ROM. Ein „Selbstmordanschlag“ auf eine Mailänder Kaserne hat am Montag für Unruhe in Italien gesorgt. Ein 34-jähriger Libyer hatte im morgendlichen Berufsverkehr am Tor zur Kaserne einen zwei Kilogramm schweren Sprengsatz gezündet, den er in einer Art Werkzeugkoffer bei sich trug. Bei der Explosion verlor der Mann eine Hand und ein Auge; ein Wachsoldat wurde leicht verletzt.
Über die Motive des Libyers, der seit 2003 als regulärer Einwanderer in Mailand wohnt, mit einer Italienerin zusammenlebt und Kinder hat, konnte sich die Polizei am Montag noch kein Bild machen. Laut Staatsanwaltschaft ist der Mann nicht in Kontakt zu jenen islamistischen Zellen gestanden, die es in Mailand durchaus gibt.
Erste Meldungen, er habe „Italien raus aus Afghanistan!“ gerufen, wurden später dementiert. Der zwei Kilo schwere und nur teilweise explodierte Sprengsatz war wohl selbst gebaut. Der Libyer war am Montag nicht vernehmungsfähig. Seiner schweren Verletzungen wegen lag er auf der Intensivstation eines Mailänder Krankenhauses. Bürgermeisterin Letizia Moratti schließt nicht aus, dass der Mann auch einfach nur geistig verwirrt gewesen sein könnte.
Warnung vor „etwas Großem“
Italien jedenfalls hat auf den Mailänder Anschlag mit Beunruhigung reagiert, denn die reiche oberitalienische Wirtschaftsmetropole gilt seit Jahren als mögliches Ziel von Terroristen.
Nach der Verhaftung und der Ausweisung etlicher anderer Islamisten waren zuletzt im Dezember 2008 zwei Marokkaner festgesetzt worden, die Anschläge geplant haben sollen, „etwas Großes, damit es in den Geschichtsbüchern stehen bleibt und du bei Gott Gnade und Anerkennung findest“, wie einer der beiden in einem abgehörten Telefonat zum anderen gesagt haben soll: „Du kannst zum Beispiel in eine Carabinieri-Kaserne gehen und dort für Terror sorgen.“
Aus abgehörten Telefonaten weiß die Polizei, dass potenzielle Terroristen mehrfach den Dom und die U-Bahn als Ziele ausgesucht hatten. Andere fragten bei einem ihrer Imame nach, ob der Koran es erlaube, öffentliche Wasserleitungen zu vergiften. „Wenn sicher ist, dass keine Muslime dabei sterben, ja“, soll der Prediger laut Polizei geantwortet haben.
Zum anderen sind in Mailand offenbar „reisende Prediger“ unterwegs, die unter den Muslimen der Lombardei Söldner für den „Heiligen Krieg“ rekrutieren wollen. Aus dem „Netz von Mailand“ – so nennen es die Terrorermittler – gingen in den Neunzigerjahren beispielsweise etliche Muslime zum „Training“ nach Afghanistan, um anschließend in Bosnien und Tschetschenien zu kämpfen. Fünf der zehn Tunesier, die seit Jahren in Guantánamo auf Kuba festgehalten werden, sollen einen Teil ihrer Schulung in Mailand erhalten und ihrerseits im Ausland als Kontaktpersonen zum „Mailänder Netz“ fungiert haben. Einer der Anführer sitzt derzeit eine sechsjährige Haftstrafe auf Sardinien ab.
Rache für Afghanistan-Einsatz?
Der noch rätselhafte Mailänder Anschlag vom Montag stieß auch deshalb auf erhöhte Sensibilität in Italien, weil gut drei Wochen zuvor sechs italienische Fallschirmjäger bei einem Selbstmordanschlag in Afghanistan getötet worden waren und die Italiener schon lange befürchten, der ferne Krieg könnte eines Tages zu ihnen kommen. Italien hat in Afghanistan etwa 2800 Mann stationiert.
■Vor einer Artilleriekaserne in Mailand zündete am Montag ein 34-jähriger Libyer einen zwei Kilogramm schweren Sprengsatz. Dabei wurde der Mann schwer verletzt, verlor eine Hand und ein Auge. Ein Wachsoldat wurde leicht verletzt. Über die Motive des Libyers herrschte zunächst noch Unklarheit.
■In Norditalien geht schon lange die Angst vor größeren Anschlägen um. Deshalb reagierte man auf das mysteriöse Attentat vor der Kaserne äußerst sensibel. Aus abgehörten Telefonaten weiß die Polizei, dass potenzielle Terroristen schon mehrfach die U-Bahn oder den Mailänder Dom als Ziele ins Auge gefasst haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2009)
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