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Tradition der Gewalt: Frankreichs Lust auf die Revolte

14.07.2009 | 18:16 |  Von unserem Korrespondenten RUDOLF BALMER (Die Presse)

Krawalle am Nationalfeiertag könnten nur ein Vorgeschmack auf einen heißen Herbst sein. Bossnapping und Bombendrohungen gegen Fabriken gelten als Kavaliersdelikte.

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Paris. Ist es verwunderlich, dass in einem Land, das an jedem 14. Juli seine blutige Revolution feiert, die Sitten der politischen und sozialen Auseinandersetzung etwas rauer sind als anderswo? Gewalt hat in Frankreich Tradition.

Am Vorabend des Nationalfeiertags gingen im ganzen Land 317 Autos in Flammen auf, angezündet von Randalierern. Es gab 240 Festnahmen, mehr als im Vorjahr. Schockiert hat das in Frankreich aber niemanden. Solche Vandalenakte gehören am Nationalfeiertag mittlerweile zum Brauch.

Das Volk zeigt Verständnis

Besonders heftig ging es im Pariser Vorort Montreuil zu. Mehrere hundert Personen protestierten anfangs friedlich gegen „Polizeibrutalität". Der Auslöser: Am vergangenen Mittwoch war bei der Räumung des besetzten Hauses ein junger Mann angeblich von einem Hartgummigeschoss getroffen worden; er verlor ein Auge. Da es sich bei dem Verletzten um Joachim Gatti, den Sohn eines bekannten Dokumentarfilmers handelt, machte der Fall Schlagzeilen. In der Nacht auf Dienstag löste die Polizei, die nach eigenen Angaben mit Wurfkörpern provoziert worden war, die Kundgebung mit Gummiknüppeln auf.

Die Meldungen über handfeste Zusammenstöße und Gewalt in Betriebskonflikten häufen sich. Sie lassen für die kommenden Monate, wenn die Wirtschaftskrise voll auf die Beschäftigungslage drückt, das Schlimmste befürchten. Es könnte sein, dass die Gewalt noch aggressiver aufflammt als 2005 in den Vorstädten, den „Banlieue". Damals fielen rund 10.000 Fahrzeuge und zahlreiche Gebäude der Zerstörungswut von Jugendlichen zum Opfer.

Mit etwas ungläubigem Staunen schauten die europäischen Nachbarn bereits im Frühjahr nach Frankreich, als in mehreren von Schließung oder Personalabbau betroffenen Unternehmen wütende Beschäftigte kurzerhand ihre Chefs festhielten, um bessere Abfindungen zu fordern. Diese als „Bossnapping" bezeichnete Form der Nötigung brachte in mehreren Fällen Erfolg. Nur in einem einzigen Betrieb erwogen die vorübergehend vom Personal eingesperrten Manager eine Klage.

Erstaunlicher noch ist es, dass eine Mehrheit der Bevölkerung in Umfragen Verständnis für derartige radikale Methoden äußert. sWer nicht brutal genug vorgeht, hat kaum eine Chance, in den Medien erwähnt zu werden.

Deshalb drohen nun in Châtellerault die 366 Arbeiter des insolventen Autozulieferers „New Fabris" damit, das Werk in die Luft zu sprengen: Sie fordern von den beiden Großkunden - den Automobilkonzernen Renault und Peugeot Citroën - bis Monatsende eine eine Abfertigung von 30.000 Euro pro Kopf. Um zu zeigen, dass es ihnen mit ihrem Ultimatum ernst ist, haben sie zahlreiche Gasflaschen mit einer Zündschnur verbunden. Industrieminister Christian Estrosi hat ihnen versprochen, bis zum 20. Juli zu Verhandlungen in die besetzte Fabrik zu kommen.

Solche kollektive Verzweiflungsaktionen sind keineswegs neu in Frankreich. 2001 steckten Arbeiter bei Moulinex ein Betriebsgebäude in Brand, und Beschäftigte bei Cellatex gossen gar Schwefelsäure ins Abwasser.

