WASHINGTON. In den ersten acht Monaten seiner Amtszeit hat sich Barack Obama nicht eben rar gemacht. Er hat zweimal den Kongress zu einer Sondersitzung einberufen, er hat vier Pressekonferenzen abgehalten, die die nationalen Fernsehsender im Hauptabendprogramm übertragen haben, er hat die Nachrichtenmoderatoren serienweise zu Interviews im Weißen Haus empfangen, und er ist in der Late-Night-Show von Jay Leno aufgetreten. Kaum ein Tag, an dem der Präsident nicht die Schlagzeilen bestimmt hätte. Damit hat er nicht nur seinen notorisch pressescheuen Vorgänger George W. Bush weit hinter sich gelassen, sondern auch Ronald Reagan und Bill Clinton, die als große „Kommunikatoren“ gelten.
Tour d'Horizon in 15 Minuten
Doch am Sonntag übertraf sich Obama selbst. Als Ouvertüre zu einer Woche, die er bei seiner Premiere bei der UN-Hauptversammlung in New York und als Gastgeber des G20-Gipfels in Pittsburgh verbringen wird, erschien er fast zeitgleich in fünf Vormittagssendungen. In „Meet the Press“ (NBC), „This Week“ (ABC), „Face the Nation“ (CBS), „State of the Union“ (CNN) – den klassischen Polit-Talkshows – sowie im spanischsprachigen Kanal „Univision“ warb er für seine Agenda: von der Gesundheitsreform bis zum Einsatz in Afghanistan. Eine Tour d'Horizon zu je 15 Minuten.
Weil selbst Obama – ein Fan von „Raumschiff Enterprise“ und Spock – nicht über extragalaktische Fähigkeiten verfügt, traf er die Moderatoren am Freitagabend hintereinander im Kaminzimmer des West Wing, des Arbeitsflügels des Weißen Hauses. Das offiziöse Ambiente sollte staatsmännische Souveränität vermitteln. Nur der konservative Kampfsender Fox News, dessen Moderatoren an vorderster Front gegen seine Präsidentschaft agitieren, blieb von der medialen Blitzoffensive ausgeklammert. Fox erwies sich als immun gegenüber Obama.
Damit nicht genug: Montagabend stellt sich Obama in der „Late Show“ dem humoristischen Pas de deux mit David Letterman. Ob auf dem TV-Schirm oder als Gesprächspartner in Internetforen: Obama ist omnipräsent. Nur während der heißen Kontroverse um die Gesundheitsreform im August steckte er zurück – und prompt purzelten die Umfragwerte. Expräsident Jimmy Carter führte die heftigen Attacken gegen Obama auf immanenten Rassismus zurück, was der Präsident freilich in Abrede stellte. Der frühere Außenminister Colin Powell macht dafür das Schwarz-Weiß-Denken und die Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern verantwortlich. Auch George W. Bush sei mit harter Polemik konfrontiert gewesen.
Geheimwaffe Michelle Obama
Mit seiner Rede im Kapitol hat Barack Obama die Initiative nach der Sommerpause wieder zurückgewonnen. Zuletzt sind indes die Einschaltquoten bei seinen Auftritten deutlich gefallen. Kritiker werfen ihm denn auch Überinszenierung vor. Karl Rove, dem als Einflüsterer und Wahlkampfmanager George W. Bushs beinahe magische Qualitäten zugeschrieben worden waren, ätzte: „Er sollte seine Zeit lieber darauf verwenden, für öffentliche Unterstützung zu beten.“ Doch die Obama-Berater im Weißen Haus kontern: Der Präsident sei der beste Anwalt in eigener Sache. Kein anderer aus dem Kabinett habe eine ähnliche Anziehungskraft. Pressesprecher Robert Gibbs mokierte sich: Dieselben, die dem Präsidenten Omnipräsenz zum Vorwurf machen würden, gierten nach Interviews.
Allmählich – und ganz vorsichtig – setzt der Präsident nun auch seine „Geheimwaffe“ ein: Ehefrau Michelle. Als ehemals führende Managerin einer Uni-Klinik und als Tochter eines Vaters, der an Multipler Sklerose gelitten hat, wirbt sie für die Dringlichkeit einer Gesundheitsreform. Das Engagement Hillary Clintons als First Lady steht den Obamas als abschreckendes Beispiel vor Augen.
■Obamas Woche.
Montagabend tritt der US-Präsident in der Late Show David Lettermans auf. Während der UN-Hauptversammlung leitet er eine Sitzung des Sicherheitsrats. Und beim G-20-Gipfel in Pittsburgh wird Obama als Gastgeber agieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2009)

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