Kabul/Washington/Wien.Die Behauptung, Afghanistan stünde ein heißer Sommer bevor, ist keineswegs nur eine meteorologische Prognose. In Kabul liegen die Temperaturen in diesen Tagen zwar bei 30 Grad – doch die Hitze ist noch das geringste Problem der US-Soldaten. Die radikal-islamischen Taliban machen immer öfter mit spektakulären Operationen auf sich aufmerksam.
Vor einem Monat befreiten sie in einer aufsehenerregenden Aktion rund tausend Häftlinge aus einem Gefängnis. Am Wochenende attackierten 200 Taliban-Kämpfer einen US-Außenposten in der Nähe der afghanisch-pakistanischen Grenze. Die rund 45 US-Soldaten und 25 Angehörigen der afghanischen Armee konnten in einem vierstündigen Feuergefecht nur mit Mühe verhindern, dass sie überrannt werden. Neun US-Soldaten verloren bei den Gefechten ihr Leben, mindestens 15 wurden verletzt.
Seit Mai dieses Jahres sterben jeden Monat mehr US-Soldaten in Afghanistan, während die Zahl der US-Opfer im Irak stark im Sinken begriffen ist.
Der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama forderte am Montag in einer Grundsatzrede, Soldaten aus dem Irak abzuziehen und stattdessen die Präsenz in Afghanistan um bis zu 10.000 Mann zu verstärken.
In einer Videokonferenz im Amerika-Haus mit einer Gruppe österreichischer Journalisten und Afghanistan-Experten zeichnete der stellvertretende Unterstaatssekretär im US-Außenministerium, Patrick S. Moon, ein optimistisches Bild. Im Sicherheitsbereich gebe es zwar „Herausforderungen“, aber man sei in der Lage, diesen zu begegnen.
Armee-Training durch Bundesheer
Afghanistan-Koordinator Moon sieht Erfolge im Aufbau der afghanischen Armee (Stärke derzeit 60.000 Soldaten) und der afghanischen Polizei (82.000 Polizisten). Im Gespräch wird aber deutlich, dass die USA um mehr europäisches Engagement bei der Armee- und Polizeiausbildung werben: „Es wäre nett, wenn auch Österreich sich an dieser Aufgabe beteiligen würde.“
Moon preist das Erreichte an: Sechs Millionen Kinder würden nun in die Schule gehen, 30 bis 40 Prozent davon seien Mädchen.
Sechs Prozent der Bevölkerung hätten nun Zugang zu elektrischem Strom und gerade werde eine Leitung nach Usbekistan errichtet, von wo zukünftig Elektrizität nach Afghanistan geliefert werden soll. Ein weiterer Schwerpunkt sei der Straßenbau: „Wo die gut ausgebaute Straße endet, dort endet auch die Sicherheit“, stellt Moon fest.
Die Zukunftsprognose für Afghanistan sei trotz dieser guten Nachrichten „düster“ meint indes der Kulturanthropologe an der Universität Wien, Max Klimburg. Die Taliban könnten weiter auf die Unterstützung durch die ethnische Gruppe der Paschtunen zählen und würden in weiten Teilen von der Bevölkerung als Autorität akzeptiert. Das sei weder mit militärischen Mitteln noch durch humanitäre Hilfe zu ändern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2008)

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