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Bolivien: Morales lässt über sein Schicksal entscheiden

07.08.2008 | 18:32 |  Von unserem Korrespondenten ANDREAS FINK (Die Presse)

Der erste indigene Präsident Südamerikas könnte am Sonntag über ein Referendum stolpern.

La Paz. Die Republik feiert Geburtstag – und der Präsident darf nicht mitfeiern. Boliviens Staatsoberhaupt Evo Morales konnte nicht vor die Parlamentarier treten und die traditionelle Ansprache zum Nationalfeiertag halten. Die Präfektin der Unruheprovinz Chiquisaca, in der Boliviens politische Hauptstadt Sucre liegt, hatte den Regierungschef zur persona non grata erklärt und ihm keine Garantie für seine Unversehrtheit geben wollen. Morales musste absagen. Er sprach stattdessen am Regierungssitz La Paz zum Volk, schimpfte auf die Opposition, das neoliberale Wirtschaftsmodell und die USA.

Doch damit nicht genug: Morales selbst musste seinen venezolanischen Förderer Hugo Chávez und dessen argentinische Adeptin Cristina Fernández de Kirchner ausladen. Militante Studenten und Anhänger der Autonomiebewegung hatten den Flughafen im südbolivianischen Tarija blockiert. Hier, wo Südamerikas zweitgrößte bekannte Erdgasvorkommen lagern, wollten die drei linken Staatschefs ein Energie-Abkommen unterzeichnen – eine schöne Gelegenheit für den Chef der „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS), noch einmal den solidarischen Staatsmann zu mimen, kurz vor dem Referendum über seine Abwahl.

 

„Ein gespaltenes Land“

Denn an diesem Sonntag haben die Bolivianer die Möglichkeit, die Herrschaft des Präsidenten, dessen Vize und von acht Provinzpräfekten vorzeitig zu beenden. Nachdem im Mai und Juni vier relativ wohlhabende Provinzen im östlichen Tiefland sich in eigenen Referenden für mehr regionale Autonomie entschieden hatten, rief der Präsident selbst zum landesweiten Votum auf. Morales verspricht sich davon Rückenwind, denn er weiß die arme, indigene Mehrheit des Landes hinter sich. 60 Prozent der Bolivianer sind Nachkommen präkolumbianischer Völker, ein ebenso großer Anteil lebt unter der Armutsgrenze.

 

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„Wie das Referendum auch ausgeht – Bolivien bleibt ein gespaltenes Land“, schreibt die angesehene Tageszeitung „La Razón“. Gespalten zwischen dem armen Hochland und den Ost-Provinzen mit ihren Gasvorkommen, Sojafeldern und Rinderweiden. Die dort lebenden Nachfahren europäischer Einwanderer finden keinen Gefallen an einem Staat sozialistischer Prägung, in dem Steuereinnahmen zentralisiert, Schlüsselindustrien nationalisiert und große Grundstücke umverteilt werden.

 

Verstaatlichung frisiert Budget

Doch genau das ist das Ziel des ersten Nachfahren amerikanischer Ureinwohner auf einem Präsidentensessel. Seit zwei Jahren versucht der ehemalige Chef der Koka-Gewerkschaft seine politischen Visionen in einer Verfassung festzuschreiben. Da die Opposition eine Zwei-Drittel-Mehrheit blockierte, trommelte Morales seine MAS-Parlamentariern in einer Armeebaracke zusammen, um die Verfassung mit einfacher Mehrheit durchzupeitschen. Doch für die endgültige Annahme fehlt noch ein Referendum. Ein Erfolg am Sonntag dürfte diesen nächsten Urnengang beschleunigen.

Einer neutralen Umfrage zufolge kann der Präsident mit 59 Prozent Zustimmung rechnen. Ein Grund: Die Wirtschaft wächst um sechs Prozent, trotz oder wegen Morales' Politik. Und nach der Quasi-Verstaatlichung der Erdgasförderung 2006 kann sich Boliviens Finanzminister über etwas freuen, was es in Südamerikas ärmsten Land noch nie gegeben hat: einen Budgetüberschuss.

