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Weltweite Diskussion: Boykott der Olympischen Spiele?

25.03.2008 | 18:04 |   (DiePresse.com)

In Frankreich erwägt man ein Fernbleiben von der offiziellen Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Peking. Die Spiele sind seit den Unruhen in Tibet und der brutalen Reaktion Chinas umstritten.

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Nach den Unruhen in Tibet, die mehrere Tote gefordert haben, und der harten Haltung der chinesischen Führung gegenüber dem exil-tibetischen Oberhaupt, den China der Rädelsführerschaft bei den Auseinandersetzungen bezichtigt, ist die Debatte um die Teilnahme an der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking im August voll entbrannt. Zwar herrscht unter westlichen Regierungen generell die Ansicht, dass die Spiele selbst nicht boykottiert werden sollen, sehr wohl aber könnten einzelne Länder durch die Nicht-Teilnahme an der Eröffnungszeremonie am 8. August ein Zeichen setzen. Die Proteste in Tibet dürften am morgigen Mittwoch auch das Europäische Parlament beschäftigen.

Frankreich erwägt wegen des chinesischen Vorgehens in Tibet einen Boykott der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele, will aber an den Wettkämpfen teilnehmen. "Niemand fordert den Boykott der Olympischen Spiele, vor allem nicht der Dalai Lama", sagte Außenminister Bernard Kouchner am Dienstag im französischen Rundfunk. Man solle "nicht tibetanischer sein als der Dalai Lama". Präsident Nicolas Sarkozy schloss auf eine Frage aber zumindest einen Boykott der Eröffnungsfeier nicht mehr aus.

"Ich verschließe vor keiner Möglichkeit die Tür, aber ich appelliere an die Vernunft der chinesischen Führung", sagte Sarkozy in Tarbes. Élysée-Mitarbeiter führten gegenüber französischen Medien aus, dass Sarkozy sich dabei nur auf die Eröffnungsfeier und nicht auf die Spiele selbst bezogen habe. Er wünsche einen Dialog Chinas mit dem Dalai Lama. "Unsere chinesischen Freunde müssen die weltweiten Sorgen wegen der Tibet-Frage verstehen." Am Montag hatte Sarkozy Peking zur Zurückhaltung in Tibet aufgerufen. Diese Aufforderung war auch in den eigenen Reihen als zu schwach kritisiert worden.

Der Dalai Lama wird während der Olympischen Spiele am 15. bis 20. August in Frankreich erwartet. Die Pariser Staatssekretärin für Menschenrechte, Rama Yade, schloss nicht aus, den Dalai Lama zu empfangen, wenn er als geistlicher Würdenträger komme. Auch Yade lehnte einen Boykott der Olympischen Spiele ab, ließ aber ihre Teilnahme an der Eröffnungsfeier offen.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderte Peking auf, hinsichtlich der Ereignisse in Tibet größtmögliche Transparenz erzustellen. In einem längeren Telefonat mit seinem chinesischen Kollegen Yang Jiechi drückte er nach Angaben eines Sprechers die Hoffnung aus, dass der Gewalt dauerhaft ein Ende bereitet und die Situation beruhigt werden könne. Steinmeier habe auch dazu aufgerufen, Lösungen im Dialog zu suchen. Yang verwies in dem Gespräche auf die aktuelle Entscheidung der chinesischen Behörden, ausländische Journalisten nach Tibet einzuladen. Zur Frage eines Boykotts der Olympischen Spiele betonte Steinmeier den Angaben zufolge erneut, dass er dies nicht für das geeignete Mittel halte, um auf die jüngsten Ereignisse zu reagieren.

Am Mittwoch werden die EU-Abgeordneten voraussichtlich bei einer Sonderplenarsitzung über den von EU-Parlamentspräsidenten Hans-Gert Pöttering geforderten Boykott der Olympischen Spiele in China diskutieren. Eigentlich steht der EU-Frühjahrs-Gipfel auf dem Programm der Parlaments-Sondersitzung. Mit Sicherheit wird die Tibet-Krise den Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten im EU-Parlament beschäftigen. Dort soll Karma Chopel, Präsident des tibetischen Exilparlaments in Indien, das Thema am Mittwochabend zur Sprache bringen.

Die österreichischen EU-Abgeordneten lehnen die Forderung von Parlamentspräsident Pöttering nach einem Boykott der Spiele wegen Tibet mehrheitlich ab. SPÖ-Parlamentarier Hannes Swoboda fordert vielmehr, Olympia als Gelegenheit zu sehen, das Probleme immer wieder anzusprechen. Im vergangenen Herbst hatten mehrere SPÖ-Abgeordnete wegen der Verfolgung der Falun-Gong-Bewegung einen Boykott-Aufruf für Peking unterschrieben. Der Grüne Abgeordnete Johannes Voggenhuber kritisierte die Empörung über das Vorgehen Chinas gegen die tibetischen Demonstranten als "Heuchelei" und warnt davor, bereits bei der ersten Gelegenheit das schlimmsten Mittel - also eine Absage - einzusetzen.

