NEU DELHI. Die Bilder lassen nur erahnen, was sich in der Nacht zum Freitag in der Nähe der nordafghanischen Stadt Kunduz abgespielt hat: Ausgebrannte Wrackteile eines Tanklasters zeugen von der gewaltigen Detonation, die sich im Distrikt Ali Abaad ereignet hat. Noch am Freitagvormittag transportierten Rettungskräfte schwer verletzte Bewohner eines Dorfes in Krankenhäuser ab. Einheiten der afghanischen Armee und Polizei sicherten das Gebiet und nahmen Verdächtige fest.
Mehr als 90 Menschen sollen hier gestorben sein, unter ihnen viele Einwohner eines Dorfes, als in der Nacht zum Freitag ein Nato-Kampfjet einen Tanklaster angriff. Taliban-Kämpfer hatten zuvor zwei Tanklaster gekapert und, so berichteten später Augenzeugen, die meisten der Fahrer enthauptet. Dann hätten sie versucht, mit den Lkw einen Fluss zu überqueren.
Dabei blieb Berichten zufolge einer der Tanklaster in dem Flussbett stecken. Die Taliban-Kämpfer riefen die Bewohner eines nahe gelegenen Dorfes dazu auf, den Diesel aus dem Tanker abzuzapfen. Kurze Zeit später schlugen Nato-Raketen ein. Bei der Explosion kamen Augenzeugen zufolge Dutzende Taliban sowie eine große Zahl Zivilisten ums Leben.
Afghanistans Präsident Hamid Karzai erklärte, er sei „zutiefst betrübt“ über die zivilen Toten des Luftangriffs. Ein Sprecher des Provinzgouverneurs erklärte, die meisten der Getöteten seien Militante gewesen. Der Polizeichef der Provinz sagte, 56 Taliban befänden sich unter den Todesopfern, der Rest seien „Diebe, die versuchten, Treibstoff zu stehlen“.
Neue Nachschubroute
Die Nato selbst machte keine Angaben über die Zahl der Getöteten. Es sei jedoch vor dem Angriff ausgekundschaftet worden, dass sich nur Militante in dem Gebiet aufgehalten hätten. „Eine große Zahl Aufständischer wurde getötet oder verletzt“, teilte die ISAF-Sprecherin mit.
Der Vorfall ereignete sich an einer neuen wichtigen Nachschubroute der US-geführten Truppen in Afghanistan. Offenbar hatten die Extremisten die beiden Tanklaster aus einem Nachschubkonvoi gestohlen, der die ausländischen Truppen mit Diesel versorgt. Erst kürzlich hatten die ISAF-Truppen begonnen, ihren Treibstoff verstärkt aus Tadschikistan über Kunduz ins Land zu holen. Denn entlang der bisherigen Hauptnachschubroute, die von der pakistanischen Hafenstadt Karatschi durch Peschawar bis nach Kabul verläuft, war es in den vergangenen Monaten immer wieder zu schweren Angriffen auf Versorgungs-Lkw gekommen.
Der Vorfall zeigt auch, dass sich der Krieg immer weiter in den Norden des Landes ausbreitet. Dort war es bis vor Kurzem nur selten zu Zusammenstößen mit Taliban-Kämpfern gekommen. Doch seit einigen Wochen nimmt die Gewalt rasant zu. Erst kürzlich lieferten sich Sondereinheiten der deutschen Bundeswehr, die in der Region Kunduz für Sicherheit sorgen sollen, schwere Gefechte mit Taliban-Kämpfern. Auch wirft der Vorfall einen Schatten auf die neue Afghanistan-Strategie der USA, die die Zahl ziviler Opfer drastisch reduzieren will. Die Obama-Regierung begründete die Aufstockung der US-Truppen um 21.000 Mann: Durch die Präsenz von mehr Soldaten im Land müssten sich die Nato-Truppen weniger auf Einsätze aus der Luft verlassen, die besonders oft zivile Opfer fordern. Bis Jahresende sollen 68.000 US-Soldaten in Afghanistan stationiert sein.
Gates fordert mehr Geduld
Innerhalb der USA dürfte der jüngste Zwischenfall die Kritik am Afghanistan-Einsatz verstärken. Kürzlich durchgeführte Umfragen zeigen, dass die Unterstützungen für den Krieg gegen die Taliban im Sinken sind.
Erst am Donnerstag hatte Verteidigungsminister Robert Gates von den Amerikanern mehr Geduld gefordert. Die US-Militärpräsenz in Afghanistan sei erforderlich, um Terroristen zu Fall zu bringen. „Ich glaube absolut nicht daran, dass es Zeit ist, Afghanistan zu verlassen“, sagte er auf einer Pressekonferenz im Pentagon.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2009)

Afghanistan: Blutiger Nato-Agriff auf Tanklaster
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