Podujevo. Lautlos gleiten die Saftkartons durch die vollautomatische Abfüllanlage. Aufmerksam lässt Bashim Osami seinen Blick über die blitzenden Chromtanks gleiten. Eigentlich könnte der Chef des Saftherstellers Laberion in der Kosovo-Stadt Podujevo zufrieden sein. Trotz häufiger Stromausfälle konnte er seinen Absatz seit der Firmengründung 2001 jedes Jahr um ein Viertel steigern. Die Fruchtsäfte des Familienbetriebs werden sogar in Schweden und der Schweiz vertrieben.
Doch die unzustellbaren Paletten in der Lagerhalle trüben die Laune des Unternehmers. Sie lassen ihm seit Dezember keine Ruhe. Damals sollten zwei seiner Lkws durch Serbien nach Bosnien fahren, doch die serbischen Zöllner hielten sie wegen „illegaler“ Frachtpapiere zurück. Schuld war ein neuer Stempel der Zollbehörde. Seit die Frachtpapiere mit „Zoll Kosovo“ statt mit „Unmik“ abgestempelt werden, verweigert Serbien selbst für Transitgüter die Durchfahrt.
Trotz höherer Frachtkosten transportierte Osami den Saft über Montenegro. Doch an der bosnischen Grenze erlebte er die nächste unliebsame Überraschung: Auf Druck Belgrads erhebt nun Bosnien einen Zoll von zehn Prozent – und das, obwohl Kosovo 2007 noch unter der UN-Verwaltung Unmik dem Cefta-Abkommen beigetreten war, das freien Handel zwischen den Staaten Ex-Jugoslawiens, Albanien und Moldawien versprach.
Die Schikanen hätten seine Firma ausgerechnet mitten im lukrativen Weihnachtsgeschäft getroffen, seufzt der Firmenchef. Er fordert, Kosovo sollte für serbische Produkte die Zollpflicht wieder einführen.
Denn sein junges Land exportiere „praktisch nichts“ zum Nachbarn, Serbien hingegen jährlich Güter im Wert von 400 Millionen Euro nach Kosovo: „Serbien hat ein viel größeres Interesse am zollfreien Handel als wir. Nur wenn wir die serbischen Unternehmen unter Druck setzen, werden sie ihrer Regierung wegen des Embargos an die Gurgel gehen.“
Weniger Investitionen
Mit großen Hoffnungen, aber gegen den Willen Serbiens, hatte sich Kosovo vor einem Jahr für unabhängig erklärt. Das Ex-Mutterland bemüht sich nach Kräften, den zwei Millionen Kosovaren die Freude über die Eigenstaatlichkeit zu vergällen. Die bitter benötigten Direktinvestitionen gehen seit der Unabhängigkeit sogar leicht zurück. Daran sind auch die Spannungen zwischen Belgrad und Pristina und die fehlende Kontrolle über den serbisch besiedelten Norden des Landes schuld, erklärt der Ökonom Shpend Ahmeti in Pristina: „Für Investoren ist die politische Lage keineswegs stabil, sie bleibt ein ungelöstes Problem.“
Manche Probleme sind aber auch hausgemacht. Pristina sei beim Buhlen um neue Investoren „nicht sehr kreativ“, bemängelt Ahmeti. Zwar habe Kosovo seit Jahresbeginn Körperschafts- und Einkommensteuer auf den Einheitssteuersatz von zehn Prozent gesenkt, doch „den haben andere Länder der Region auch.“
Dazu kommen die Wirtschaftskrise, die mangelhafte Infrastruktur und Probleme bei der Stromversorgung. Am meisten aber schreckt der ruppige Umgangston der kosovarischen Gesprächspartner ab: „Manche Investoren kommen am Morgen – und reisen am Abend schnell wieder ab“, sagt Ahmeti: „Sie hören hier nicht, was sie hören wollen. Dabei müsste Kosovo sich um Investoren bemühen, nicht umgekehrt.“
Das von vielen Kosovaren erhoffte Wirtschaftswunder ist bislang ausgeblieben. Noch immer gilt das Land als das Armenhaus der Region. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40Prozent. Das Wachstum von über fünf Prozent 2008 wird durch die Ausgangslage relativiert: Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt knapp 1300Euro pro Jahr. Erneut wuchsen 2008 die Einfuhren stärker als die Exporte – und ließen das Handelsdefizit um 23 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro klettern. Immerhin ist der international isolierte Bankensektor von der Finanzkrise kaum betroffen.
Schwer haben es aber viele Familien, die sich nur mit Hilfe von Angehörigen im Ausland über Wasser halten können. Denn die Zahlungen der Auslands-Kosovaren, die rund 15Prozent des Sozialprodukts ausmachen, könnten 2009 stark schrumpfen. Immerhin winkt dem Land im April der Beitritt zum Internationalen Währungsfonds (IWF). Und auch die Zahl der Stromausfälle ist gesunken, seit teurer Atomstrom importiert wird. Kurzfristig werde die Wirtschaftslage „zur größten Quelle der Instabilität“, glaubt Ahmeti.
Langfristig habe das Land aber Entwicklungskapazitäten: „Nur leider sitzen nicht immer die richtigen Leute an der richtigen Stelle.“ Auch die EU-Polizei- und Justizmission Eulex sowie der EU-Kosovo-Gesandte könnten wegen ihres unklaren Mandats „nur mit gebundenen Händen operieren“, konstatiert der Analyst.
Sanktionen gegen Serbien?
Dabei gäbe es genug Möglichkeiten, „Geschäfte und Gewinn zu machen“. Leider fehlten aber staatlich gesponserte Investitionskredite oder Subventionen für den Mittelstand. Die Kredite der Banken seien „viel zu teuer“.
Entscheidend sei, dass Pristina bei der Cefta auf Sanktionen gegen Serbien dränge: „Die Serben behandeln uns als Hinterhof, aber wir dürfen dorthin nicht exportieren. Das kann doch einfach nicht sein.“
■Am 17.Februar 2008 erklärte die Provinz Kosovo ihre Unabhängigkeit von Serbien. Damit verbunden war die Hoffnung auf ein Wirtschaftswunder in der armen Region.
■Heute, ein Jahr später, sind die ausländischen Direktinvestitionen weiter zurückgegangen. Schuld daran sind neben der Wirtschaftskrise auch die Blockadepolitik Serbiens, mangelnde Anreize, eine schlechte Vermarktung und die ungeklärte politische Situation.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2009)
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