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Tibet-Krise: Paris und Peking spielen Pingpong

22.04.2008 | 18:38 |  Von unserem Korrespondenten RUDOLF BALMER (Die Presse)

Während Sarkozy den Zorn Chinas zu dämpfen sucht, gießt der Bürgermeister von Paris Öl ins Feuer: Er ernennt den Dalai Lama und einen Dissidenten zu Ehrenbürgern.

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Paris. Trotz ausdrücklicher Warnungen der chinesischen Diplomatie hat die Stadt Paris den Dalai Lama und den inhaftierten chinesischen Bürgerrechtler Hu Jia zu ihren Ehrenbürgern ernannt. Keine Kleinigkeit, erhielten doch bisher erst fünf Personen diese Auszeichnung. Selbst innerhalb der rot-grünen Mehrheit im Stadtrat war die Initiative des sozialistischen Bürgermeisters Bertrand Delanoë umstritten.

Im Prinzip wäre ja kaum jemand dagegen gewesen, den tibetischen Nobelpreisträger in dieser Form zu ehren – wie zuvor schon Burmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi oder die iranische Menschenrechtlerin Shirin Ebadi. Aber war der Zeitpunkt richtig gewählt? Muss die Ehrung die verärgerte chinesische Führung nicht noch zusätzlich provozieren?

Dass man diese unfreundliche Geste in Peking gar nicht schätzt, teilte Chinas Botschafter in Paris, Kong Quan, dem Bürgermeister auch prompt in einem Brief mit. Das chinesische Volk fühle sich „sehr verletzt“, weil „die französische Hauptstadt mit der Auszeichnung des Dalai Lama dessen „sezessionistische Aktivitäten“ ermutige und die Souveränität sowie territoriale Integrität Chinas gefährde. „Die Initiative der Stadt Paris droht die Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern in Mitleidenschaft zu ziehen.“


Carrefour musste schließen

Weniger diplomatisch formulieren die Auslandschinesen ihre Wut über die Tibet-freundlichen Franzosen. Wie in anderen westlichen Städten hatten auch in Paris am vergangenen Wochenende Tausende von ihnen demonstriert. Es sei nicht wahr, dass in der Volksrepublik China die Menschen- und Bürgerrechte unterdrückt würden. Als Beleidigung für ihren Nationalstolz empfinden sie die Drohung westlicher Regierungen, die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele im August zu boykottieren.

Auch in China protestieren seit Tagen Tausende junger Patrioten vor Supermärkten der französischen Carrefour-Kette und fordern einen Boykott von Waren und Firmen aus Frankreich. In Zhengzhou musste Carrefour deshalb sein Geschäft schließen.

Bürgermeister Delanoë fühlte sich indes keiner Staatsräson verpflichtet und beharrt auf seinem Vorschlag. Es passt wohl auch in sein politisches Kalkül. Als prominenter Exponent der linken Opposition versucht er sich auf Kosten von Präsident Nicolas Sarkozy zu profilieren: als Verteidiger der Menschenrechte und des Selbstbestimmungsrechts der Tibeter.

Der Präsident bemüht sich nämlich gerade fieberhaft, eine Eskalation mit gegenseitigen Boykottdrohungen zu vermeiden. Drei hochrangige Emissäre hat er nach Peking geschickt, unter ihnen Ex-Premierminister Jean-Pierre Raffarin und Senatspräsident Christian Poncelet. Als stärkstes Argument für eine Versöhnung haben sie die beidseitigen Wirtschaftsinteressen im Gepäck. Denn China hat bei seinen Exporten kurzfristig mehr zu verlieren als Frankreich mit seinen recht bescheidenen Investitionen. Aber Sarkozy hat wichtige langfristige Verträge im Auge – den Bau von Atomkraftwerken und von Strecken für den Hochgeschwindigkeitszug TGV.


Sarkozy entschuldigt sich

Auch das Fiasko beim Olympischen Fackellauf in Paris will der Präsident nicht auf sich beruhen lassen. Er verfasste ein „Pardon“ an die behinderte Sportlerin Jin Jing, die von Demonstranten attackiert worden war und die in ihrer Heimat als Nationalheldin gefeiert wird. Poncelet überreichte ihr das Schreiben in Schanghai. Eine noble Geste – doch sie kann nicht verhindern, dass die Augen der Welt nach Paris gerichtet sind. Delanoës Coup gelang, die Ehrenbürgerfeier für den Dalai Lama und den Dissidenten Hu Jia durchkreuzt Sarkozys versöhnliche Pingpong-Diplomatie.

Im Sucher: Hu Jia, Seite 39

AUF EINEN BLICK

Während Präsident Sarkozy mit der Entsendung von Emissären den Zorn der Chinesen nach dem Fiasko des Olympischen Fackellaufs in Paris zu besänftigen versucht, sorgt der Pariser Bürgermeister Delanoë für neuen Ärger in Peking. Er ließ den Dalai Lama und den Dissidenten Hu Jia zu Ehrenbürgern von Paris ernennen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2008)

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9 Kommentare
wolbo
23.04.2008 15:23
0 0

Wirtschaft triumphiert über Menschenrechte

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat nicht lange gezögert die Unabhängigkeit des Kosovo anzuerkennen. Da verhält er sich bei Tibet schon ganz anders. Die wirtschaftlichen Interessen diktieren auch hier die Außenpolitik und Sarkozy weiß das IOC ohnehin auf seiner Seite. Könnte man nicht schon gelernt haben, was Olympische Spiele für eine Werbung für ein totalitäres Regime bedeuten, hat sich doch Nazi-Deutschland bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin der Welt von seiner "besten" Seite präsentieren können. Die Tibet-Krise ist ein Dorn im Auge von denjenigen, die wirtschaftliche Interessen über die Menschenrechte stellen. Es geht bei dieser Krise nicht nur um Tibet, sondern generell um die Situation im bevölkerungsreichsten Land der Welt. Wenn China Probleme damit hat, dass die deutsche Kanzlerin den Dalai Lama empfängt und dass dieser vom Pariser Bürgermeister zum Ehrenbürger ernannt wird, haben beide richtig gehandelt.
Mag. Wolfgang Böhm

