MELBOURNE.Australien macht seine Tore auf, zieht die Rollläden hoch, die die frühere konservative Regierung von Ron Howard heruntergelassen hatte. Denn dem Land fehlen Arbeitskräfte, vor allem Facharbeiter. Und das gefährdet nach Meinung von Experten den Wirtschaftsaufschwung und damit das Wohlstandsniveau der Australier. Die Einwanderungsbehörden machen deshalb Überstunden, um neue Programme zu konzipieren, mit denen ausländische Arbeitskräfte ins Land gelockt werden können.
„Visa 457“ als Eintrittskarte
Die Lage wird als so ernst angesehen, dass die neue Labor-Regierung bereit ist, nicht mehr nur fachlich ausgebildete Arbeitskräfte im Lande aufzunehmen, sondern auch ungelernte. „Visa 457“ heißt das Dokument, das die Tür nach Australien öffnet. Einwanderungsminister Chris Evans hat gerade die Einwanderungsquote um 30 Prozent auf 300.000 Plätze erhöht – die höchste Jahresquote seit dem Beginn der europäischen Masseneinwanderung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Mindestens 31.000 der Neuankömmlinge sollen Fachkräfte sein.
Welche Hautfarbe die Zuwanderer haben, spielt im zunehmend multikulturellen Australien (20,5 Mio. Einwohner) keine Rolle mehr. Der Einwanderungsminister sieht in der neuen Richtung der Einwanderungs-Politik so etwas wie eine „Revolution“. Früher, so Evans, ging es Australien um die Besiedlung der weitgehend leeren Gebiete des Kontinents. Heute sei die Einwanderung zu einem wirtschaftspolitischen Instrument geworden. Er fügte hinzu: „Wir müssen auch an die Überalterung unserer Bevölkerung denken.“
Australien müsse heute praktisch den Preis dafür zahlen, dass die frühere konservative Regierung von Ron Howard nicht in berufliche Ausbildung und Modernisierung der Infrastruktur investiert habe.
Gewerkschaften schweigen
Dass die erst sechs Monate amtierende Labor-Regierung von Premierminister Kevin Rudd so bereitwillig dem Ruf der Wirtschafts-Bosse nach höheren Einwanderungsquoten gefolgt ist, hätte noch vor kurzem Protestgeschrei der Gewerkschaften ausgelöst. Aber angesichts der niedrigsten Arbeitslosigkeit seit 30 Jahren, des anhaltenden Wirtschaftsbooms, einer schrumpfenden Mitgliedschaft und einer vergreisenden Arbeiterschaft tolerieren selbst die militantesten Gewerkschaften die jüngste Entwicklung.
In der Öffentlichkeit wird die neue Einwanderungspolitik kaum diskutiert, obwohl die anrollende neue Zuwandererwelle schon spürbar die unzureichenden Infrastrukturen der Städte belastet und den Druck auf die Kommunalverwaltungen erhöht.
Einwanderungsminister Evans gibt unumwunden zu, dass es bei den ersten Neuankömmlingen des „Visa 457“-Programms zu Fällen krasser Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte gekommen sei. Die Regierung habe jetzt zum Schutz der Fremdarbeiter einen bindenden Mindestlohnsatz von nahezu 45.500 australischen Dollar im Jahr (27.835 €) festgesetzt.
Der Mangel an Fachkräften ist in Australien überall spürbar. In den Krankenhäusern gibt es lange Warteschlangen für Operations-Patienten, weil es an Ärzten und Krankenschwestern mangelt. In vielen Kaufhäusern gibt es nicht genügend Verkäufer.
Nie zuvor hat es in Australien so viele Obdachlose gegeben, denn die Häuserpreise und Wohnungsmieten gehören zu den höchsten in der industrialisierten Welt. Es fehlt nämlich an Bauarbeitern, die genügend neue Häuser bauen. Im rohstoffreichen Westaustralien können nicht alle Exportaufträge erfüllt werden, weil es an Bergbauingenieuren fehlt. Auch in den Tourismusgebieten fehlt das Personal; gesucht werden vor allem Köche.
Wichtige Inlandsflüge sind eingestellt worden, weil es zu wenig Piloten gibt. Die ländlichen Schlachthöfe können nicht genügend Vieh für den Export schlachten, weil die Australier eine so unangenehme Arbeit ablehnen.
Langes Warten auf Handwerker
Wer einen Installateur oder anderen Handwerker zu Hause braucht, muss sich oft in Geduld üben, es gibt nicht genügend. Aber nicht nur Handwerker sind gefragt. Sogar die Vereinigung der Bordelle schrieb an das Einwanderungsministerium: „Wir bitten darum, dass auch Liebesdienerinnen unter dem neuen Fachkräfte-Einwanderungsprogramm nach Australien kommen dürfen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2008)

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