Der Prozess gegen den ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ist am Dienstag vorläufig unterbrochen worden. Das Gericht werde die Situation "sorgfältig bedenken" und bis Ende der Woche eine Entscheidung über das weitere Verfahren fällen, sagte Richter O-Gon Kwon.
Karadzic erschien am Dienstag erstmals seit Beginn des Prozesses vor dem Haager Tribunal. Er forderte eine Unterbrechung des Verfahrens, weil er noch Monate brauche, um sich auf die Verteidigung vorzubereiten. Sonst werde er weiter fernbleiben.
Mit genau diesen Argumenten hatte Karadzic, der sich selbst verteidigt, bisher den Prozess boykottiert. "Es ist sehr bedauerlich, dass Sie hier nur Ihre bekannten Positionen wiederholt haben", sagte der aus Südkorea stammende Richter.
Prozess war "von Beginn an nicht fair"
"Ich will das Verfahren nicht boykottieren, aber ich kann nicht an etwas teilnehmen, das von Beginn an nicht fair war und wo meine Grundrechte verletzt worden sind", sagte Karadzic. Das Beweismaterial umfasst rund 1,3 Millionen Seiten.
Richter O-Gon Kwon widersprach. Karadzic habe ausreichend Zeit für seine Verteidigung gehabt. Außerdem sei es "Sache des Gerichtes und nicht des Angeklagten, zu entscheiden, wann ein Verfahren reif für die Eröffnung eines Prozesses ist".
Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff deutete einen Kompromiss an. Falls Karadzic am Prozess teilnehmen und mit seiner Verteidigung beginnen würde, könne ihm erlaubt werden, später mehr Zeit in Anspruch zu nehmen und zusätzliche Argumente vorzubringen.
Tribunal droht mit Pflichtverteidiger
Sollte er dazu nicht bereit sein, müsse das Gericht ihm das Recht aberkennen, sich selbst zu verteidigen und einen Pflichtverteidiger einsetzen. Dann könne der Prozess auch ohne den Angeklagten weitergehen.
Ein Belgrader Rechtsberater des Haager Angeklagten hatte indes vor der Verhandlung gegenüber dem serbischen Fernsehsender B-92 angekündigt, dass Karadzic mit "radikalen Maßnahmen" auf eine eventuelle Bestellung des Pflichtverteidigers reagieren würde. Gemeint sei ein Hungerstreik.
(Ag.)

Radovan Karadzic: Die lange Flucht des Kriegsherren
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