Mathematisch ist alles so einfach. Rechnet man die heute weltweit produzierte Menge an Nahrung auf die Zahl der Erdbewohner um, dann stellt sich heraus, dass jeder Mensch tagtäglich 2800 Kalorien zu sich nehmen kann. Damit ist zwar die Rechenaufgabe gelöst, das Problem aber nicht einmal im Ansatz erfasst. Denn die FAO, die Welternährungsorganisation der UNO, teilt mit, dass derzeit ein Sechstel der Menschheit gar nicht an die Kalorien herankommt, die auf Dauer das Existenzminimum und ein aktives Leben garantieren.
1,02 Milliarden Menschen hungern, sagt die FAO, 105 Millionen mehr als vor einem Jahr. Und das, obwohl sich die Staaten der Welt im Rahmen der Millenniums-Entwicklungsziele feierlich verpflichtet haben, die Zahl der Hungernden bis 2015 von damals 840 auf 420 Millionen zu halbieren.
Es gäbe also genug zu tun für den dreitägigen Welthungergipfel, der am Montag in Rom begann – mit der Abschlusserklärung. Doch die vermeidet die Nennung konkreter Summen an Hilfe. 20 Mrd. Dollar haben die G8-Staaten schon heuer im Sommer versprochen, bis heute weiß aber keiner, ob das zusätzliche Mittel sind, wann sie kommen und welche Organe die Einhaltung der schönen Versprechen überwachen sollen.
Gadhafis Sonderagenda
Zahlreiche Staats- und Regierungschefs waren angereist, aus dem Kreis der G8 war aber nur Italiens Premier Silvio Berlusconi anwesend, für den der Weg nicht allzu weit war. Friedensnobelpreisträger Barack Obama fehlt, er ist in China. Dafür sind Libyens Revolutionsführer Gadhafi und Zimbabwes Autokrat Robert Mugabe da.
Gadhafi schien derweil andere Prioritäten zu haben: Er hatte für Sonntagabend 200 junge, attraktive Italienerinnen eingeladen, denen er die Vorzüge des Islams darlegte und die er zum Übertritt animieren wollte. Als Geschenk gab es einen Koran: „Es war in keiner Weise die VIP-Party, die wir erwartet hatten“, sagte eine Teilnehmerin: „Wir bekamen nicht einmal ein Glas Wasser.“
Im Plenum geißelte Gadhafi die reichen Länder: Sie hätten noch keines der Versprechen von früheren Gipfeln gehalten. Und Brasiliens Präsident, Lula da Silva, meinte: „Mit der Hälfte des Geldes, das die Weltpolitiker in die Rettung ihrer Banken steckten, hätten sie den Hunger ausrotten können. Papst BenediktXVI. geißelte in seiner Rede Spekulationsgeschäfte: „Man darf Lebensmittel nicht wie alle anderen Waren betrachten.“
Die Aufgabe der Hungerbekämpfung wird immer gewaltiger: Bis zur Jahrhundertmitte steigt aller Voraussicht nach die Zahl der Menschen von heute 6,7 auf neun Milliarden. Sie wächst vor allem in jenen Ländern Afrikas und Asiens, in denen die Nahrungsmittelversorgung schon heute nicht gesichert ist. Es sind auch die Folgen des Klimawandels, die dort mit zunehmender Intensität die Landwirtschaft beeinträchtigen. Und es sind, derzeit vor allem in Afrika, die unaufhörlichen Kriege, das „menschliche Versagen“ also.
Das alles könnte die Welt ausgleichen: Die Kornspeicher sind voll, die Ernte gerade des ausgehenden Jahres bleibt nur knapp unter den Allzeitrekorden. Doch der Fehler liegt im Weltwirtschaftssystem. Er tritt nirgendwo deutlicher zutage als in den Ländern, die Hunger leiden. Das sind praktisch alles Gesellschaften, die agrarisch strukturiert sind. Italienische Experten spitzen das auf die Formel zu: 80Prozent der Hungernden sind Bauern.
Kleinbauern in Nöten
Kleinbauern, genauer gesagt. 85 Prozent der „Landgüter“ weltweit sind laut FAO kleiner als zwei Hektar, Kleinbauern und ihre Familien machen ein Drittel der Weltbevölkerung aus. Deswegen will die FAO auch bei ihnen ansetzen.
Das Problem der Kleinbauern in der Dritten Welt ist, dass sie nicht rationell, nicht billig genug produzieren können und sowohl von der Masse als auch von den Preisen jener Lebensmittel plattgewalzt worden sind, die aus den auch im Agrarsektor industrialisierten Ländern der Nordhalbkugel importiert wurden. Damit wird diesen Ländern die einzige Möglichkeit zur Wertschöpfung genommen, es fehlt ihnen nun auch das Geld, die in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegenen Lebensmittelpreise bezahlen zu können. Die Preise liegen laut FAO heute zwar unter dem Niveau von 2007/08, als Börsenspekulationen gerade den Reis – als Welt-Hauptnahrungsmittel – in unerreichbare Höhen gejagt hatten; spürbar billiger aber würden die Lebensmittel auf Jahre hinaus auch nicht.
Jacques Diouf, der aus dem Senegal stammende FAO-Generalsekretär, verlangt dringend, dass die reichen Staaten pro Jahr weitere 44 Mrd. Dollar für Landwirtschaftsentwicklung in den armen Staaten lockermachen. Das wäre etwa viermal so viel wie heute – aber nur eine Rückkehr auf das Niveau der 80er-Jahre. Seit damals wurden unter dem Credo des „freien“, vom Markt geregelten Handels hunderte Milliarden eingespart, agrarische Hilfsstrukturen wurden abgebaut. Das hat die heute hungernden Länder überfordert: So weit waren sie noch nicht.
Hinzu kam, dass sich das verbreitete Problem der staatlich gesteuerten oder geförderten Misswirtschaft durch die „bestrafende“ Verknappung der Hilfen nicht erledigt hat: Es kam nur noch weniger ganz unten bei denen an, die es dringend gebraucht hätten.
Hungern gegen den Hunger
Der 71-jährige Diouf ließ es im Vorfeld des Gipfels nicht an Aktionismus mangeln: Neben einem eintägigen Hungerstreik, dem sich auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon anschloss, startete er eine Internetpetition, eine Art Volksbegehren gegen den Hunger, das Druck auf die Politik ausüben soll. Diouf hofft auf eine Milliarde Klicks. Dann bekäme fast jeder Hungernde einen Unterstützer. Mathematisch jedenfalls.
1,02
Milliarden Menschen hungern laut Angaben der Welternährungsorganisation FAO.
420
Millionen. Auf diesen Wert wollten die UN-Staaten die Zahl der Hungernden bis 2015 reduzieren.
80
Prozent der Hungernden leben in landwirtschaftlichen Verhältnissen.
5
Sekunden. In diesem Intervall stirbt weltweit ein weiteres Kind an Hunger. Aufs Jahr hochgerechnet, sind das 6,3 Millionen Kinder.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2009)

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