Paris. Ist es verwunderlich, dass in einem Land, das an jedem 14. Juli seine blutige Revolution feiert, die Sitten der politischen und sozialen Auseinandersetzung etwas rauer sind als anderswo? Gewalt hat in Frankreich Tradition.
Am Vorabend des Nationalfeiertags gingen im ganzen Land 317 Autos in Flammen auf, angezündet von Randalierern. Es gab 240 Festnahmen, mehr als im Vorjahr. Schockiert hat das in Frankreich aber niemanden. Solche Vandalenakte gehören am Nationalfeiertag mittlerweile zum Brauch.
Das Volk zeigt Verständnis
Besonders heftig ging es im Pariser Vorort Montreuil zu. Mehrere hundert Personen protestierten anfangs friedlich gegen „Polizeibrutalität". Der Auslöser: Am vergangenen Mittwoch war bei der Räumung des besetzten Hauses ein junger Mann angeblich von einem Hartgummigeschoss getroffen worden; er verlor ein Auge. Da es sich bei dem Verletzten um Joachim Gatti, den Sohn eines bekannten Dokumentarfilmers handelt, machte der Fall Schlagzeilen. In der Nacht auf Dienstag löste die Polizei, die nach eigenen Angaben mit Wurfkörpern provoziert worden war, die Kundgebung mit Gummiknüppeln auf.
Die Meldungen über handfeste Zusammenstöße und Gewalt in Betriebskonflikten häufen sich. Sie lassen für die kommenden Monate, wenn die Wirtschaftskrise voll auf die Beschäftigungslage drückt, das Schlimmste befürchten. Es könnte sein, dass die Gewalt noch aggressiver aufflammt als 2005 in den Vorstädten, den „Banlieue". Damals fielen rund 10.000 Fahrzeuge und zahlreiche Gebäude der Zerstörungswut von Jugendlichen zum Opfer.
Mit etwas ungläubigem Staunen schauten die europäischen Nachbarn bereits im Frühjahr nach Frankreich, als in mehreren von Schließung oder Personalabbau betroffenen Unternehmen wütende Beschäftigte kurzerhand ihre Chefs festhielten, um bessere Abfindungen zu fordern. Diese als „Bossnapping" bezeichnete Form der Nötigung brachte in mehreren Fällen Erfolg. Nur in einem einzigen Betrieb erwogen die vorübergehend vom Personal eingesperrten Manager eine Klage.
Erstaunlicher noch ist es, dass eine Mehrheit der Bevölkerung in Umfragen Verständnis für derartige radikale Methoden äußert. sWer nicht brutal genug vorgeht, hat kaum eine Chance, in den Medien erwähnt zu werden.
Deshalb drohen nun in Châtellerault die 366 Arbeiter des insolventen Autozulieferers „New Fabris" damit, das Werk in die Luft zu sprengen: Sie fordern von den beiden Großkunden - den Automobilkonzernen Renault und Peugeot Citroën - bis Monatsende eine eine Abfertigung von 30.000 Euro pro Kopf. Um zu zeigen, dass es ihnen mit ihrem Ultimatum ernst ist, haben sie zahlreiche Gasflaschen mit einer Zündschnur verbunden. Industrieminister Christian Estrosi hat ihnen versprochen, bis zum 20. Juli zu Verhandlungen in die besetzte Fabrik zu kommen.
Solche kollektive Verzweiflungsaktionen sind keineswegs neu in Frankreich. 2001 steckten Arbeiter bei Moulinex ein Betriebsgebäude in Brand, und Beschäftigte bei Cellatex gossen gar Schwefelsäure ins Abwasser.
Kein Vertrauen in Institutionen
Fabrikbesetzungen und Geiselnahmen von Direktoren gab es schon zur Zeit der Volksfront in den 30er-Jahren und im Gefolge der Studenten- und Arbeiterrevolte des Mai 68. In einem Gesellschafts- und Staatssystem, in dem es generell an institutioneller Gegenmacht mangelt, werden Konflikte hauptsächlich auf der Straße ausgetragen.
In Staatsorgane, Parteien und Organisationen haben die Franzosen zudem kaum Vertrauen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist einer der niedrigsten in ganz Europa. In der neuen Welle von Betriebskämpfen werden die offiziellen Delegierten von der Basis häufig an den Rand gedrängt. Und die will auf sich aufmerksam machen - koste es, was es wolle.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2009)
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