BERLIN. Im Holländischen Viertel in Potsdam brodelt der Volkszorn gegen „die da oben, die sich eine goldene Nase verdienen“, gegen die „Zumwinkels“ dieser Welt. Die Linkspartei hat zur „Montagsdemo“ gerufen, und die Abgeordnete Dagmar Enkelmann schürt mit ihrer Polemik die Wut der Zukurzgekommenen.
Im aufgehübschten Zentrum der Vorzeigestadt im Osten Deutschlands, einem Magnet für West-Zuzügler, folgen Rentner dem roten Banner der Linken: „Gegen den Krieg in Afghanistan.“ Unter Fanfarenklängen und Paukenschlag ziehen sie durch die Straßen, einige schwenken die Gewerkschaftsfahnen der IG Metall. Es sind nicht wenige DDR-Nostalgiker dabei, die – wie ein Lehrerehepaar – der Gratis-Bildung und dem Gesundheitssystem hinterhertrauern.
„Es war nicht alles schlecht in der DDR“
„Es war ja nicht alles schlecht in der DDR“, feixt der Liedermacher, Schriftsteller und Bundestagsabgeordnete Dietmar Dehm mit ironischem Grinsen. Auf dem Stand mit früheren DDR-Produkten nascht das Westgewächs aus Niedersachsen gerade an einer Bonbonniere. In der „Kulturbrauerei“ im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg feiert das ehemalige Zentralorgan „Neues Deutschland“ sein traditionelles Fest zum 50. Mal. Und dass es mit dem 80. Geburtstag der Revolutionsikone Che Guevara und dem ersten Geburtstag der Linkspartei zusammenfällt, rundet das Jubiläum noch ab. Im Areal der einstigen Bierbrauerei stößt Dritte-Welt-Folklore auf spießige „Ostalgie“ und verbreitet die Duftmarke der Ideologie. Die Tische biegen sich unter Devotionalien, DDR-Büchern und russischen Filmen.
Die Linke versteckt sich nicht hinter Ständen und Sonnenschirmen, sie zeigt Flagge. „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Oskar Lafontaine wird nicht müde, das Zitat Victor Hugos landauf, landab herunterzubeten. Doch beim Parteifest ist er der Einzige, der wieder einmal durch Absenz glänzt. Dafür sind alle anderen Parteipromis gekommen, um sich bei Bier und Würstchen unters Wählervolk zu mischen – und hernach beim „Public Viewing“ zu fachsimpeln. Dietmar Bartsch, der Geschäftsführer und alerte Parteimanager, kennt keine Berührungsängste mit den Fußballfans. „Es gibt ein Bedürfnis nach einer linken Kraft in Deutschland“, lautet seine Analyse. Sein Parteichef Lothar Bisky pflichtet ihm bei: „Wir sagen, was ist.“
„Experimentierfeld für Sozialabbau“
Kreszentia Flauger ist noch voll der Euphorie über den überraschenden Einzug der Linken in den niedersächsischen Landtag vor fünf Monaten. „Wir wollen wissen, wo die Leute der Schuh drückt.“ Die Fraktionschefin spricht die Sprache der kleinen Leute, wenn sie für den Mindestlohn eintritt und die „Macht der Konzerne“ geißelt.
Als emeritierter Volkswirtschafts-Professor hat Siegfried Mechler den Elfenbeinturm der Humboldt-Universität verlassen. Der 73-Jährige prangert die soziale Kluft zwischen West und Ost an. „Ostdeutschland ist zum Experimentierfeld für den Sozialabbau geworden“, klagt er – und verspürt die Ungerechtigkeit des Pensionssystems auch am eigenen Leib. „Die SED wird wieder aus der Taufe gehoben“, glaubt er und schwadroniert von einer „revolutionären Bewegung“. Dabei weiß er nicht genau, ob er nun ein Kommunist ist oder ein „linker Sozialdemokrat“. Eines bekennt er indes unverhohlen: „Ich habe gern in der DDR gelebt.“
Viele Weißhaarige und Grauschöpfe lauschen derweil dem Spott, den Gregor Gysi in einer Podiumsrunde ausgießt. „In der SPD wird mehr über uns geredet als über die SPD.“ Ein Zuhörer findet: „Der Druck ist da in Deutschland, dass sich was verändert. Die Politik der bürgerlichen Parteien greift mittlerweile die Mittelschichten an. Wir müssen das kapitalistische System überwinden.“ Hans Modrow, die Symbolfigur der alten PDS und DDR-Ministerpräsident, hätte das nicht besser formulieren können: „Wir stellen die richtigen Fragen.“
Frei heraus verkündet Lothar Meistring: „Ich bin ein Linker.“ In Löcknitz in der deutsch-polnischen Grenzregion kümmert sich der Bürgermeister um die Anliegen der kleinen Leute – das Erfolgsgeheimnis der Linkspartei im Osten, wo sie die „Volksparteien“ längst abgehängt hat. „Wir reden nicht nur, wir tun auch was“, sagt Meistring. „Ich gehe auch zur CDU oder zum Pastor.“
Großes Tabu
Auf kommunaler Ebene klappt auch, was in der großen Politik noch ein Tabu ist: die parteiübergreifende Zusammenarbeit zwischen der Linken und der SPD. In Berlin treiben Lafontaine, Gysi & Co. die SPD vor sich her. Lafontaine macht sich einen Spaß daraus, die Sozialdemokraten zu demütigen. Den Präsidentschaftsambitionen der SPD-Kandidatin Gesine Schwan erteilte er jüngst maliziös einen Korb. Stattdessen erwägt die Linke die Nominierung einer eigenen Kandidatin und hat dafür die Schriftstellerin Christa Wolf, eine renommierte DDR-Literatin, ins Spiel gebracht.
Im Kleinen bahnt sich indes eine Annäherung an. Im „Walden“, einer Kneipe in der Choriner Straße in Prenzlauer Berg, in der zu Festivitäten die „Bolschewistische Kurkapelle“ aufspielt, trafen sich Jungspunde des linken SPD-Flügels und der Linkspartei. Als Querverbinderin mit am Tisch der „Lockerungsübungen“: Angela Marquardt. Die ehemalige PDS-Abgeordnete hat die Fahnen gewechselt und ist als parlamentarische Mitarbeiterin von Angela Nahles nah am Ohr der SPD-Vizechefin, die noch eine große Zukunft vor sich haben dürfte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2008)

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