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Türkei: Wenn nicht nur Atatürk vom Geldschein schaut

06.10.2008 | 18:18 |  Von unserem Korrespondenten JAN KEETMAN (Die Presse)

Auf den neuen Banknoten sind außer dem Staatsgründer auch andere Porträts zu sehen. Eine Revolution.

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ISTANBUL. Als vergangenen Freitag die neuen Geldscheine der Türkei, die ab Jahresbeginn 2009 gültig sein werden, vorgestellt wurden, lag beinahe so etwas wie Verrat in der Luft. Hielt doch der islamische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zusammen mit Zentralbankchef Durmus Yilmaz ein Sortiment neuer Geldscheine in die Höhe, auf denen nicht mehr ausnahmslos das Haupt von Kemal Atatürk prangte.

Das hatte es schon einmal gegeben, allerdings vor mehr als einem halben Jahrhundert. Diesen Umstand hatte Erdogan im Wahlkampf vor einem Jahr genüsslich gegen die Opposition ins Treffen geführt. Verrat an Atatürk habe dessen Republikanische Volkspartei damals begangen, meinte Wahlkämpfer Erdogan.

Jetzt duldete er Ähnliches und schon wittert so mancher wieder eine Unterwanderung der säkularen Ordnung. Der Republiksgründer ist zwar weiterhin auf jeder Banknote zu sehen. Auf die Rückseiten jedoch sind nun auch die Köpfe anderer Persönlichkeiten gedruckt. Eine kleine Revolution.

Unter den sechs Personen, die der Verwaltungsrat der Zentralbank ausgewählt hat, befindet sich Frau Fatma Aliye Hanim (1862–1936), eine frühe türkische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, die zugleich einer konservativ-islamischen Weltsicht anhing. Außerdem der große mystische Lyriker Yunus Emre, der osmanische Komponist Itri, der Zahlentheoretiker Cahit Arf und andere.

 

Konservative Autorin spaltet

Nun hagelt es Kritik von allen Seiten. „Die Auswahl auf den Geldscheinen kann man unmöglich akzeptieren“, donnerte die Zeitung Milliyet. Der Autor, Ilber Ortayli, geht die Personen der Reihe nach durch und verwirft sie fast alle. Ein türkischer Mathematiker habe nichts auf einem Geldschein verloren, wettert er etwa. Denn es gebe keinen von Weltgeltung.

Insbesondere die Wahl von Fatma Aliye erregt die Gemüter. Die Schriftstellerin Leyla Erbil findet es ironisch, dass ausgerechnet eine konservative Schriftstellerin die türkische Frauenbewegung vertreten soll. Der Literaturkritiker Selim Ileri meint, Fatma Aliye habe sich zwar für die ökonomische Freiheit der Frauen eingesetzt, sie sei aber einfach keine große Schriftstellerin gewesen.

Mit anderen Worten, zu Recht oder zu Unrecht, es wird viel gemäkelt. Nur die Schriftstellerin Elif Safak meinte, sie habe sich gefreut, weil endlich einmal Künstler auf den Geldscheinen seien – und in dieser patriarchalen Gesellschaft auch eine Frau.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2008)

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