Delhi/Peshawar. Apokalyptische Szenen spielen sich am Mittwochmorgen in Peschawar im Nordwesten Pakistans ab: Ein gewaltiger Sprengsatz ist auf einem großen Markt im Stadtteil Peepal Mandi in der Altstadt explodiert. Mehr als 105 Menschen sind tot, die meisten von ihnen Frauen. Mehr als 150 Menschen wurden durch die Explosion verletzt, die vermutlich durch die Detonation einer Autobombe verursacht wurde.
Zum Anschlag hat sich die Tehrik-e-Taliban Pakistan (Taliban-Bewegung in Pakistan, TTP) bekannt. Adressatin der Bombe: US-Außenministerin Hillary Clinton, die nur wenige Stunden zuvor zu einem dreitägigen Besuch in Pakistan eingetroffen war. „Pakistan befindet sich inmitten eines fortgesetzten Kampfes gegen hartnäckige und brutale Extremistengruppen, die unschuldige Menschen töten und Gemeinschaften terrorisieren“, erklärte Clinton am Mittwoch in Islamabad.
Zum allerersten Mal ist das Ziel Washingtons, die Niederschlagung des Taliban-Aufstandes im Nordwesten des Landes, zum Greifen nahe. Nach mehreren schweren Anschlägen ist Pakistans Armee vor zehn Tagen in Südwaziristan einmarschiert – in das Machtzentrum der pakistanischen Taliban. Sie geht zum ersten Mal in einer breit angelegten Offensive gegen die Militanten vor – das forderten die USA bereits seit Jahren.
Clinton ist nicht mit leeren Händen nach Pakistan gekommen. Die USA haben dem Land großzügige Finanzhilfen zugesagt, insgesamt 7,5 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre. Doch anders als bisher ist eine Fortsetzung der Zahlung an strenge Bedingungen geknüpft: Pakistan muss demokratisch bleiben, und die zivile Regierung soll den Militärhaushalt festlegen. Die Regierung soll ihren Kampf gegen die Aufständischen fortsetzen. Und: Pakistan darf keinen Teil der Hilfsgelder dafür verwenden, sein Militärarsenal, das es auf Indien richtet, auszubauen. Die USA sollen hierfür kontrollieren dürfen, was Pakistan mit gelieferten Waffen macht.
Die Armee war entsetzt. Armeechef Ashfaq Kayani startete eine Kampagne gegen die zivile Regierung, weil diese dazu bereit war, auf die Bedingungen aus Washington einzugehen. Schnell gab es Kritik aus allen Richtungen: Präsident Asif Ali Zardari gefährde Pakistans „Souveränität“, er habe das Land an US-Interessen verkauft. Der Bruch zwischen Armee und ziviler Regierung war vollzogen.
In diesem Konflikt sitzt die Armee am deutlich längeren Hebel. Dennoch ist nicht klar, ob die Militärführung beabsichtigt, ihre Offensive gegen die Taliban so lange fortzusetzen, bis die Militanten besiegt sind. Das pakistanische Sicherheitsestablishment benutzt schon seit Jahrzehnten – direkt und indirekt – militante Islamisten, um Pakistans Interessen in der Region durchzusetzen.
Angriffe in Afghanistan
Doch auch die Entwicklungen auf der anderen Seite der Grenze dürften in Washington Kopfschmerzen bereiten. Denn mit ihrem Angriff auf ein Gästehaus der Vereinten Nationen in Kabul ist den afghanischen Taliban in einem streng gesicherten Teil der Stadt ein schwerer Schlag gelungen. Drei Angreifer hatten am Mittwochmorgen das Bekhtar-Gästehaus attackiert und Geiseln genommen. Als Sicherheitskräfte das Gebäude zurückerobert hatten, waren die drei Angreifer und sechs internationale UN-Mitarbeiter tot.
Der Leiter der UN-Mission in Afghanistan, Kai Eide, sagte, es sei ein „sehr schwarzer Tag“. Aber die Vereinten Nationen fühlten sich weiter gegenüber Afghanistan verpflichtet. Die Attacke ereignete sich, während die Vorbereitungen für die Stichwahl um die afghanischen Präsidentschaft am 7.November auf Hochtouren laufen. Die Taliban bekannten sich zu der Attacke auf das UN-Gästehaus und kündigten weitere Angriffe an.
■Hillary Clintons Besuch in Pakistan ist von einem Bombenanschlag in Pakistan und einem Attentat auf UN-Mitarbeiter in Afghanistan überschattet. Die Außenministerin möchte der Zivilregierung in Islamabad den Rücken stärken, Präsident Asif Ali Zardari ermutigen, den Kampf gegen die Taliban zu intensivieren und die Regierung ermahnen, die US-Hilfsgelder besser einzusetzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2009)
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