11.02.2012 21:12 | Meine Presse Merkliste0

US-Gesundheitssystem: Der amerikanische Patient

22.07.2009 | 18:32 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Das Gesundheitswesen ist marod, ineffizient und teuer. Es stürzt die Amerikaner in Schulden und lässt ein Sechstel der Bevölkerung unversorgt. Obama will Abhilfe schaffen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

WASHINGTON. Damit hätte Lawrence Yurdin in seinen schlimmsten Albträumen nicht gerechnet. Statt allmählich in die Pension zu gleiten, sind der 64-jährige Computerspezialist und seine Frau Claire aus Austin, Texas, bankrottgegangen. Schulden von 200.000 Dollar haben das Paar erdrückt.

Im Vertrauen darauf, dass ein Großteil der Kosten gedeckt sei, unterzog sich Yurdin im Vorjahr zweier Herzoperationen. Üblicherweise übernehmen Versicherungen 80 Prozent der Spitalskosten. Das Versicherungspaket sicherte ihm zwar 150.000 Dollar für einen Krankenhausaufenthalt im Jahr zu, nicht jedoch die teure Behandlung, die Operationen, die Labortests, die Medikamente.

Hätte er das Kleingedruckte der Versicherungspolizze gelesen, wäre Yurdin nun zwar nicht bankrott, würde aber weiter unter Herzflimmern leiden. Und hätte er mit der Operation bis zu seinem 65. Geburtstag zugewartet, wäre er automatisch in den Schutz des staatlichen Medicare-Programms für Senioren gefallen, das wie Medicaid – für Kinder und einkommensschwache Familien – für die Kosten aufkommt.

So wie den Yurdins geht es vielen Amerikanern. Fast zwei Drittel der Privatkonkurse gehen auf Schulden aufgrund medizinischer Behandlungen zurück. Arbeitslosigkeit führt direkt in eine Abwärtsspirale: Der Verlust des Jobs bedeutet meist auch den Verlust der Krankenversicherung. Eine simple Fraktur schlägt da bereits mit mehr als 10.000 Dollar zu Buche.

 

Absurditäten des Systems

Viele Firmen übernehmen eine je nach Größe und Goodwill des Unternehmens unterschiedliche Form des Versicherungsschutzes für ihre Angestellten, obwohl dies nicht zwingend vorgeschrieben ist. Versicherung ist in den USA an sich eine Privatangelegenheit – Ausfluss der libertären Staatsphilosophie und eines theoretisch umfassenden Freiheitsbegriffs. General Motors etwa wendet für die Gesundheit seiner Arbeitnehmer mehr auf als für Stahl.

Der Fall Yurdin illustriert die Absurdidäten eines Gesundheitssystems, das als das teuerste und ineffizienteste der westlichen Welt gilt. Teure Apparatetechnik, die großzügige Verschreibung von Medikamenten und eine Kette von Untersuchungen treiben die Kosten in die Höhe. Das Einkommen der Ärzte orientiert sich an den Leistungen, die sie am Patienten vornehmen. Um sich vor Gerichtsprozessen zu schützen, schließen sie selbst teure Versicherungen ab.

17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehen auf das Konto von Gesundheitsleistungen – und trotzdem stehen 47 Millionen Amerikaner, ein rundes Sechstel der Bevölkerung, ohne jeden Versicherungsschutz da, weil sie ihn sich nicht leisten wollen oder können. Ein Drittel der unter Dreißigjährigen erspart sich eine Krankenversicherung, viele Versicherungen lehnen chronisch Kranke gleich von vornherein ab.

Weil die Spitäler verpflichtet sind, Notfälle zu behandeln, quellen die Ambulanzen über. Stundenlange Wartezeiten sind die Folge. In Städten wie New York oder Washington übernehmen mitunter mobile Arztpraxen, finanziert von privater Hand, die Grundversorgung: Zu fixen Wochenzeiten machen Busse in Wohnvierteln Station, um mittellose Patienten gratis zu behandeln.

Seit Jahrzehnten versucht die Politik, das malade System zu sanieren und die Kostenexplosion in den Griff zu kriegen. Hillary Clinton ist als First Lady grandios gescheitert, weil sie den Kongress im Alleingang vor vollzogene Tatsachen gestellt hat. Barack Obama hat daraus seine Lehre gezogen. Bei der Umsetzung seines zentralen Wahlkampfversprechens, dem Jahrhundertprojekt der Gesundheitsreform, hat er auf eine Kooperation mit dem Repräsentantenhaus und dem Senat gesetzt. Der Regierung in Washington schwebt das Vorbild des Bundesstaats Massachusetts vor, das eine Krankenversicherung verpflichtend vorschreibt – nach dem Modell der Autoversicherung.

