Den Haag (htz, ag.). Nach der Verhaftung von Radovan Karadzic soll nun der „zweite Streich“ – das Festsetzen des noch flüchtigen Ex-Generals Ratko Mladic – folgen. Dies berichtete die Belgrader Zeitung „Blic“. Die serbischen Behörden wollen Mladic angeblich bis Monatsende an das Haager Kriegsverbrechertribunal überstellen. Dazu müsste er vorher freilich geschnappt werden. Für die zuständigen Ermittler gilt jedenfalls Urlaubssperre.
Mladics alter Vertrauter Karadzic, der seit knapp einer Woche im Tribunals-Gefängnis in Scheveningen einsitzt, hat unterdessen das Gericht darum ersucht, dass der ehemalige US-Balkan-Gesandte Richard Holbrooke und die frühere amerikanische Außenministerin Madeleine Albright in seinem Prozess als Zeugen geladen werden. Ebenfalls im Zeugenstand erscheinen soll nach Karadzics Willen Richard Goldstone, der 1996 als Chefankläger am Tribunal amtierte.
Der Grund: Holbrooke habe 1996 Goldstone gebeten, Karadzic nicht zu verfolgen, weil es einen Deal mit der US-Regierung gebe. Der habe so ausgesehen, dass Karadzic Immunität zugesichert worden sei. Im Gegenzug habe der mutmaßliche Kriegsverbrecher alle seine Ämter niedergelegt und versprochen, nicht mehr politisch aktiv zu sein. Das tat Karadzic damals tatsächlich. Richard Holbrooke bestreitet diese Darstellung indes entschieden, und auch Goldstone ließ aus Südafrika verlauten, dass er von einem solchen Deal nichts wisse.
Prozess als Propagandaschlacht
Goldstone indes hatte während seiner Zeit als Chefankläger in Interviews mit der „Presse“ wiederholt erklärt, dass er nicht in erster Linie Karadzic, sondern Serbiens Autokraten Slobodan Milosevic vor dem UN-Tribunal haben wolle. Für Goldstone war dieser der Hauptverantwortliche für die Kriege und Kriegsverbrechen im zerfallenden Jugoslawien der 1990er-Jahre.
Es scheint, als wolle Karadzic im Laufe des gegen ihn geführten Prozesses eine wahre Propagandaschlacht starten. Sie wird mit Sicherheit spannend. Vielleicht ist es nur eine gut inszenierte Desinformations-Kampagne, vielleicht aber auch nicht. Zumindest hat Holbrooke eingeräumt, mit dem nunmehrigen Haager Häftling über dessen Rückzug aus der Politik verhandelt zu haben. Details dazu gab er nicht preis.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2008)

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