08.11.2009 01:05 | Meine Presse Merkliste0

Lech gegen Lech – das ist Brutalität

11.06.2008 | 19:36 |  Von unserem Korrespondenten KNUT KROHN (Die Presse)

Polens Präsident Kaczynski und Friedens-Nobelpreis-Träger Walesa können sich nicht riechen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

WARSCHAU. Eine Million Zloty. So viel Geld ist Lech Walesa sein guter Ruf wert. Auf diese Summe, rund 300.000 Euro, will der polnische Expräsident jeden verklagen, der behauptet, er habe im kommunistischen Polen für den Geheimdienst gearbeitet. Eine ungeheuerliche Vorstellung: der Mann, der für seinen Kampf für die Freiheit den Friedensnobelpreis bekommen hat, soll die ganze Welt getäuscht haben und nichts weiter als ein hinterhältiger Lügner sein. Genau das aber behauptet niemand Geringerer als Lech Kaczynski, Polens jetziger Präsident.

In einem Fernsehinterview erklärte das Staatsoberhaupt vor einigen Tagen, hinter dem kommunistischen Agenten mit dem Decknamen „Bolek“ verberge sich Lech Walesa. Beweise für diese Behauptung werde er zuhauf liefern. In einem Buch, das kommenden Montag erscheinen wird, werde die „Wahrheit über gewisse Fragmente seines Lebens aufgedeckt“.


Peinliche Betroffenheit

In monatelanger Recherchearbeit in den Archiven des kommunistischen Staatssicherheitsdienstes wurden die angeblichen Beweise für die Zusammenarbeit Walesas mit dem verhassten Gemeindienst von zwei konservativen Historikern des Instituts für Nationales Gedächtnis zusammengetragen. Seit Jahrzehnten verbindet Walesa und Kaczynski eine gegenseitige Abneigung, die sich im Laufe der Zeit zu blankem Hass aufschaukelte. Immer wieder überziehen sie sich mit wüsten Schimpftiraden, die die meisten Polen inzwischen mit peinlicher Betroffenheit zur Kenntnis nehmen. Wer diesen Hass verstehen will, der muss in die jüngste Geschichte Polens zurückgehen.

Der Vorwurf, dass Walesa ein Spitzel sei, ist nicht neu. Schon in den 80er-Jahren, als der ehemalige Elektriker auf der Danziger Werft an der Spitze der Gewerkschaft Solidarnosc gegen das Regime kämpfte, wurde kolportiert, er sei vom Geheimdienst eingeschleust worden. Nach Ansicht Walesas eine Lüge der Kommunisten, um die Opposition zu schwächen.

Auch streitet der Expräsident nicht ab, mit dem Geheimdienst in Kontakt gekommen zu sein. Wie Tausende anderer habe er, der damals junge Familienvater, Anfang der 70er-Jahre nach den ersten Danziger Streiks unter Druck eine Erklärung unterzeichnet, nichts mehr gegen die herrschende sozialistische Ordnung zu unternehmen. Erst danach sei er aus der Haft entlassen worden.


Lech Walesas Verrat

Aber nicht diese Episoden aus dem Leben Walesas treiben den ehemaligen Solidarnosc-Anhänger Lech Kaczynski auf die Barrikaden. Er ist der Überzeugung, dass Walesa die wahren Werte des Kampfes gegen den Kommunismus verraten habe. Er macht ihm zum Vorwurf, dass Walesa sich Ende der 80er-Jahre mit den Kommunisten an einen Tisch setzte, um die Machtübergabe zu verhandeln. Anstatt das verhasste Regime mit Stumpf und Stiel auszurotten, habe er den alten Eliten mit ihren korrupten Seilschaften in neue Führungspositionen verholfen.

Ziel des Kampfes Kaczynskis und eines einflussreichen national-konservativen Zirkels ist es, diesen „historischen Fehler“ zu korrigieren. Sie wollen die korrupte „Dritte Republik“ in eine geläuterte „Vierte Republik“ überführen. Bisweilen scheint es aber, dass Kaczynski ahnt, dass das Volk inzwischen andere Interessen hat und ihm auf seinem Weg nicht folgen wird. Aber wenn er mit seiner Mission schon scheitert, dann will er wenigstens den Symbolen der verhassten Vergangenheit ihren Glanz nehmen: das leuchtendste unter ihnen ist Lech Walesa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

1 Kommentare
0 0

...

