Delhi/Islamabad. Die pakistanischen Taliban geraten immer mehr in die Defensive: Bereits vor Wochen hat die pakistanische Armee erklärt, sie habe das Swat-Tal nordwestlich von Islamabad in einer Großoffensive vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. Nun haben Sicherheitskräfte Muslim Khan, einen der wichtigsten Anführer der Extremisten, sowie vier weitere hochrangige Taliban-Kommandeure festgenommen.
Es ist einer der größten Erfolge für die Armee, die im Frühjahr in die Region einmarschiert ist, um die Taliban zu bekämpfen. Muslim Khan war der Sprecher der Taliban im Swat-Tal. Außerdem galt er als Vermittler zwischen den größten militanten Gruppen, die sich Ende 2007 zur Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), was soviel bedeutet wie „Taliban-Bewegung in Pakistan“, zusammengeschlossen hatten.
Gekommen, um zu bleiben
In den vergangenen Wochen hatte sich Khan immer wieder aus dem Untergrund zu Wort gemeldet und angekündigt, die Kämpfer von Maulana Fazlullah, des Chefs der Taliban im Swat-Tal, würden sich neu organisieren und das Tal bald zurückerobern. Das war den Taliban seit 2007 bereits zweimal nach kleineren Offensiven der Armee gelungen.
Doch diesmal ist die Armee, im Gegensatz zu früheren Einsätzen, mit schwer bewaffneten Eliteeinheiten in das Swat-Tal einmarschiert, patrouilliert bis heute mit starken Verbänden durch die Städte und Dörfer der Region und beabsichtigt offenbar, so lange dort zu bleiben, bis sich die Sicherheitslage dauerhaft verbessert hat.
Politische Beobachter in Pakistan sehen in der Festnahme Khans und von vier weiteren Taliban-Kommandeuren zwar nicht den Wendepunkt im Kampf gegen die Militanten. Aber sie sind sich einig, dass die Taliban dadurch weiter geschwächt werden.
Erst im Sommer kam bei einem US-Raketenangriff Baitullah Mehsud, oberster Anführer der pakistanischen Taliban, ums Leben. Unmittelbar danach war zwischen den verschiedenen Gruppen, aus denen sich die TTP zusammensetzt, ein Machtkampf um die Nachfolge ausgebrochen. Erst drei Wochen später räumte die TTP den Tod Mehsuds ein und erklärte, Hakimullah Mehsud, einer der Kommandeure des Getöteten, habe die Nachfolge als oberster Taliban-Chef Pakistans angetreten.
Doch diese Entscheidung gilt als Kompromiss, um die Risse innerhalb der TTP und die drohende Spaltung zu kaschieren. Denn Hakimullah Mehsud ist gerade Ende 20, gilt als draufgängerisch und ist für seine Brutalität gefürchtet. Er soll einige der schwersten Anschläge der TTP in Pakistan befehligt haben, etwa den Anschlag auf das „Pearl Continental“-Hotel in Peshawar vor wenigen Wochen.
Anti-Taliban-Milizen aufgestellt
Das Charisma, das Baitullah Mehsud gehabt haben soll, wird dem Nachfolger nicht nachgesagt. Ob es ihm auf Dauer gelingen wird, die meist nach Stammeszugehörigkeit aufgestellten und häufig sogar verfeindeten Taliban-Gruppen zusammenzuhalten, ist fraglich.
Tatsächlich haben in den vergangenen Wochen einige kleinere Taliban-Gruppen angekündigt, die Waffen niederzulegen. In Südwaziristan, der Hochburg der Mehsuds, und in angrenzenden Regionen hat die Regierung der Nordwestgrenzprovinz (NWFP) offenbar mehrere einflussreiche Stämme dazu bewegen können, Anti-Taliban-Milizen aufzustellen.
Das Ende der Taliban und des militanten Widerstandes im Nordwesten des Landes ist dennoch nicht absehbar. Erst am Wochenende kam es im Stammesgebiet Khyber zu schweren Gefechten, bei denen laut Angaben der Armee 22 Taliban-Kämpfer getötet worden seien. Im Khyber-Gebiet geht die Armee seit Anfang September gegen die Taliban vor.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2009)

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