Die Gasexporte nach Brasilien und Argentinien bringen dem Staatshaushalt sogar mehr als die Schecks von Compañero Hugo Chávez. Morales kann Wohltaten verteilen, etwa eine Basisrente für früher informell Beschäftigte oder Geld für Mütter, deren Kinder zur Schule gehen. Morales bleibt also populär – zumindest in der Hauptstadt und den drei Andenprovinzen.

Die anderen Landesteile werden großteils ihre Präfekten bestätigen, die keinen Finger rühren, um dem gewählten Präsidenten zu helfen – wie die Flughafensperre von Tarija zeigt. Wie die zu interpretieren sei, formuliert Vizepräsident Alvaro García so: „Akte von Gewalt, Provokation und Intoleranz, ausgeführt von Vandalen aus faschistischen, konservativen, rückwärtsgewandten und antibolivianischen Gruppen.“ Nach einem baldigen Kompromiss zwischen den verfeindeten Lagern klingt das wahrlich nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2008)


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3 Kommentare
 
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Von rossi1606 am 08.08.2008 um 18:26

Bolivien

hat mit Morales einen integren Staatsmann,den die Amis aber nicht wollen.Im Gegensatz zu Chavez hat Morales weniger Chancen Regierungschef zu bleiben.

Von Gast: dolores am 08.08.2008 um 10:51

Was heißt "relativ reiche Provinzen"?

Sind Sie schon in Beni oder Pando gewesen, oder in Tarija, wo es noch Menschen in sklavenähnlichen Bedingungen leben? Eientlich müßten Sie wissen, dass es in Bolivien keine Verstaatlichung der Kohlenwasserstoffe gegeben hat. Am 1. 5.2004 wurde das Gesetz 3058 von CArlos Mesa in Kraft geseetzt, das höhere Gaseinnahmen bescherte. Was heißt "Nachfahren europäischer Einwanderer"? Sind Sie in Santa Cruz gewesen? Lesen Sie Carlos Valverde BArbery: No soy separatista, soy independentista vom Jahr 2004. Er sah schon damals Blut fließen. Und: es geht nicht um "große Grundstücke, sondern um "riesige" Grundstücke. Die Regierung von SAnchez de Lozada, die Hab und Gut der Bolivianer privatisierte war im Jahr 1997 die zweitkorrupteste der Welt, nach NIGERIA einer Diktatur. Man kann sich vorstellen, was damals passiert ist.

Von Gast: juanita am 08.08.2008 um 10:41

Was heißt "relativ reiche Provinzen...

lesen Sie den Artikel "Cada Pandino recibe 9 veces mas.." Es geht um die Erträge aus den Gasgeschäften, die ausgerechnet den Einwohnern von El Alto, die ihr Leben im Gaskrieg geopfert haben, kaum erreichen. Ein Einwohner von Pando bekommt 9 Mahl mehr als ein Einwohner aus La Paz. Capito? Das Kohlenwasserstoffgesetz con Carlos Mesa, das Evo Morales als "Verstaatlichung" inszenierte, hat zur Spaltung Boliviens geführt. Sämtliche Kohlenwasserstoffe Boliviens wurden am 4.8.1997 mit dem Dekret 24806 verschenkt. Das Verfassungsgericht, das sorgfältig vorher mit konzenrfreundlichen Richtern besetzt wurde, hat die Schenkung als verfassungskonform bestätigt.
Herr Fink, was bedeutet "Nachfahren europäischer Einwanderer.Ich bin eine und bin dankbar, in La Paz aufgewachsen zu sein. Sie sind mit Ihren Äußerungen so rassist wie Carlos Valverde BArbery. Lesen Sie den Artikel: "no soy separatista, soy independentista" vom Jahr 2004. Schon damals hat er "prophezeit", dass es Blut fliessen werde.

 
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