Kein Vertrauen in Institutionen

Fabrikbesetzungen und Geiselnahmen von Direktoren gab es schon zur Zeit der Volksfront in den 30er-Jahren und im Gefolge der Studenten- und Arbeiterrevolte des Mai 68. In einem Gesellschafts- und Staatssystem, in dem es generell an institutioneller Gegenmacht mangelt, werden Konflikte hauptsächlich auf der Straße ausgetragen.
In Staatsorgane, Parteien und Organisationen haben die Franzosen zudem kaum Vertrauen. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist einer der niedrigsten in ganz Europa. In der neuen Welle von Betriebskämpfen werden die offiziellen Delegierten von der Basis häufig an den Rand gedrängt. Und die will auf sich aufmerksam machen - koste es, was es wolle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2009)

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17 Kommentare
Gast: MH
15.07.2009 16:30
1 0

Wer hat da Lust auf Krawalle? Political-correcte Linke vielleicht

Die Mehrzahl der Franzosen ("Frankreich") haben keine Lust auf Revolte. Ganz im Gegenteil, sie sind über die Krawalle und die Gewalt erbost und entsetzt die vorwiegend von den Einwanderern aus Afrika in nachfolgenden Generationen ausgeht.
Das sagen mir Bekannte aus Paris.

Gast: Atze
15.07.2009 12:07
0 0

Frankreich ist extrem teuer

Ich habe auf einem Volksfest beobachtet, daß kaum jemand Getränke gekauft hat. Für mehrere tausend Menschen gab es nur zwei Bierzapfsäulen. Aber die reichten. Die meisten standen trocken an der Seitenlinie.

Die Mittelklasse ist nicht in der Lage, sich in Paris eine Wohnung zu leisten. Das Klassendenken ist immer noch zentraler Bestandteil der Gesellschaft - ein seltsames Produkt der Revolution. Frankreich ist kein homogenes Land, außer vielleicht im Südwesten. Das Ding könnte tatsächlich hochgehen. Und damit meine ich noch nicht einmal die unlösbaren Probleme mit der zum großen Teil ungebildeten, jungen Immigrantenschicht.

Thonet H.
15.07.2009 12:01
0 0

Man darf

sich nicht wundern, wenn ein Land einem gewalttätigen geschichtlichen Ereignis gedenkt, in dem die Würde des Menschen mit Füssen getreten wurde und unzählige Leute im Namen der Revolution abgeschlachtet wurden, der Funke der Gewalt immer wieder zum Feuer ausartet. Schafft diesen Unsinn ab, sonst kommen manche Leute wieder auf ganz dumme Ideen und gedenken Ereignissen, die einem normaler Weise nur erschaudern lassen.

1 0

Verständnis

Also ich verdien grad mal 1400,-- €. Miete, Strom, Heizung zusammen ca. 550,-- €, dazu Tel. und alle anderen Lebenshaltungskosten, die man mit einem Kind hat (Familienbeihilfe geht für Hort drauf), und hätte, wenn überhaupt, nur einen Kleinwagen.
Ganz klar hätte ich auch Verständnis für die sogenannten "Revolutionäre", wenn sie mein Auto anzünden würden. Ich würde gleich einen Kredit aufnehmen, ein Neues kaufen, damit sie noch eins anzünden können.
Um was geht's denn da eigentlich bei dieser "Revolution", wie sie genannt wird? Mehr Sozialhilfe?

Gast: schlÄchter
15.07.2009 09:47
1 0

sg herr korrespondent balmer!

bitte trennen sie klarer:

krawalle von hausbesetzern und "antipolizeigewalt"-aktivisten: hintergründe, polit. forderung - tradition?
verständnis bevölkerung hierzu?

krawalle (meist wohl moslemisch-maghrebinischer) jugendlicher vorortbewohner, hintergründe, polit. forderung - tradition?
verständnis der bevölkerung hierzu?
die eigentümer der über 300 in brand gesteckten fzg haben sicher keine!

bossnapping/fabriksbesetzung durch von arbeistlosigkeit bedrohte arbeiter - hintergründe,polit. forderung - tradition?
verständnis der bevölkerung hierzu?

soviel zeit muss sein, denn sonst besteht die gafhr z.b. sinnlose vandalenakte mit aus sozialer verzweiflung resultierende "notwehraktionen" in einen topf zu werfen bzw. ungleiches in verbindung zu bringen. soviel zeit muss mmn schon sein!
im vorhinein danke
mfg
s.

Merlin
15.07.2009 09:14
0 0

Gut für uns

Wenn der französische Staat Bürger und Eigentum nicht mehr ausreichend schützt, dann werden mehr Investitionen woanders hinfließen. Gut für uns.

Antworten GB
17.07.2009 07:25
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Re: Gut für uns

"nicht mehr ausreichend schützt"?

Sie wollen mehr Staat? Kommunismus pur?

Schutzmassnahmen setzen eine intakte soziale Struktur vorraus. Sozial wurde aber längst abgeschafft .... also leben Sie mit Wettbewerb, in welcher Form auch immer.

Im Liberalismus muss nur sichergestellt sein, dass der Staat (die Gemeinschaft) KEINE Schutzmassnahmen (und das für niemand) vornimmt. Im funktionierenden Liberalismus sind sie einzig und allein geschützt vom Staat.


