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Ägypten: Mit dem Internet gegen den Langzeit-Pharao

02.05.2008 | 18:34 |  Von unserem Korrespondenten KARIM EL-GAWHARY (Die Presse)

Eine neue Generation Oppositioneller kämpft für Demokratie. Die Brotrevolten kommen ihnen zupass.

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KAIRO. Der Pharao wird 80: Am Sonntag feiert Ägyptens Präsident Hosni Mubarak Geburtstag. Ein Drittel seines Lebens – genau: 27 Jahre lang – steht er bereits an der Spitze der politischen Pyramide Ägyptens. Doch noch nie wurde seine Herrschaft so sehr in Frage gestellt wie heute. Denn seine Untertanen werden immer „frecher“. Als Geburtstagsgeschenk ruft die Opposition die Ägypter am Sonntag – in dem islamischen Land ein Arbeitstag – dazu auf, zu Hause zu bleiben und Schwarz zu tragen. Der zweite landesweite Streikaufruf dieser Art in einem Monat.

Initiiert wurden diese Aufrufe, nicht von den Oppositionsparteien, sondern von einer völlig neuen Gruppierung in der politischen Landschaft: Jugendlichen, die vor allem über das Internet und ganz besonders über das Sozialnetzwerk „Facebook“ mobilisieren. Wer keinen Computeranschluss hat, erhält die Aufrufe aufs Handy.

„Die Zeit der absoluten Mehrheit der Regierungspartei Mubaraks ist vorbei, nun haben wir eine Facebook-Partei“, feiert eine unabhängige Tageszeitung die neue Bewegung. Selbst Ägyptens größte Oppositionspartei, die Muslimbruderschaft, springt auf den neuen Zug auf und ruft die Anhänger dazu auf, dem Streikaufruf zu folgen.


„Heuchlerisch oder korrupt“

Einer der neuen Facebook-Aktivisten ist Ahmad Maher. Es ist nicht leicht, den 27-jährigen Bauingenieur zu treffen. Seit er eine Vorladung beim allmächtigen Inlandsgeheimdienst erhalten hat, schläft er jede Nacht woanders. Er ist nervös. Die einzige Lösung für Maher ist eine Demokratisierung des Landes. „Die Herrschenden sind niemandem rechenschaftspflichtig und der Präsident hat den Status eines Halbgottes. Um in Ägypten zu überleben, muss man entweder heuchlerisch oder korrupt sein“, beschreibt er die Lage. „Das Regime hat keinerlei Konzept und verteilt Beruhigungstabletten.“

Eine dieser Tabletten wurde diese Woche verteilt, als Mubarak bei seiner traditionellen Rede am 1. Mai eine 30-prozentige Lohnerhöhung für den öffentlichen Sektor angekündigt hat. Damit versucht er, dem wachsenden Unmut der Bevölkerung über die massive Erhöhung der Preise für Grundnahrungsmittel entgegenzuwirken. Die staatlichen Medien zelebrierten Mubaraks Ankündigung als „größte Lohnerhöhung in der ägyptischen Geschichte“. Doch Oppositionsblätter fürchten, dass sie sofort von der Inflation geschluckt werden wird.

Auch die unabhängige Tageszeitung „Al-Dustur“ greift ähnlich wie Maher zu einem pharmazeutischen Vergleich und nennt die Erhöhung „Aspirin für einen Krebspatienten“. Tatsächlich haben sich nach Schätzungen der Weltbank die Lebensmittelpreise in drei Jahren um 83 Prozent erhöht.

Für den Facebook-Aktivisten Maher ist es eine Frage der gerechteren Verteilung des Reichtums: „Einige wenige, dem Regime nahestehende Geschäftsleute haben alles monopolisiert und machen ausgezeichnete Geschäfte, während ein großer Teil der Ägypter unter der Armutsgrenze lebt“, lautet seine Diagnose. Die Jugend entkommt dem Regime ins Internet, während Ägyptens bisher unpolitische Arbeiterschaft den Streik als neues Mittel entdeckt, um gegen Billiglöhne zu protestieren. Bisher wurden allein in diesem Jahr 900 kleinere Streiks gezählt – in einem Land, in dem jede Arbeitsniederlegung verboten ist.


Allianz gegen das Regime?

Die größte Sorge der Regierung Mubarak ist jetzt, dass sich die jugendlichen Facebook-Aktivisten und die 40 Prozent der Ägypter, die mit etwas mehr als einem Euro am Tag auskommen müssen, eine neue politische Allianz bilden, die dem Regime gefährlich werden könnte. Am 1. Mai drohte Mubarak, dass „allen, die die Sicherheit und Stabilität gefährden, mit Härte begegnet werden wird“.

Eine Warnung, die auch Ahmad Maher ernst nimmt. Am Ende des Gespräches steigt er auf das Dach des Kairoer Hauses und blickt sich um, ob irgendwo Polizeiwagen oder Polizisten in Zivil zu sehen sind. „Das Regime hat lange in uns Angst gesät. Jetzt ist es an der Zeit, diese Angst abzuschütteln“, sagt er und verabschiedet sich.

ZUR PERSON

Hosni Mubarak (*1928) stammt aus einem Dorf in Unterägypten. Nach der Militärakademie ging er zur Weiterbildung in die Sowjetunion. Wieder daheim, brachte er es bis zum Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Nach dem tödlichen Attentat auf Staatschef Sadat übernahm der bisherige Vizepräsident Mubarak im Oktober 1981 das Ruder und wurde seither mehrmals in Referenden bestätigt. 2005 waren erstmals Gegenkandidaten zugelassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2008)

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