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Familienpolitik im Vergleich: Wie man Kinderwünsche erfüllt

14.06.2009 | 18:21 |  OLIVER GRIMM (Die Presse)

Die Skandinavier, Finnen, Franzosen und Iren haben deutlich mehr Kinder als die Österreicher. Vier Dinge lassen sich von ihnen lernen, um die Geburtenquote nach Jahrzehnten wieder zu heben.

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WIEN.2,1 Kinder pro gebärfähiger Frau: Dieses Zahlenverhältnis muss eine Gesellschaft erreichen, wenn sie nicht schrumpfen möchte. In Österreich war das zuletzt Anfang der 70er-Jahre der Fall. Dann stürzten die Geburtenraten jäh ab. Seit Mitte der 90er-Jahre schwankt die „Gesamtfruchtbarkeitsrate“ um 1,4 Kinder pro Frau.

Das ist zu wenig, um künftig den älter werdenden, im Durchschnitt aber trotzdem mit 60 Jahren aus dem Arbeitsleben scheidenden „Babyboomern“ und „Postbabyboomern“ genügend viele Erwerbstätige gegenüberzustellen, die mit ihren Steuern und Abgaben das Sozial- und Rentensystem bezahlen. Natürlich lassen sich sinkende Geburtenraten durch mehr Zuwanderung ausgleichen. Aber welcher Politiker, dem etwas an seiner Karriere liegt, will ernsthaft mit dem Slogan „Ausländer rein“ kandidieren?

Kein EU-Staat erreicht die ominösen 2,1. Aber manche kommen nahe heran. Die nordischen Länder, Frankreich und Irland haben seit Jahrzehnten hohe Geburtenraten(siehe Grafik). Ein Team von Forschern der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lissabon hat für den Europarat untersucht, wie 39 europäische Staaten den Kinderwunsch fördern. Einen familienpolitischen Stein der Weisen haben sie zwar nicht gefunden, dafür sind die Gesellschaften und Wertvorstellungen der untersuchten Länder zu unterschiedlich. Bei der Durchsicht der Studienergebnisse fällt aber auf, dass sich die Familienpolitik von Ländern mit konstant hohen Geburtenraten in manchen Bereichen erstaunlich ähnelt. Sollen die Österreicherinnen also mehr Kinder bekommen, ist die Regierung gut beraten, folgende vier Gedanken in Politik umzusetzen.

 

1Lange viel Kindergeld – aber nicht zu lange

Die Sozialforscher haben untersucht, wie lang Mütter und Väter gemeinsam oder getrennt in bezahlte Karenz gehen können. Das brachte noch keine Erkenntnis: Die nordischen Länder, Irland und Frankreich handhaben die Karenz sehr unterschiedlich. Wenn man sich aber anschaut, ob das Karenzgeld zumindest 70 Prozent des Letztverdienstes ausmacht, zeigt sich eine klare Tendenz: In Frankreich, Irland, Island, Finnland, Dänemark, Norwegen und Schweden bekommen Eltern länger so ein hohes Karenzgeld als in Österreich. Noch. Denn ab 2010 steigt das Kindergeld hierzulande auf bis zu 80 Prozent des letzten Einkommens (mindestens 1000, höchstens 2000 Euro pro Monat), und das für zwölf Monate (oder 14, wenn auch der Vater in Karenz geht). Bloß: Allzu lang hohes Karenzgeld zu beziehen, hebt die Gebärfreude auch nicht. Am längsten erhält man diese Sozialleistung in Ungarn und im Baltikum. Doch nur die Esten vermehren sich etwas stärker als die Österreicher.

 

2Mindestens ein gut bezahlter „Papamonat“

In elf der 39 untersuchten Staaten (einschließlich Österreichs) haben Väter einen Rechtsanspruch darauf, in bezahlte Karenz zu gehen. Wenig überraschend ist das laut den Studienautoren in allen erwähnten Vorbildstaaten mit Ausnahme Dänemarks, Irlands und Frankreichs so. In sechs dieser Länder erhalten Väter in Karenz zumindest 70 Prozent ihres letzten Verdienstes; das ist in allen nordischen Staaten sowie Deutschland und Portugal der Fall.