Johnyx
23.04.2008 08:35
0 0

Tibet

Tibet sit frei

Faktum Est
23.04.2008 07:04
0 0

Tibet und China gehören zusammen

Tibet war nur von 1912 bis 1950 "unabhängig" - davor gab es nur ein China.
Und diese "Unabhängigkeit" hatte Tibet den Russen zu verdanken: die wollten nämlich einen neutralen Puffer zwischen dem englischen Indien und dem damals ebenfalls großteils englisch beherrschten/besetzten China haben.
Wenn man in der Geschichte noch weiter zurückgeht, wird man feststellen, daß es eine sehr wechselvolle Geschichte gegenseitigen Beherrschens bzw. Eroberns war: es gab tibetische Herrscher, die von der heutigen Mongolei bis ins südliche Burma fremde Stämme/Reiche unterwarfen und China beherrschten - und umgekehrt wurde gerade der 1. Dalai Lama von einem chinesisch/mongolischen Kaiser als Herrscher über Tibet eingesetzt.
Ein unabhängiges Tibet war eine Erfindung der "Acht Mächte" (darunter auch Österreich-Ungarn), die 1900 den Beleidigend? Anstößig? Kommentar melden
Antworten
Boxeraufstand niedergeschlagen und China besetzt hatten...

Antworten Steininger
23.04.2008 12:12
0 0

Re: Tibet und China gehören zusammen

Nur ein China? Machen Sie sich nicht lächerlich. Das chinesische Reich das bis 1911 bestand hatte viele quasi unabhängige Provinzen die nicht von der allgegenwärtigen Bürokratie beherrscht wurde. Speziell die innere Mongolei, Tibet, die Mandschurei wurden alle indirekt regiert. In Tibet gab es die Ambane, 2 Gesandte des Kaisers - sonst keine Vertreter der Bürokratie. Eine solche Autonomie würde den Tibetern auch keine Schwierigkeiten machen - es gäbe keinerlei Probleme. Die Crux der Affäre ist ja, daß die chinesen Tibet direkt beherrschen wollen. Alle Kader der kommunistischen Partei in Lhasa sind Han-Chinesen. Autonomie? Hah!

Antworten phuter
23.04.2008 11:37
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Sie haben im Grunde schon recht...

Seit dem 13.Jhdt war aber Tibet immer Autonom. Die Tibeter wären mit einer Autonomie auch höchstwahrscheinlich zufrieden.
Das endlich Bewegung in die Sache kommt und China endlich einmal ernsthaft darauf aufmerksam gemacht wird finde ich nicht so schlecht. DIe Tendenz aus Profitgier über die Menschenrechtssituation in China hinwegzusehen fand ich ohnehin unterträglich.

Antworten Ophicus
23.04.2008 09:50
0 0

Re: Tibet und China gehören zusammen

Auch der unabhängige Kosovo ist eine Erfindung des Westens. Die Hälfte der Mitteleuropäischen Staaten wurden nach dem ersten Weltkrieg "erfunden".
Es geht doch - angeblich - um die eth(n)ische Frage der Selbstbestimmung und nicht um die historische Frage wer wen wie lange beherrscht hat.
Mal ganz abgesehen davon, dass bei einer historischen Betrachtungsweise die Ein-China-Ideologie auch nicht wirklich gut abschneidet.

Gast: Bozznier87
22.04.2008 21:22
0 0

Die halbe Welt kriecht China in den Hintern!

Ich sehe es genau so wie Ralf. Die Politiker und vorallem unsere sollen endlich mal ihren Kopf aus Chinas Hintern ziehen! Es ist eine schande das die Wirtschaft den Politikern mehr beudeutet als der gesunde Verstand

Gast: Ralf
22.04.2008 20:48
0 0

Sarkozy kriecht China in den Hintern

Sarkozy verhält sich genau so schäbig wie die große Mehrheit der Politiker in Deutschland auch: Er kriecht China in den Hintern, weil die Wirtschaft ihm dies diktiert! China ist ein rieseiger Markt, wen interessieren da schon die Menschenrechte. China wird durch diese Speichelleckerei noch arroganter und die chinesische Wirtschaft noch gefräßiger, rücksichtsloser und menschenverachtender! Umweltschutz gibt es dort nur in Ansätzen und wenn er allzu sehr stört, kann man ja mit Schmiergeld und "Vitamin B" abhelfen. Mit seiner Aggressivität stellt China eine ernste Gefahr für uns dar.

Antworten Hanzze
23.04.2008 07:00
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Re: Sarkozy kriecht China in den Hintern

stets suche wir die schuld bei anderen und lassen andere für uns stellvertretend sühnen. die halbe welt lebt auch von chin billigprodukten. politik ist nie besser als die "kleinen leute" achtung und umsicht beginnt bei jedem einzelnen. probleme gibt es solang es gier gibt. wurden wir statt 100 billigprodukten 1es kaufen gebe es viele probleme nicht. die klugen gierigen leben von den dummen gierigen - so ist das nun mal. frei von deinen eigenen zwängen kannst du erst freiheit geniesen und musst nicht mehr ander verantwortlich für das übel der welt machen. du merkst das du es selbst bist der alles verhindert, aber wer traut sich schon frei zu sein haha