Ungerührt in seiner Entscheidung, an den Spielen in Peking teilzunehmen, bleibt US-Präsident George W. Bush. Er will trotz des international kritisierten Vorgehens Pekings in Tibet an seiner Reise festhalten. Die Spiele seien in erster Linie ein sportliches und kein politisches Ereignis, sagte Bushs Sprecherin in Washington. Ein Boykott stehe nicht zur Diskussion.

(APA)
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6 Kommentare
American Gothic
26.03.2008 10:06

Immer diese Ruhestörer

Die Unterdrückten sollen gefälligst Ruhe geben und "unschuldige Sportler" und ihre Funktionäre nicht beim Geldverdienen stören. Zwei Zitate gefällig:
Der Sekretetär des IOC zu den Olympischen Spielen 1936:
"Die Deutschen diskriminieren die
Juden in den Ausscheidungskämpfen für die Olympischen Spiele nicht, die Juden werden
ausgeschlossen, weil sie nicht gut genug als Sportler sind. Warum gibt es auf der Welt kein
Dutzend Juden mit olympischen Format?" (Richard Mandell, Hitlers Olympiade Berlin 1936. München 1980, S. 78)
Der Generalsekretär des österreichischen olympischen Komitees zu den Olympischen Spielen 2008:"Es ist normal, dass Minderheiten die Spiele für ihre Zwecke nützen wollen. Bei den Spielen in den USA waren es die Indianer, in Australien die Aborigines."

Gast: Evelyne
26.03.2008 09:20

Was ist Olympia?

Klar für mich ist, dass ich kein einziges mal den Fernseher aufdrehen werde, um mir eine Sportsendung anzusehen - der Geist von Olympia (Völkerverständigung) weht schon sehr lange nicht mehr und mit Sport hat die geldgierige und machtgeile Sache seit Jahrzehnten nichts zu tun. Was mich allerdings schon etwas schockiert ist die Tatsache, dass Österreich und andere Länder nicht einmal bereit sind eine kleine Briefmarke mit dem Kopf des Dalai Lamas herauszugeben und jetzt großspurig von Politik reden. Boykott oder nicht Boykott - eine klare Linie gehört her und ich bezweifle sehr, dass österreichische Politiker oder Sportler genug Anstand haben um diese zu gehen. Aufarbeitung von vor 70 Jahren? Jetzt gäbe es die praktische Gelegenheit dazu, aber das ist wohl nicht vergleichbar mit den kitschigen Kriegsfilmchen, die man an ihrer Stelle bringt.

Sunflower
25.03.2008 23:54

Der Sport wäre der Verlierer!

Bei einem Boykott gäbe es meiner Meinung nach nur einen Verlierer, nämlich den Sport und die Sportler die sich auf dieses Großereignis vorbereitet haben!

Gast: pferdekopf
25.03.2008 22:53

Olympia

Der "Olympische Gedanke" beruht auf der Völkerverständigung.
Durch Olympia wird sämtlichen Staaten, Systemen und Regimen die Gelegenheit gegeben,sich international zu öffnen und/oder sich zu präsentieren.
Bei fast jeder Olympiade der letzten 100 Jahre gab es irgendeinen Anlass zum Boykott da wir in einer Welt leben,in der Kriege,Massaker und Unterdrückung, leider auch heute noch, an der Tagesordnung sind.
Ein Boykott hat noch nie etwas bewirkt,eine durchgeführte Olympiade sehrwohl!
Fände es traurig, wenn Staaten wie Frankreich wegen einer populistischen Scheinmoral auf Olympia verzichten wollen.

Antworten Gast: Boink
26.03.2008 08:22

Re: Olympia

Frankreich kann in keinem Fall eine "populistische Scheinmoral" vorgeworfen werden!!! Die Franzosen waren, was ihre Außenpolitik betrifft, immer von sehr guten Motiven geleitet und ich muss ihnen dafür meine absolute Hochachtung aussprechen!
Des weiteren frage ich mich, ob du ernsthaft glaubst, dass ein Boykott noch nie etwas gebracht hat... Ich halte diese Aussage für genausowenig überdacht, wie logisch. Ohne Boykotts, Revolten und Revolutionen würdest du jetzt nicht in einem öffentlichen Forum frei schreiben können.
Ich weiß selber nicht, ob ein Boykott in diesem Fall das richtige wäre. Aber was im Moment passiert, ist eine totale Vernichtung einer Hochkultur unserer Erde. Und in dem Land, welches die Vernichtung durchführt, sollen dann die olympischen Spiele, ein Zeichen der Menschenwürde und Freiheit, stattfinden? Außerdem werden wir nichts daran ändern, dass Kriege, Massaker und Unterdrückung an der Tagesordnung sind, wenn wir ruhen!

Antworten Antworten Gast: pferdekopf
26.03.2008 09:10

Re: Re: Olympia

stimmt, der begriff populistische scheinmoral ist nicht ganz zutreffend. es müsste heissen "westliche scheinmoral der populistisch denkenden politiker"
und was die französiche aussenpolitik betrifft - also bitte!

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