweis, dem zufolge die Frau die 24. Woche ihrer Schwangerschaft bereits überschritten hätte, wurde sie noch im Krankenhaus von der Polizei befragt. Es folgten Protestkundgebungen von Frauenorganisationen. Der italienische Gesundheitsminister zeigte sich "tief geschockt" von dem Vorfall und sprach von einer "Hexenjagd".
"Kleine Hoden und große Brüste"
Bei dem abgetriebenen Fötus war das sogenannte Klintefelter-Syndrom festgestellt worden. Dieses kommt nur bei männlichen Föten vor, die in den Körperzellen ein zusätzliches X-Chromosom haben. Folgen sind Muskelschwäche und verzögerte motorische Entwicklung sowie Fehlbildungen bei den primären und sekundären Geschlechtsorganen. Giuliano Ferrara erklärte am Donnerstag, auch er werde sich auf das Klinefelter-Syndrom testen lassen, weil auch er - so wörtlich - "kleine Hoden und große Brüste" habe.
(AG/RED)

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