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Burgtheater-Debatte: „Europa steht an einem Scheideweg“

22.02.2009 | 18:53 | BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Protagonisten von 1989 sehen die Errungenschaften der damaligen Revolution heute in Gefahr. Sie warnen vor Renationalisierung und Protektionismus.

WIEN.Zwanzig Jahre, nachdem Volksbewegungen morsche kommunistische Regime in Mittelosteuropa zum Einsturz gebracht haben, ist wenig Zeit für nostalgische Rückblicke. Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die gerade einige der damals wieder frei gewordenen Staaten mit voller Wucht trifft, zwingt vielmehr zur nüchternen Bestandsaufnahme und zum Nachdenken über Europas Rolle in Gegenwart und Zukunft. „Wir erleben gerade einen Weckruf an die Europäer, dass wir heute in einer völlig veränderten Welt leben“, meint der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash.

Ash, selbst ein Augenzeuge der Umwälzungen von 1989, diskutierte am Sonntag im Burgtheater mit Protagonisten des damaligen Geschehens: dem polnischen Journalisten Adam Michnik, dem späteren ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und dem früheren Ministerpräsidenten von Sachsen, Kurt Biedenkopf. „20 Jahre nach 1989“ war dabei der Auftakt zur Debattenreihe „Europa im Diskurs“.

Professor Biedenkopf stellte klar: „Wir haben in Europa seit den 1970er-Jahren über unsere Verhältnisse gelebt. Wir klammerten uns an die Illusion, dass wir uns auf Kosten künftiger Generationen und Ressourcen ausleben können.“ Es seien dabei die Eliten gewesen, die die Sache vermasselt hätten: „Alle haben da mitgemacht“, fügte Biedenkopf selbstkritisch hinzu, „und jetzt sollen dieselben Eliten, die die Fehler gemacht haben, die Probleme wieder aus der Welt schaffen.“

 

Europäer gelten als Heuchler

Für ihn ist die Kernfrage, ob Europa angesichts der durch die Krise wieder stärker werdenden zentrifugalen Kräfte zusammensteht und sich den Versuchungen der Renationalisierung widersetzt: „Europa steht an einem Scheideweg.“ So sieht das auch Viktor Orbán: „Wir laufen Gefahr, alles, was wir in Mittelosteuropa seit 1989 erreicht haben, zu verspielen.“ Für eine besondere Bedrohung hält er dabei den Protektionismus, insbesondere den finanziellen Protektionismus westlicher Banken.

Auch Timothy Garton Ash warnte vor der drohenden Renationalisierung. Für ihn ist auch entscheidend, dass Europa endlich zu einer gemeinsamen Außenpolitik findet: „Es müsste uns doch zu denken geben, dass die Europäer in Moskau, Peking und Washington aus unterschiedlichen Gründen als Heuchler angesehen werden, dass der EU dort mit Verachtung, nicht aber mit Respekt begegnet wird.“

Für Ash haben dabei jene Werte, die das magische Jahr 1989 in Europa ermöglicht haben, immer noch ihre Relevanz: Solidarität, Mut, Kühnheit, neues Denken. „1989“, meint der Brite, „war der vielleicht außergewöhnlichste Moment der gesamten europäischen Geschichte. Aber möglicherweise war es damals auch das letzte Mal, dass Europa im Mittelpunkt des Weltgeschehens stand.“

Adam Michnik meinte, dass es 1989 auch ganz anders hätte laufen können: „Wenn damals in Moskau noch Leonid Breschnjew an der Macht gewesen wäre, hätte es wohl ein zweites Tiananmen gegeben“ (Anm.: auf dem Pekinger Tiananmen-Platz war im Juni 1989 die Demokratiebewegung der Studenten niedergeschlagen worden). Und wenn Wladimir Putin damals das Sagen gehabt hätte, hätten wir wohl die gleiche Lektion bekommen wie die Georgier letzten Sommer.“

Für Orbán bleibt der Umgang Europas mit Russland auch in den kommenden Jahren eine Schlüsselfrage für die EU, und die Mittelosteuropäer könnten dabei ihre ganze Expertise einbringen. Denn: „Wir verstehen Russland und seine politischen Instinkte einfach viel besser, als das etwa Deutsche und Franzosen tun.“


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