Belgrad.Weltweit wurde der Fünf-Tage-Krieg im Kaukasus mit Besorgnis verfolgt. Weltweit? Nicht ganz. In Serbien können Politiker und Medien ihre klammheimliche Genugtuung kaum verbergen: Ihrer Meinung nach hat sich der Westen mit seiner Anerkennung der Abspaltung des Kosovo von Serbien im Februar die Georgien-Krise selbst eingebrockt.
Südossetien sei „das beste Beispiel“, dass der Westen mit zweierlei Maß messe, schrieb der Kommentator der eher prowestlichen Zeitung „Blic“. Bis ins Detail ähnle die Situation in Südossetien der im Kosovo. Der Westen, der die Anerkennung des Kosovo als Ausnahme ohne Modellcharakter bezeichnet habe, poche nun auf die territoriale Integrität Georgiens.
„Der Kosovo-Bumerang trifft den Westen“, konstatierte die größte serbische Zeitung „Vecernje Novosti“ zufrieden. Wenn zwei Seiten sich nur noch mit Waffen unterhalten könnten, sei es besser, sie zu trennen, zitierte das Blatt genüsslich Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner mit einer früheren Aussage zum Kosovo: „Und sechs Monate später erklärt die französische EU-Präsidentschaft, dass eine Lösung gefunden werden müsse, die die territoriale Integrität Georgiens garantiert.“ Was heute in Südossetien passiere, könne man morgen nicht nur in Berg-Karabach oder Tibet, sondern auch im Baskenland, Elsass, Wallonien oder Südtirol erwarten, ergänzte das Boulevardblatt „Press“.
Der serbische Verweis auf die nach Belgrader Sicht völkerrechtswidrige Anerkennung des Kosovo spricht zwar eigentlich gegen die russische Intervention in Südossetien, doch die Begründung Moskaus für den Militärschlag findet ausgerechnet bei Serbiens Nationalisten ein rundweg positives Echo. Die oppositionellen Radikalen schickten nach Beginn der Kämpfe Solidaritäts-Telegramme an Premier Wladimir Putin und Präsident Dmitrij Medwedjew.
Russland kopiert die Nato
Etwas differenzierter äußern sich Vertreter der pro-europäischen Mitte-Links-Regierung. Aber auch sie machen vor allem den Westen für die Eskalation verantwortlich. Ohne den Präzedenz-Fall Kosovo hätte es keinen Krieg im Kaukasus gegeben, ist Kosovo-Staatssekretär Olivier Ivanovic überzeugt. Wie Serbien im Kosovo-Krieg 1999 habe nun auch Georgien den Ossetien-Konflikt mit Gewalt lösen wollen, vergleicht er das Vorgehen der Führung in Tiflis mit dem des serbischen Milosevic-Regimes.
Kosovo wie Südossetien seien Teile eines entlang ethnischer Linien zerfallenen Staates, in beiden Regionen kollidierten die Interessen der Nato und Russlands, erklärte Dusan Jancjic vom Belgrader Forum für ethnische Beziehungen. Die Nato verteidige nun Georgiens Integrität – ein Recht, das sie Serbien im Kosovo nicht eingeräumt habe: „Umgekehrt wendet Russland das Modell an, das die Nato für den Kosovo nutzte.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2008)
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