Innsbruck/Rom/Brüssel (ars, pö). So heftig die Reaktionen in Österreich und Südtirol auf den Vorstoß Martin Grafs waren, eine Volksabstimmung über Südtirols Rückkehr zu Österreich abzuhalten: Bis zur Regierung in Rom hatte sich die Forderung des Dritten Nationalratspräsidenten am Montag offenbar noch nicht herumgesprochen. „Worüber sollen wir abstimmen? Über die Rückkehr Südtirols zu Österreich?“, fragte Italiens Außenminister Franco Frattini am Rande des EU-Außenministertreffens in Brüssel irritiert: „Das kann wohl nicht wahr sein.“
Nachsatz: „So eine Diskussion hat uns gerade noch gefehlt.“ In der Vorwoche, als Österreichs Außenminister Michael Spindelegger in Rom war, sei eine solche Volksabstimmung noch kein Thema gewesen, sagte Frattini verwundert. Die Überlegungen seien höchst „seltsam“, so der Minister.
Harsche Kritik an Martin Grafs Vorstoß kam vonseiten der Südtiroler Freiheitlichen: Ulli Mair, Generalsekretärin und Landtagsabgeordnete der mit fünf Mandaten zweitstärksten Partei Südtirols, spricht von einem „ungebetenen und kontraproduktiven Zwischenruf aus Österreich“.
Seit gut zwei Jahren herrscht zwischen der FPÖ und ihrer einstigen Südtiroler Schwesterpartei Funkstille. Grund dafür: Die FPÖ arbeitet mit den italienischen Neofaschisten, darunter Duce-Enkelin Alessandra Mussolini, zusammen. Dass nun ausgerechnet vonseiten dieser FPÖ ein nicht abgesprochener Vorstoß in Sachen Südtiroler Selbstbestimmung komme, bezeichnet Mair als unüberlegt. Sie unterstellt dem dritten Nationalratspräsidenten, von den echten Bedürfnissen der Südtiroler keine Ahnung zu haben: „Hier wollen sich einzelne profilieren. Das ist nicht in unserem Sinne und fügt Südtirol Schaden zu.“
Zudem sei eine Rückkehr Südtirols zu Österreich kein Thema südlich des Brenners: „Wir treten für einen Freistaat Südtirol mit den drei gleichberechtigten Sprachgruppen Deutsch, Italienisch und Ladinisch ein.“ Mehr noch als Grafs Aussagen erzürnt Mair die Reaktion der Landeshauptleute beider Tirols darauf.
„Vereinte Europaregion“
„Das ist beschämend und geht auf keine Kuhhaut. Wenn Platter meint, es ginge in Südtirol nur um Autonomie, dann soll er still sein. Wir denken nämlich weit darüber hinaus.“ Den „Herren in Österreich“ rät sie, sich nicht in Südtiroler Angelegenheiten einzumischen.
Sven Knoll, einer von zwei Abgeordneten der „Süd-Tiroler Freiheit“ (STF) im Bozner Landtag, begrüßt, dass Südtirol in Österreich wieder Thema ist. Andererseits hält er es für kontraproduktiv, dass es immer nur von der FPÖ angesprochen werde: „Dadurch distanzieren sich ÖVP, SPÖ und Grüne sofort reflexartig und verhindern eine echte Diskussion“, so Knoll.
Die STF gilt als stärkster Vertreter einer Loslösung Südtirols von Italien und steht sehr weit rechts. Die Partei sieht zwei Perspektiven: den „Wechsel“ zu Österreich oder eine vereinte „Europaregion Tirol“, mit Landtag und eigener Verwaltung, die Nord-, Süd- und Osttirol umfasst. Die von Graf geforderte Volksabstimmung befürwortet Knoll: „Sie muss in den nächsten zehn bis 15 Jahre stattfinden, sonst gibt es keine Mehrheit mehr für die Trennung von Italien.“ Grundsätzlich ist er optimistisch: Auch die Wiedervereinigung Deutschlands sei wenige Monate vor dem Mauerfall noch als unrealistisch bezeichnet worden.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2009)
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