 

Gefahr der Zerfledderung

Doch nun läuft der Präsident Gefahr, dass das Reformwerk von den diversen Interessengruppen zerfleddert wird. Die Reform ist der Knackpunkt seiner innenpolitischen Agenda, und in diesen Wochen vor der parlamentarischen Sommerpause tobt das parteipolitische Hickhack. Die Gesundheitslobbys, die Pharmafirmen und die Versicherungsindustrie wollen ihre Erbpachten nicht verlieren. Und die gegen Steuererhöhungen und staatliche Intervention allergischen Republikaner wettern gegen die geplante „Reichensteuer“, wittern „Sozialismus“ und frohlocken bereits über ein „Waterloo“ des Präsidenten. Aber auch die „Blue Dog“-Demokraten, der konservative Flügel seiner Partei, drohen mit dem Absprung. Die Kosten von einer Billion Dollar lösen in Zeiten eines grassierenden Budgetdefizits Panik aus.

In einer medialen Großoffensive und einer Pressekonferenz zur Prime Time in der Nacht zum Donnerstag versuchte Obama, das Steuer herumzureißen und die Gegenseite unter Druck zu setzen. „Wenn man keine Frist setzt, geschieht gar nichts in dieser Stadt“, ließ er, zermürbt vom Kleinkrieg im Kapitol, verlauten. „Jahr für Jahr haben wir die Reform totgeredet. Eine Politik der Verzögerung und der Pleiten können wir uns nicht länger leisten.“

AUF EINEN BLICK

US-Gesundheitswesen: Die USA rühmen sich, die besten Spitäler und die beste Technologie der Welt zu haben. Doch das Gesundheitssystem ist chronisch krank. Teure Apparatetechnik, unnütze Untersuchungen und Medikamente treiben die Kosten in die Höhe.

17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wendet der Staat für die Gesundheitsversorgung auf, die staatlichen Programme Medicare und Medicaid laufen aus dem Ruder. Zwei Drittel der Privatkonkurse resultieren aus Schulden aufgrund medizinischer Behandlung.

47 Millionen Amerikaner sind überhaupt ohne Versicherungsschutz und im Krankheits- oder Notfall auf die Notaufnahme der Krankenhäuser oder auf Gratisdienstleistungen privater Stiftungen angewiesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

8 Kommentare
0 1

Die US-Wirtschaft stehe "nicht mehr am Abgrund".....

sie ist einen schritt weiter!...............

Gast: michi
23.07.2009 13:48
0 0

america

ich bin sicher, dass der aufkeimende sozialismus in diesem wunderbaren land kein zukunft haben wird, as einzige land in dem hoffnung darauf besteht. die aermsten leben hier wesentlich besser als arme anderso, auch in europa, die usa sind was sie sind weil sie an maerkte geglaubt haben.

mfg

Antworten Gast: donald
23.07.2009 20:19
0 1

Re: america

ha, ha, ha, echt komisch ihr beitrag. v.a. die stelle mit den ärmsten - so wenig ahnung und so viel menschenverachtung in einem so kurzen text unterzubringen ist schon eine leistung

Gast: gast
23.07.2009 07:15
0 0

Schwachsinn

Ich habe nach der Einleitung aufgehört zu lesen - wenn der Typ das Kleingedruckte nicht gelesen hat, ist er selber schuld. Eine Herzoperation ist eine große Entscheidung, da hätte er sich eben vorher über die Kosten informieren sollen. Auch wenn das System absurd ist - beschweren sollte er sich halt nicht, und auch die Presse sollte sich dann nicht darüber empören.

Antworten Gast: klar
23.07.2009 20:20
0 1

Re: Schwachsinn

schuld ist nicht das irrsinnsystem und die abzockenden versicherungen, sondern die menschen, die mangels ausreichender staatlicher krankenversicherung diesen verbrechern im maßanzug ausgeliefert sind.

Antworten Gast: auch ein gast
23.07.2009 12:38
0 0

Re: Schwachsinn

Verträge können Ausmaße annehmen, die Sie anscheinend nicht im geringsten ahnen.
Klar ist das eine große OP. Aber zuerst arbeiten findige Rechtsanwälte ein Konvolut aus Klauseln aus, das dann ein Durchschnittsbürger durcharbeiten sollte/darf. Wie fair ist das denn bitte? Das grenzt doch schon an Betrug, irgendwelche Klauseln hinter einer Wolke aus Wörtern zu verstecken.

Gast: Kritiker
22.07.2009 21:22
0 2

Amerikanische Freiheit

Ja, das ist amerikanische Freiheit.
Und das System, das auch bei uns Typen wie K.H. Grasser und sein Mastermind, der IHS-Chef Felderer und noch einige andere einführen wollten.
Diese System ist zwar noch teurer als unseres, aber es bewahrt die Klassen-medizin, da für die Armen nichts, für die Reichen alles bleibt.

Und Obama wird es sehr schwer haben, diese Form der Freiheit, die in Wirklichkeit Versklavung der ärmeren kranken Menschen heißt abzuschaffen.
Aber der Tod ist ja bekanntlich kostenlos.

1 0

Re: Amerikanische Freiheit

nun, du gehörst anscheinend auch zu denen, die auch einen artikel über schellfische mit dem post "grasser und die neoliberalen sind schuld" zu kommentieren...