Gast: Gerwin
15.07.2009 07:30
0 0

Nur Frankreich?

Ich bin ja gespannt, wie lange es dauert, bis das auch bei uns zur "Tradition" wird...

Antworten TheAlien
15.07.2009 12:58
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Revolution in A? Hinreissend absurder Gedanke!

Ein Volk, das seinen dicken Hintern noch weniger zu einer Revolution hochbekommt, als das Österreichische, gibt es wohl weltweit nicht.

Ansonsten ist die pseudodemokratische Mehrparteiendiktatur der Bürokratiehochburg Österreich nicht zu erklären - jedes halbwegs kritisch denkende und mündige Wesen würde sich dagegen auflehnen.
Aber nicht in A. Hier soll sich lt. Mehrheit bloss nichts ändern, meinen die Umfragen.

Und solche Artikel über die ach so gewalttätigen Franzosen dienen hierzulande als mediale Desinformation und Angstmacherei, damit die blöden Österreicher auch blöd bleiben und bloss nicht auf die Idee kommen, was ändern zu wollen.

Braves Wahl- und Konsumvieh sollt Ihr sein! Revolution ist ganz böse! Bloss nicht aufbegehren!

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Re: Nur Frankreich?

in österreich haben revolutionen und ähnliches wirklich keine tradition. auch nicht in zeiten grösster not. selbst der sogenannte "bürgerkrieg" hat nur einige wenige tage gedauert und war so lokal, dass die wiener in anderen bezirken oft gar nichts davon mitbekommen haben (das beispiel ist aus stefan zweigs autobiographie "die welt von gestern").
in der ganzen geschichte österreichs hat es eigentlich nur einen echten aufstand des volkes gegeben: das war 1848. schon ne weile her...

...

"Ist es verwunderlich, dass in einem Land, das an jedem 14. Juli seine blutige Revolution feiert, die Sitten der politischen und sozialen Auseinandersetzung etwas rauer sind als anderswo? Gewalt hat in Frankreich Tradition."

ws für ein erbärmlicher schwachsinn !

es stimmt zwar, dass in der französischen geschichte gewisse politische bewegungen gewalt nicht abgeneigt waren, aber die randalierer haben damit nicht das geringste zu tun, denn es fehlen ihnen komplett die politischen forderungen. es handelt sich nicht um einen kampf für ein ziel sondern um bloße zerstörungswut. ein weiteres merkmal ist, dass es sich nicht um franzosen sondern um moslems handelt. das düfte wohl auch die fehlenden politischen forderungen erklären.

Gast: hintergrundinfos
14.07.2009 22:11
3 0

In einem anderen Bericht steht, dass es sich durchwegs um Täter mit Migrationshintergrund handelt.

Ups, dass darf ja keiner wissen.

Gast: tja
14.07.2009 19:34
2 0

Bald werden sich die reichen und die Mittelschicht aus dem Staub machen.

Zurück bleiben wird das Schwellenland Frankreich. Schöne Aussichten für F.

Antworten Gast: Histoire
14.07.2009 21:33
0 1

Re: Bald werden sich die reichen und die Mittelschicht aus dem Staub machen.

Einfach dumm, was Du sagst. Frankreich hat Erfahrung mit Revolutionen wie kein Land der Welt und wurde durch Revolutionen letztendlich immer stärker.

Antworten Antworten freeman
14.07.2009 22:36
0 0

Nicht jeder Gewaltakt ist eine Revolution,

und selbt "echte" Revolutionen sind oft kein Fortschritt für die Freiheit - siehe zB "Animal Farm".

Antworten Antworten Gast: tja
14.07.2009 22:08
2 0

Re: Re: Bald werden sich die reichen und die Mittelschicht aus dem Staub machen.

Autos von Normalbürgern in Brand zu stecken macht das Land stärker? In welcher Welt leben Sie eigentlich?

Die Revolutionen der Geschichte richteten sich gegen die Herrscher und nicht gegen die Normalbürger! Aber differenzieren dürfte nicht zu ihren stärken zu gehören, stimmts?

Wir werden eh sehen wer recht hat.

Antworten Antworten Antworten GB
17.07.2009 07:45
0 0

Re: Re: Re: Bald werden sich die reichen und die Mittelschicht aus dem Staub machen.

Die haben sich am Heiligtum gewisser Normalbürger-Kreise vergriffen? Echt?

Wenn sie sich deren Kinder geschnappt hätten, wäre es nicht gar so schlimm gewesen - ungeschickt aber auch.