11.02.2012 06:09 | Meine Presse Merkliste0

Lettland: Aufruf zum Umsturz kam via Internet

14.01.2009 | 19:15 |  Von unserem Korrespondenten HANNES GAMILLSCHEG (Die Presse)

Eine Großdemonstration gegen die Regierung artete in schwere Krawalle aus. Mehrere hundert zumeist jugendliche Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

KOPENHAGEN/RIGA. In der lettischen Hauptstadt Riga hat sich die Wut über die Wirtschaftsmisere in der Nacht auf Mittwoch im Anschluss an eine Großkundgebung gegen die Regierung in schweren Krawallen entladen: Mehrere hundert zumeist jugendliche Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, die mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Protestierenden vorging.

Nachdem Randalierer versucht hatten, das Parlament zu stürmen, verhängte die Ordnungsmacht den Ausnahmezustand. 128 Personen wurden verhaftet. 28 Verletzte, darunter drei Polizisten, wurden in Krankenhäuser eingeliefert.

Zuvor hatten bei einer Demonstration mehr als 10.000 Menschen friedlich gegen die Politik der Mitte-Rechts-Regierung des Liberalen Ivars Godmanis protestiert. Rund 30 Gewerkschaften und politische Organisationen hatten zu der Veranstaltung aufgefordert, deren Teilnehmer die Auflösung des Parlaments und die Ausschreibung von Neuwahlen forderten.

Präsident Valdis Zatlers sagte am Mittwoch, er gebe dem Parlament eine Frist bis 31. März, um Verfassungsänderungen durchzuführen, die eine Parlamentsauflösung durch ein Volksbegehren ermöglichen sollen. Sonst werde er selbst diesen Schritt vornehmen. Er forderte auch eine Kabinettsumbildung. Das „katastrophal niedrige Vertrauen“ in die jetzige Regierung sei die Wurzel der Probleme, die zu den Unruhen geführt hätten.

 

Höchste Alarmstufe

Im Internet kursierten gleichzeitig Aufrufe, Chaos auszulösen und einen „gewaltsamen Umsturz“ herbeizuführen. Die Polizei hatte höchste Alarmstufe ausgegeben und schritt drastisch ein, als nach Auflösung der Demonstration einzelne Gruppen begannen, zum nahe gelegenen Parlamentsgebäude vorzudringen.

Randalierer zertrümmerten Auslagen, plünderten Alkoholläden und steckten Polizeiautos in Brand. An der Vorderseite des Parlaments zersplitterten sämtliche Fensterscheiben, auch andere öffentliche Gebäude, Banken, Büros und Restaurants wurden beschädigt. Ministerpräsident Godmanis erklärte, man müsse untersuchen, ob die Krawalle organisiert gewesen seien. Ein Rücktritt von Innenminister Mareks Seglins komme „nicht in Frage“. Die Stadtverwaltung in Riga will die Veranstalter der Demonstration für entstandene Schäden aufkommen lassen.

Die Massenproteste waren eine Reaktion auf die harsche Krisenpolitik, mit der die Regierung auf den Zusammenbruch der Wirtschaft reagierte. Nur ein vom Internationalen Währungsfonds, der EU und den skandinavischen Nachbarn zusammengestelltes Hilfspaket mit Krediten von 7,5Milliarden Euro rettete Lettland vor dem Bankrott.

 

Jahrelanger Konsum auf Pump

Die Regierung beschloss Haushaltskürzungen um bis zu 25 Prozent. Im öffentlichen Sektor wurden die Löhne um 15 Prozent gesenkt, die Mehrwertsteuer stieg zu Jahresbeginn von 18 auf 21 Prozent, der reduzierte Mehrwertsteuersatz wurde von fünf auf zehn Prozent verdoppelt und dessen Anwendung stark eingeschränkt. Nach Jahren mit zweistelligen Wachstumsraten, hauptsächlich durch Konsum auf Pump und eine Immobilienblase angefacht, rechnet die Regierung für 2009 mit einem Fall der Wirtschaftsleistung um fünf Prozent. die Arbeitslosigkeit wird auf über zehn Prozent anwachsen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

4 Kommentare
Frotzelei
15.01.2009 18:54
0 0

Was sich abzeichnet ist, dass die Prophezeiung der Internet-Bürger wahr wird.

Die Leute lassen sich nicht mehr so leicht frotzeln und belügen mit leeren Wahltäuschung.

In weniger als 20 Jahren werden die Politiker der Mehrheit sofort Rede und Antwort stehen müssen.

Damit sind diktatorische Anwandlungen von Parteifuzzis schnell abgewürgt.

Nicht dass mir einer unterstelle, mit abgewürgt meinte ich aufgehängt.

NeroRosso
15.01.2009 09:17
0 0

Die neuen Vorbilder lassen grüßen

Nachdem der russische Bär nicht mehr taugte, suchten sich die Balten einen neuen Freund und fanden ihn in Übersee. Der Yankee hatte gute Ideen: Russland ist sooooo böse und wir zeigen dir wie es geht.
...

Und jetzt: Der große Bruder aus Übersee ist auch pleite, es wäre ja ein Wunder gewesen, wenn es bei den Balten dnn nicht auch so gekommen wäre.

Die Mär von der Geschicht: Vertraue auch einem Yankee nicht!

0 0

ja ja die Balten...

erst nicht deutsch, dann nicht russisch, wo stehen die beim Pisa Test ?

Gast: dippegucker
14.01.2009 22:32
0 0

ja ja die Balten...

... erst nicht deutsch, dann nicht russisch, dann pleite. Wo liegen die beim Pisa-Test ?