Isländische Väter können drei „Papamonate“ in Anspruch nehmen, in denen sie 80 Prozent des Durchschnittseinkommens erhalten. In Norwegen sind es zwei Wochen (vom Arbeitgeber bezahlt) gleich nach der Geburt, dazu kommen eineinhalb „Papamonate“ bis zum dritten Geburtstag des Kindes. In Schweden gibt es zehn „Papatage“, die binnen 60 Tagen nach der Geburt zu verbrauchen sind, sowie weitere 60 Tage bis zum achten Geburtstag. Einen „Papamonat“, verpflichtend gleich nach der Geburt, wünscht sich Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ). Die ÖVP sperrt sich dagegen.

 

3Mehr Kinderkrippen für die ganz Kleinen

Österreich gibt zwar wie Finnland, die Niederlande und Schweden ziemlich viel, nämlich rund drei Prozent seiner Wirtschaftsleistung, für Sozialleistungen aus, die Familien im Allgemeinen oder Kinder im Speziellen betreffen. Auch zählt dieses Sozialsystem im internationalen Vergleich zu den treffsichersten, wenn man die Treffsicherheit von Beihilfen und sonstigen Unterstützungen daran misst, wie stark sie die Armutsgefährdung der Bezieher verringern. Bloß sind in kaum einem europäischen Land so wenige unter Dreijährige in Kinderkrippen oder sonstigen frühkindlichen Betreuungseinrichtungen wie in Österreich. Laut dem EU-Statistikamt Eurostat wurde im Jahr 2006 nur jedes zehnte Kind zumindest zeitweise außerhalb der Familie betreut– nur in Tschechien, Polen, der Slowakei, Malta und Ungarn ist das diesbezügliche Angebot für arbeitende Eltern (und da vor allem Mütter) schlechter als hierzulande. In den kinderreichen Staaten Schweden, Niederlande, Island und Norwegen waren 2006 44, 45, 52,8 bzw. 60,4 Prozent der Kleinkinder in außerfamiliärer Betreuung. Klar: Sein Kind so früh außer Haus zu geben weckt mancherorts die ideologisch gefütterte Furcht davor, dass der Staat wie in totalitären Regimen den Eltern die Kinder mehr oder weniger sanft wegnehme. Bloß: Sogar im erzkatholischen Irland, wo die Abtreibung noch immer verboten ist und einer der Gründe war, weshalb die Iren im vergangenen Jahr im ersten Anlauf den EU-Reformvertrag von Lissabon mehrheitlich abgelehnt haben, werden 18 von 100 Kleinkindern außerhäuslich betreut. Also fast doppelt so viele in Österreich.

 

4Jedem Kind seinen Kindergartenplatz

Was für die ganz Kleinen gilt, setzt sich bei den Drei- bis Sechsjährigen fort: Wo besonders viele Kinder einen Kindergartenplatz haben, sind die Geburtenraten am höchsten. In allen europäischen Staaten mit hoher Geburtenquote trifft das auf zumindest neun von zehn Kindern der entsprechenden Altersgruppen zu. Spitzenreiter ist Belgien mit einer Quote von 98 Prozent. Grund für dieses dichte Netz von Betreuungseinrichtungen könnte die hohe Anzahl von EU-Behörden und Konzernzentralen in Brüssel sein. Die Mitarbeiterinnen solcher Institutionen sind typischerweise überdurchschnittlich gut gebildet und machen Kinderbetreuungsplätze zur Arbeitsbedingung. Österreich hinkt auch hier der Spitzengruppe von kinderreichen Ländern nach, wenn auch nicht so stark. 69 von 100 Kindern im entsprechenden Alter gehen hierzulande in den Kindergarten.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2009)

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