Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat ein neues Ehegesetz verteidigt, das im Westen für Empörung sorgt. Karzai sprach von "Missverständnissen" und einer falschen Übersetzung. Nach den im Westen vorliegenden Übersetzungen des Gesetzes wäre eine Ehefrau verpflichtet, "den sexuellen Bedürfnissen ihres Mannes jederzeit nachzukommen". Wenn der Mann nicht auf Reisen sei, habe er mindestens jede vierte Nacht das Recht auf Geschlechtsverkehr mit seiner Frau. Zudem müssten Frauen sich bis auf bestimmte Ausnahmen die Erlaubnis des Ehemannes einholen, wenn sie das Haus verlassen wollten.
Frauen dürfen Haus verlassen
Karzai erklärte, der Artikel 130 des Gesetzentwurfs sage klar, dass Frauen das Haus bei berechtigten Anlässen durchaus verlassen dürften. Er habe den Justizminister aber gebeten, den ganzen Text noch einmal gründlich zu studieren, ihn gegebenenfalls in Absprache mit islamischen Würdenträgern zu ändern und dann dem Parlament noch einmal vorzulegen.
Es gibt Gründe, sich gegen Sex zu wehren
Ein hoher schiitischer Kleriker, Ayatollah Scheich Mohammad Asif Mohsini, verteidigte das Gesetz ebenfalls. "Die Medien kritisieren, dass ein Frau sich nicht gegen Sex wehren darf. Das ist nicht wahr. Bei klaren und vernünftigen Gründen oder indem sie ihren Ehemann um Erlaubnis fragt, kann sie dies durchaus."
Obama nennt Gesetz "abscheulich"
US-Präsident Barack Obama hat das Ehegesetz als "abscheulich" bezeichnet. "Wir halten es für sehr wichtig, lokalen Kulturen gegenüber sensibel zu sein, aber wir glauben auch, dass es bestimmte grundlegende Prinzipien gibt, an die sich alle Länder halten sollten", erklärte Obama auf einer Pressekonferenz in Straßburg. "Und der Respekt für Frauen und ihre Freiheit und Integrität ist ein wichtiges Prinzip."
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wies den Entwurf als "nicht akzeptabel" zurück, da er die Gleichberechtigung von Männern und Frauen missachte. Merkel erklärte auf dem NATO-Gipfel in Straßburg: "Wir kämpfen, dass in Afghanistan alle Menschen gleichberechtigt leben können, Männer und Frauen."
Der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper äußerte Zustimmung zu Karzais Entscheidung, das Gesetz noch einmal prüfen zu lassen. "Die Gleichheit von Männern und Frauen ist ein Herzstück unseres Wertesystems und unseres Engagements in diesem Land und unserer Opposition gegen die Taliban", sagte Harper in Straßburg. Das Engagement der Staatengemeinschaft für Afghanistan war zentrales Gipfel-Thema.
(Ag.)
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