Washington (vier). Die Einladung, zum 20-Jahr-Jubiläum des Falls der Berliner Mauer in die deutsche Hauptstadt zu reisen, schlug der viel beschäftigte US-Präsident Barack Obama aus. Vielleicht war es die Retourkutsche für die Weigerung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, ihm als Präsidentschaftskandidaten im Sommer 2008 eine Rede vor dem Brandenburger Tor zu gewähren. Auf der großen Bühne der Weltpolitik haben kleine Empfindlichkeiten mitunter symbolhafte Konsequenzen.
Merkel kam jedoch am Dienstag, kurz nach ihrer Wiederwahl und vor den Berliner Feierlichkeiten, in den Vorzug einer Ansprache im Kongress in Washington – eine Auszeichnung, die zuvor nur einem deutschen Regierungschef zuteil wurde: Konrad Adenauer. Aus der inneren Rührung einer ehemaligen DDR-Bürgerin heraus stattete sie ihren Dank für den Beistand der USA ab. Sie erinnerte an die US-Präsidenten, die in der jüngeren deutsch-amerikanischen Geschichte eine führende Rolle gespielt hatten – an John F. Kennedy, Ronald Reagan und George Bush sen.
Fasziniert von Jeans
Anhand ihrer Karriere breitete Merkel ihre Motivation aus. Die „Kraft der Freiheit“ habe sie in die Politik geführt. Dass sie einmal im Kapitol sprechen würde, „hätte ich mir vor 20 Jahren in meinen kühnsten Räumen nicht vorstellen können. Ich war fasziniert vom amerikanischen Traum, von Jeans, von der amerikanischen Landschaft“.
Demonstrativ legte sie ein Bekenntnis für die transatlantische Partnerschaft ab: „Europa findet keinen besseren Partner als die USA, und die USA finden keinen besseren Partner als Europa.“ Die Nato bleibe ein Eckpfeiler für die Sicherheit, betonte sie und streifte internationale Konfliktthemen von Nahost bis Afghanistan.
Die US-Regierung drängt Deutschland zu stärkerem militärischen Engagement in Afghanistan – ein Thema, das auch beim Gespräch mit Obama im Weißen Haus auf dem Tapet stand. Im Gegenzug trat Merkel als Verfechterin einer engagierten Klimapolitik und als Mahnerin gegenüber dem US-Widerstand auf.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2009)

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