WIEN. „Aufwachen, Leute im Westen! Das asiatische Jahrhundert ist angebrochen – und China wird die dominierende Macht der Welt werden.“ Das war die wichtigste Botschaft zweier Fachtagungen in Wien, die sich den derzeitigen geopolitischen Umbrüchen widmeten – und dabei den Entwicklungen in Ostasien besonderes Augenmerk schenkten.
Urs Schöttli, seit vielen Jahren Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ in Peking und in Tokio, rät den Europäern dringend, ihre Sicht der Welt zu ändern: „Sie müssen aufhören zu glauben, die Asiaten seien dekadent und alle Dynamik gehe vom Westen aus.“ Für ihn bedeutet das asiatische Jahrhundert sowohl eine außergewöhnlich Chance für die globale Entwicklung wie auch ein horrendes Risiko. Denn: „Ein neuer Weltkrieg wird seinen Ausgang in Asien nehmen, zu viele Pulverfässer haben sich dort angesammelt.“
Defensive Außenpolitik
Eine Kernfrage ist für Schöttli dabei, wie die westliche Welt mit dem Wiederaufstieg Chinas zur Weltmacht umgeht. Ein vom „Internationalen Institut für Liberale Politik“ und dem Taipei Wirtschafts- und Kulturbüro in Wien veranstaltete Fachtagung versuchte, Antworten darauf zu finden.
Gudrun Wacker, China-Expertin aus der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, charakterisierte die heutige Außenpolitik Pekings als „alles in allem defensiv“: „China will vermeiden, dass sich die Außenwelt seinem Aufstieg entgegenstellt. Und China braucht ein friedliches internationales Umfeld, damit es sich im Inneren auch weiter modernisieren kann.“ Wacker ließ dabei keinen Zweifel: „Die inneren Herausforderungen des Landes – Korruption, Umweltverschmutzung, Arm-Reich-Gefälle – sind ungeheuerlich.“
Wacker zufolge ist China geradezu gezwungen, Weltmachtstatus zu erlangen – schon um die eigene Versorgung mit Rohstoffen zu sichern. Und die gibt es in Vorderasien, Afrika, Lateinamerika, wo China zuletzt immer aktiver wurde. Aber auch das umfangreiche Weltraumprogramm zeige klar das Streben Chinas nach einer Weltmachtrolle.
Für die deutsche Expertin hat sich China von einem „revisionistischen zu einem konstruktiven Akteur“ in der Weltarena gewandelt: „Die Frage ist freilich, ob China diese konstruktive Rolle beibehält, oder ob es in alte revisionistische Verhaltensweisen zurückfällt. Das ist schon deshalb schwer zu prognostizieren, weil das chinesische Herrschaftssystem nach wie vor nicht transparent ist.“
Auch für den Sinologen Franco Algieri, den neuen Forschungsdirektor am Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik, ist China unberechenbar geblieben, vor allem, was seine militärische Macht anbetrifft. Aber auch er glaubt, dass Peking in der Außenpolitik derzeit „kooperative Konfliktlösungsmodelle konfrontativen Ansätzen eindeutig vorzieht“.
US-Einfluss zurückdrängen
Eine Regionalmacht sei China bereits, „in Zukunft werden wir uns auch mit der Weltmacht China auseinandersetzen müssen“, prophezeite Algieri bei einem Workshop des Instituts für Friedenssicherung und Konfliktmanagement in Wien. „Ohne Berücksichtigung der chinesischen Interessen wird künftig globales Konfliktmanagement gar nicht mehr möglich sein.“ Und Wacker warnt bereits: „Wenn China international einmal ein Hauptakteur sein wird, wird es ganz bestimmt nicht nur die westlichen Positionen abnicken.“
Für Professor Chong-pin Lin von der taiwanesischen Stiftung für internationale und China-Studien ist es Pekings großes außenpolitisches Ziel, Amerikas Einfluss aus Ostasien hinauszudrängen, wobei es sich vor allem wirtschaftlicher und kultureller Instrumente bediene. Und die militärischen? „China setzt seine militärische Modernisierung konsequent fort. Pekings Motto lautet aber, frei nach Theodore Roosevelt: ,Trage einen großen Stock und sprich sanft‘.“ Im geopolitischen Gesamtbild sehe China, dass sich „Amerikas strategische Expansion abschwächt, das soll ausgenützt werden.“
Wer kann China bremsen?
Gegenüber Taiwan agiere Peking derzeit mit einer kleineren Peitsche und dafür einem größeren Zuckerbrot. Professor Lin erwartet deshalb für die Zukunft abnehmende militärische Spannungen in der Taiwan-Straße und immer engere Beziehungen zwischen Taipeh und Peking.
Und was kann all die rosigen Prognosen über Chinas unaufhaltsamen Aufstieg noch über den Haufen werfen? Da waren sich alle in Wien versammelten China-Experten einig: Die Hauptgefahr droht China aus dem Inneren, nicht von rivalisierenden Mächten, die seinen Aufstieg bremsen wollen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2008)
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