WIEN. Slobodan schüttelt den Kopf. „Ich glaube nichts an dieser Geschichte. Niemand hat hier einen Mann mit weißem Bart und langen weißen Haaren gesehen.“ Slobodan ist Besitzer des Lokals „Zum Paten“ („Kod Kuma“) in der Goldschlagstraße 129, im 14. Wiener Gemeindebezirk. Hier treffen sich viele Serben aus der Umgebung – so auch aus der nahegelegenen Märzstraße.
In serbischen Wohnungen in der Märzstraße soll auch niemand geringerer als Radovan Karadzic gewohnt und gewirkt haben – freilich nicht unter seinem richtigen Namen, sondern als Wunderheiler namens „Pera“. Das berichtete die Tageszeitung „Kurier“ und zitierte eine Frau, die von Pera behandelt worden sei. Das Ganze habe sich 2006 zugetragen.
Überprüfte „Cobra“ Karadzic?
Die „Kronen Zeitung“ ging nun einen Schritt weiter: Am 4. Mai 2007 gab es nach einem Streit im Lokal „Zum Paten“ eine Schießerei mit einem Toten. Die Polizei-Eliteeinheit „Cobra“ habe daraufhin eine Wohnung in der Märzstraße gestürmt und dort einen Wunderheiler mit einem kroatischen Pass angetroffen, so die „Krone“. Der Mann habe Petar Glumac geheißen – soll in Wahrheit aber Karadzic gewesen sein. Da nichts gegen ihn vorlag, blieb er unbehelligt.
„Wir können natürlich nicht hundertprozentig sagen, dass das wirklich Karadzic war“, sagt der Sprecher der Innenministeriums, Rudolf Gollia, auf Anfrage der „Presse“. Es gebe aber Indizien dafür: An dem Einsatz beteiligte Beamte hätten nun tatsächlich ausgesagt, dass der damals kontrollierte Petar Glumac so ausgesehen habe wie Karadzic auf den Fotos von heute. „Die Beamten hatten damals keine Anhaltspunkte für eine falsche Identität.“ Der Pass, den der überprüfte Mann den Polizisten zeigte, habe jedenfalls echt ausgesehen.
Der Anfang der Woche in Belgrad verhaftete Karadzic hatte in Serbien unter dem Namen Dragan Dabic gelebt und als Alternativmediziner gearbeitet. Zu seinen Patientenbesuchen in Österreich soll er laut „Kurier“ mit einem kroatischen Pass angereist sein. Mit seinem serbischen Pass hätte er ein Visum beantragen müssen.
Die Gäste im Lokal „Zum Paten“ rauchen, nippen an ihrem schwarzen Kaffee und spielen Karten. An den Wänden des Lokals hängen religiöse Darstellungen: Ein Bild zeigt das letzte Abendmahl, ein anderes den Heiligen Georg. Dass Karadzic tatsächlich in Wien war, will keiner der Gäste glauben: „Das Ganze ist wohl ein Produkt der Fantasie.“
Mirko lebt schon lange in der Märzstraße. Von einem Wunderheiler namens Pera habe er nie etwas gehört, erzählt er. „Ich habe auch nie einen Mann gesehen, der so ausgesehen hat wie Karadzic auf den neuen Fotos.“ Und selbst wenn er ihn gesehen hätte: „Ich hätte ihn nie als Karadzic erkannt.“ Zivorad pflichtet bei: Als Taxifahrer sei er viel unterwegs. Über einen Wunderheiler Pera habe ihm aber niemals irgendjemand etwas berichtet.
„Beleidigung“ für Serben
Auch der Schriftsteller und Journalist Petar Milatovic glaubt nicht, dass Karadzic in Wien war. Er betrachtet solche Geschichten sogar als Beleidigung für die Serben in Österreich. Milatovic hatte 1999 in Österreich Demonstrationen gegen Serbiens Machthaber Slobodan Milosevic veranstaltet. Vor einigen Monaten protestierte Milatovic gegen die Unabhängigkeit des Kosovo. Er wird unter den Serben in Wien dem nationalen Lage zugeordnet. „Wenn deshalb jemand wissen muss, ob Karadzic tatsächlich in Wien war, dann bin ich es.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2008)



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