Das gesamte Viertel um die große Bandaranaike-Kongresshalle im Zentrum von Sri Lankas Hauptstadt Colombo wirkt wie ein militärisches Sperrgebiet. Hunderte Polizisten und Soldaten in schusssicheren Westen mit Maschinengewehren sichern die vierspurige Hauptstraße vor dem riesigen Gebäude. Tausende Besucher drängen sich vor den Sicherheitsschleusen. Sie alle wollen zu der jährlichen Feier, bei der die Armee ihre militärischen Erfolge gegen die Rebellen der „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE) zur Schau stellt.
Dieses Jahr hat die Veranstaltung den Charakter einer Siegesfeier. Denn Sri Lankas Militär hat die Tamil Tigers, die lange als unbesiegbar galten, nach einem Vierteljahrhundert des Kriegs an den Rand einer militärischen Niederlage gebracht. Die Rebellen kontrollieren nur noch ein winziges Areal im Nordosten der Insel, wo sie sich mit geschätzten 200.000 Zivilisten verschanzt halten. Doch allzu laut will man noch nicht jubilieren: Die fanatischen Kader von LTTE-Chef Velupillai Prabhakaran haben immer wieder aus Momenten der vermeintlichen Schwäche heraus brutal zurückgeschlagen.
Ein Heer aus dem Gleichschritt
Doch hier und jetzt feiert man ein Volksfest, mit Folkloregruppen, einer Waffenschau und natürlich einer Parade. Kampfjets donnern über das Meer, Panzer rollen über die Prachtstraße, Einheit um Einheit schieben sich die Soldaten an den geladenen Gästen und Regierungsvertretern auf der Ehrentribüne vorbei. Den wenigsten der meist jungen Männern gelingt es, den geplanten Gleichschritt einzuhalten.
Hier zeigt sich, wie Sri Lankas Armee die LTTE-Rebellen seit Beginn der großen Militäroffensive Anfang 2008 zurückgedrängt hat: Sie schickte zehntausende eiligst eingezogene Rekruten in die Schlacht. „Wieso sind wir nicht schon früher darauf gekommen“, schreibt der Kommentator einer regierungsnahen Tageszeitung. „Wir haben sie mit unserer zahlenmäßigen Überlegenheit überrumpelt!“
Die massive Aufrüstung der Armee und die Rekrutierung von mehr als 80.000 zusätzlichen Soldaten begann, nachdem Mahinda Rajapakse im November 2005 die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte. Er war mit der Ankündigung in den Wahlkampf gegangen, die LTTE militärisch zu schlagen.
Doch auch Prabhakaran, der autoritäre LTTE-Chef, wollte den langwierigen Krieg endlich für sich entscheiden, der seit 1983 in dem einstigen Urlaubsparadies tobt. Nach jahrzehntelanger Diskriminierung durch die buddhistisch-singhalesische Mehrheit bis hin zu blutigen antitamilischen Pogromen mit tausenden von Toten hatten sich etliche radikale Gruppen gebildet. Prabhakaran setzte sich mit seiner LTTE an die Spitze der Bewegung, indem er Anführer anderer Tamilengruppen töten ließ. Die fanatisch-nationalistischen Guerilleros wurden angetrieben von der Idee, mit einem bewaffneten Kampf die Gründung eines eigenen Staates im Norden und Osten der Insel zu erzwingen.
Doch in den 26 Jahren gelang es keiner der beiden Seiten, den Krieg eindeutig für sich zu entscheiden. Die Tamil Tigers waren nie stark genug, um Colombo zur Anerkennung ihres Ministaats „Tamil Eelam“ zu bewegen. Keine Regierung wiederum vermochte es, die Rebellen entscheidend zu schlagen. Präsident Rajapakse ließ internationale Rufe nach einer politischen Lösung unerhört. Stattdessen rekrutierte Sri Lankas Armeechef Sarath Fonseka immer mehr junge Männer für den Krieg und die Großoffensive ab 2008.
„Am Anfang sind wir nur langsam vorangekommen“, sagt Brigadegeneral Udaya Nanayakkara, der Sprecher des Verteidigungsministeriums. Doch nach einigen Monaten sei der Durchbruch gelungen. Dann sei die Armee schnell in kleinen Verbänden auf Rebellengebiet vorgerückt, damit sich die LTTE nicht neu gruppieren und zurückschlagen konnte.
Nanayakkara sitzt im „Medienzentrum für Nationale Sicherheit“ im Zentrum von Colombo, das nur dafür eingerichtet wurde, um der Welt den Krieg als „Kampf gegen den Terror“ zu verkaufen.
Die „humanitäre Operation“
Im Wortlaut des Medienzentrums und in den zahlreichen Erklärungen der Regierung heißt der blutige Krieg „humanitäre Operation“. Flüchtlinge aus dem Rebellengebiet werden in „Wohlfahrtslagern“ untergebracht, nachdem sie aus „den Klauen der Terroristen“ befreit worden sind. Colombo möchte keinen Zweifel daran lassen, dass es die moralische Hoheit über die vermutlich schon bald gewonnene Schlacht besitzt.
Viele Freiheiten blieben in dem Krieg auf der Strecke, etwa die der Presse. Verteidigungsminister Gotabhaya Rajapakse, einer der Brüder des Präsidenten, warnte, internationale Organisationen, Korrespondenten und Diplomaten sollten sich „benehmen“, sonst würden sie aus dem Land geworfen. Neun kritische Journalisten wurden seit 2006 ermordet, 27 mit dem Tod bedroht.
Ein hoher Regierungsbeamter räumt ein, dass zur Zeit eben Krieg sei und damit eine Ausnahmesituation herrsche. „Nach dem Krieg werden die Freiheiten alle wiederkommen“, sagt er und schaut dabei auf den Boden. So sicher ist er dann doch wohl nicht.
„Das wäre glatter Selbstmord“
Die Propagandaschlacht geht auf den Regierungssendern Sri Lankas weiter. Neben Durchhalteparolen senden sie immer wieder Werbespots des Verteidigungsministeriums. In einem der Clips, die an einen James-Bond-Film gemahnen, rasen junge Soldaten auf Motocross-Motorrädern an die Front, springen von den Maschinen und beginnen wild zu schießen.
Der Kampf soll heroisch dargestellt werden, dabei ist nichts Heldenhaftes im Sterben. 14.000 LTTE-Kader sind offiziellen Zahlen zufolge seit Beginn der Offensive ums Leben gekommen, aber nur 3000 Soldaten. Doch von der Front sickern immer wieder Schilderungen durch, dass alleine bei einzelnen Kämpfen hunderte Armeeangehörige im Kugelhagel der LTTE ihr Leben ließen. Die Opposition geht davon aus, dass seit der Neuauflage des Bürgerkrieges vor etwas mehr als einem Jahr 15.000 Soldaten ums Leben kamen, dazu tausende Zivilisten.
Doch die wahren Opferzahlen bleiben geheim. „Die auch nur zu recherchieren“, meint ein Journalist, „wäre glatter Selbstmord.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2009)

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