Pack schlägt sich untereinander - Pack verträgt sich sofort wieder, wenn es darum geht die Raubsicherungspolitik über die okkupierten deutschen Gebiete zu verteidigen.

Schlagzeilen Politik

  • Mitterlehner: Kein neues Konjunkturpaket
    Sozialminister Hundstorfer hat ein neues Konjunkturpaket angeregt, Wirtschaftsminister Mitterlehner erteilt dem eine Absage. Bei der Konjunktur vertraut er dem "freien Spiel von Angebot und Nachfrage".
    US-Gesundheitsreform: Erster Erfolg für Obama
    Die Abgeordneten des Repräsentantenhauses entscheiden, die Vorlage des Präsidenten weiter zu erörtern. Auch in den Reihen der Demokraten war die Reform bis zuletzt umstritten.
    November 1989: Und dann fiel der erste Stein
    Sie haben auf unser Taxi mit Fäusten getrommelt und es hin und her geschaukelt. Wir fühlten uns wie in einem kleinen Boot bei hohem Seegang. Wie ich als ORF-Reporter im November 1989 den Fall der Mauer miterlebte.
  • Minister sollen doch in den U-Ausschuss kommen
    Der U-Ausschuss-Vorsitzende Martin Bartenstein (VP) signalisiert im "Presse"-Interview Einlenken: Mit Minister-Befragungen habe er kein Problem. Indes plädiert Bartenstein für einen EU-Außenminister Alfred Gusenbauer.
    UNO fordert Kampf gegen afghanische Korruption
    Der UN-Sicherheitsrat will von Präsident Karzai Maßnahmen gegen Drogenhandel, Vetternwirtschaft und Korruption sehen. Afghanistan reagiert empört auf die Vorwürfe.
    Neuer Job für Gusenbauer in der Vermögensverwaltung
    Der Ex-Kanzler ist seit kurzem der Europa-Direktor des Investmentfonds Equitas European Funds, der Tochter einer Firma mit Sitz in Chile. Ziel sei es, österreichische Investitionen in Chile zu fördern.
  • SPÖ legt sich bei Pensionsvorsorge quer
    Kanzler Werner Faymann akzeptiert die Förderung von Produkten ohne Kapitalgarantie nicht. Das hatte Vizekanzler Josef Pröll vorgeschlagen. Der verteidigt die Wahlfreiheit zwischen Risiko und Sicherheit.
    Michael Spindelegger: "Bin kein Teilzeit-Minister"
    Außenminister Spindelegger hat mehr als nur den ÖAAB im Sinn: Er will Frieden in Sri Lanka vermitteln und gibt Wolfgang Schüssel "intakte Chancen", dank deutscher und skandinavischer Hilfe, Ratspräsident zu werden.
    Sport in der DDR: Spione im Trainingsanzug
    Die Stasi hatte überall Spitzel. Viele Sportler der ehemaligen DDR, die nach der Wende Profikarrieren machten, leugnen bis heute dieses dunkle Kapitel ihrer Vergangenheit.
  • Nominierung: Heftige Kritik an „EU-Unkenntnis“ Hahns
    Grünen-Chefin Eva Glawischnig ärgert sich über eine frühere Ankündigung Hahns, er werde auch als Kommissar Chef der ÖVP Wien bleiben. Doch das ist EU-rechtlich nicht möglich.
    In Honduras heißt es: Zurück an den Start
    Gescheitert ist ein Abkommen zwischen Interimsstaatschef Micheletti und dem gestürzten Präsidenten Zelaya zur Beendigung der Staatskrise. Zelaya erklärte das Abkommen für „tot.
    Hundstorfer: Abgaben auf Vermögen für Sozialstaat
    Sozialminister Rudolf Hundstorfer stellt sich gegen die Seniorenwünsche: Er will eine Erhöhung um 1,5 Prozent, wie sie sich laut Gesetz ergibt, während die Pensionisten 1,9 Prozent fordern.