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November 1989: Und dann fiel der erste Stein

07.11.2009 | 18:25 |  von Eugen Freund (Die Presse)

Sie haben auf unser Taxi mit Fäusten getrommelt und es hin und her geschaukelt. Wir fühlten uns wie in einem kleinen Boot bei hohem Seegang. Wie ich als ORF-Reporter im November 1989 den Fall der Mauer miterlebte.

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So sieht gelebte Planwirtschaft aus: Die Mauer fällt und im DDR-Staatsfernsehen läuft der Spielfilm: „Egon und das achte Weltwunder“ – aber gemeint war nicht Staatsratsvorsitzender Egon Krenz, sondern eine Romanfigur.

Mein Kameramann Andreas Berger und ich fühlen uns auch wie in einem Film, als wir an jenem historischen Wochenende in der Nacht am Flughafen Berlin-Schönefeld ankommen. Mit einem Ostberliner Taxi lassen wir uns zur Mauer am Übergang Heinrich-Heine-Straße fahren. Unsere Papiere werden genau geprüft, doch die Beamten kommen mit der ostdeutsch-österreichischen Mischung nicht zurecht – das sei keine Übertrittstelle für Transitpassagiere. Nach viel gutem Zureden drückt der Grenzkommandant ein Auge zu und einen Stempel in den Pass.

Im Niemandsland Betonbarrieren, wir müssen im Zickzack um sie herum. Dann, auf Westberliner Seite, Jubel und Begeisterung, wie ich sie noch nie erlebt habe. Hunderte Bürger umdrängen unser Fahrzeug, trommeln mit Fäusten auf die Karosserie, es wird hin und her geschaukelt. Wir fühlen uns wie in einem kleinen Boot bei hohem Seegang.Die Menschen lachen, winken uns zu; auch Österreicher sehen in einem Ostberliner Taxi wie einfache Ostdeutsche aus. Und schließlich war da der Lenker, der erstmals seit 1961 die Grenze queren darf.

Tage der Steinesammler. Am nächsten Morgen fahren wir zur Schlesischen Straße/Puschkin-Allee. Hier soll noch ein Übergang geöffnet werden. Ein Kran der DDR-Grenztruppe hebt den ersten Betonblock aus der Mauer, die die Stadt seit 28 Jahren teilt. Hunderte wollen da sein, wenn die ersten von drüben kommen. Ostdeutsche Grenzer stehen westlich der Mauer, auch dieser Bereich gehört zur DDR. Mauersteine werden begehrte Souvenirs, ich stecke mir einen Brocken ein. Überall wird gehämmert, gekehrt – und gewartet. Auch die Soldaten halten den Moment mit ihren Fotoapparaten fest. Die Ungeduld steigt: „Mauer auf, Mauer auf!“ rufen Westberliner den Beamten zu.

Kurz nach 13 Uhr ist es soweit, die ersten DDR-Bürger laufen auf uns zu. Ich bin überrascht, wie tief der Grenzstreifen ist: Selbst im Laufschritt dauert es eine Minute, bis die Ersten ankommen. Applaus, Sekt wird ausgegossen.

Wiedervereinigung im 1. Stock. Wir stoßen auf ein Ehepaar, das seinen Sohn besucht, der vor drei Jahren aus der DDR ausgewiesen wurde. Wir dürfen die Eltern bei ihrem ersten Treffen mit ihm begleiten. „Lutz, wir sind's!“, ruft Edith Lehmann in die Sprechanlage, und im ersten Stock kommt es zur ganz persönlichen Wiedervereinigung. „Jetzt haben wir uns wieder“, schluchzt Vater Wolfgang, während er seinen Sohn umarmt.Das Auffallendste ist, wie gelassen die Stadt den Zustrom Hunderttausender bewältigt. Natürlich ist das Chaos perfekt: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind total überlastet. Stellen Sie sich eine U-Bahnstation vor, am Bahnsteig Tausende, die in den Zug wollen, darin ebenso viele, die aussteigen. Irgendwie hat es immer geklappt. Der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker wird von der Menge fast erdrückt. Am Potsdamer Platz ist das Gedränge so groß, dass er von den Massen auf Ostberliner Territorium abgedrängt wird.

Im Museum am Checkpoint Charlie werden wir Zeuge einer Begegnung zweier Frauen, die sich in die Arme fallen. „Mensch, das ist heut wie drüben, lauter DDR-Bürger hier.“ – „Ach, es ist so wunderschön!“ Ich frage, wie lange sie getrennt waren. „Ich lebe 15 Jahre hier“, sagt die ältere. „Sie hat kein Einreisevisum für die DDR gekriegt, nur einen Tag durfte sie mal für eine Stunde wieder hinüber.“ Frage: „Sie sind gute Freundinnen?“ Antwort: „Wir sind Schwestern!“


Geld zum Gruße. Für tausende Ostberliner ist die offene Grenze ein gutes Geschäft. Vor den Banken kilometerlange Schlangen, drinnen werden 100 Mark ausbezahlt, bei Vorlage eines Ausweises, der gestempelt wird. Ein Mann sagt, dafür müsse er drüben einen Monat arbeiten. Im Kaufhaus des Westens ist der Ansturm unbeschreiblich. Eine Angestellte zeigt sich in der Zigarettenpause begeistert: „Ick hab so was mein janzes Leben nich erlebt. De Leute sin wie verrückt. Die denken, das is so wie in der DDR, dass sie allet gleich kofen müssn. Dass sie nich noch nächsten Tag Zeit haben, wa?“

Am nächsten Morgen liegt blauer Dunst über der Stadt. Fast scheint es, als wären sämtliche Trabants und Wartburgs des Ostens zum Oldtimertreffen in den Westen gekommen. „Es war wunderschön“, sagt mir eine Dame im Trabi ins Mikro. Was ihr am meisten gefallen habe? „Also, ich kann das nich sagen, es war alles beeindruckend. Es muss sich jeder selbst angesehen haben.“


„Guck dir den Scheiß an.“ Ganz anders die Frau in einem Audi mit einem blauen „Die Republikaner“-Sticker auf der Heckscheibe, also eine Westdeutsche. Sie macht ihrem rechten Frust Luft: „Guck dir den Dreck an und den Smog und den Scheiß. Die soll'n mit BVD und Bussen kommen, uns reicht das, dass wir noch Steuern zahlen für die!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

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