Draußen nieselt der Regen auf Abfallberge. Drinnen im düsteren Verschlag von Burein Huseini im Flüchtlingscamp „Osterode“ ist wieder der Strom ausgefallen. Wer im Lager lebe, „hat kein Zuhause“, seufzt der früh gealterte Familienvater.
Die Bewohner der Romasiedlung im serbischen Norden der geteilten Kosovo-Stadt Mitrovica hätten wegen der nahen Abraumhalde eines stillgelegten Erzbergwerkes „viel Blei im Blut“: „Die Leute sind oft krank – und sterben früh.“ 65 Euro Sozialhilfe reichten für den Unterhalt seiner fünfköpfigen Familie kaum aus. Kopfschüttelnd zieht der 29-Jährige mit den tiefen Falten an seiner Zigarette: „Das Leben hier ist einfach ein Elend, eine einzige Katastrophe.“
Vor dem Kosovo-Krieg 1999 wohnte die Familie von Huseini nur wenige Kilometer entfernt am Südufer des Ibar in der Bergarbeitersiedlung Stari Trg. Sein Vater habe damals in der Zeche gearbeitet, erzählt Burein. Doch als sich der Konflikt zwischen dem damaligen Regime in Belgrad und den Kosovo-Albanern zuspitzte, geriet auch die als serbenloyal geltende Minderheit unter Druck. Von einst 17 Romafamilien in Stari Trg seien alle geflohen, so Huseini. Eine Rückkehr in seinen Geburtsort schließt er aus: „Die Albaner hassen uns noch mehr als die Serben.“ Seine einzige Hoffnung sei, dass „uns irgendein Land im Westen aufnimmt“, wie der Rom beim Abschied sagt: „Ich flehe alle Staaten Europas an: Holt uns hier raus. Hauptsache weg – egal wohin.“
Abschiebung von 10.000 Roma
Die Hoffnung auf Aufnahme in einem Drittstaat hegt Burein Huseini vergebens. Denn ein Jahrzehnt nach Kriegsende und knapp zwei Jahre nach der Unabhängigkeit des Kosovo bereiten sich die westeuropäischen Staaten auf die verstärkte Abschiebung der als lästig empfundenen Flüchtlinge aus der serbischen Exprovinz vor. Mit Belgien hat der Staatenneuling bereits ein Rückführungsabkommen unterschrieben, mit Deutschland ist das Papier unterschriftsreif.
Berlin hat die Abschiebung von 14.000 Kosovo-Flüchtlingen angekündigt – darunter etwa 10.000 Roma. Sofern es sich bei den Abgeschobenen nachweislich um Bürger Kosovos handle, sei Prishtina bereit, „sich seiner Verantwortung zu stellen“, versichert Artan Duraka, Berater im Innenministerium.
Zu Massenabschiebungen dürfte es indes kaum kommen. Zwar seien rund 10.000 Roma „ausreisepflichtig“, doch das bedeute keineswegs, dass sie alle in kurzer Zeit auch abgeschoben würden, so ein Berliner Regierungsbeamter. Mehr als 1000 „Rückführungen“ pro Jahr seien „technisch kaum möglich“. Zudem dürfte es erhebliche Schwierigkeiten bereiten, die Kosovo-Staatszugehörigkeit der Flüchtlinge zweifelsfrei nachzuweisen. Wichtiger sei sowieso die Signalwirkung: Roma in Deutschland sollen durch anhaltenden Druck zur freiwilligen Rückkehr bewegt werden, Roma im Kosovo wolle man vor Versuchen einer Einwanderung abschrecken.
Abgeschoben wird schon jetzt. Jedes Jahr nehme der Kosovo mehr als 5000 Rückkehrer aus ganz Europa auf, berichtet Sozialminister Nenad Ra?i?. Sein Land werde zwar versuchen, den Verpflichtungen nachzukommen, doch schon jetzt lebten 15 Prozent seiner Landsleute in „extremer Armut“, müssten mit weniger als einem Euro pro Tag über die Runden kommen. „Mehr als einen leichten Anstieg der Rückkehrerzahlen werde ich nicht akzeptieren“, sagt der Politiker. „Wir können das wenige, das wir haben, nicht auf viel mehr Leute verteilen.“
Rückkehr ohne Perspektiven
Hinter grauen Silos ducken sich armselige Holzverschläge. Ein Pferdefuhrwerk holpert durch die Schlaglöcher des Elendsquartiers am Bahndamm von Kosovo Fushë. Die größte Romasiedlung des Landes liegt nur 20 Fahrminuten von der Hauptstadt Prishtina entfernt.Verhärmte Frauen mit Kindern im Arm betteln die Passanten auf dem Mutter-Theresa-Boulevard in Prishtina um Almosen an. Nicht nur Rückkehrer, sondern auch verbliebene Roma haben im Kosovo oft Mühe, sich bei ihren Gemeinden einschreiben zu lassen – und sich den Anspruch auf die bescheidene Sozialhilfe von 35 Euro pro Monat für Alleinstehende und 65 Euro für Familien zu sichern.
Noch immer seien 40 Prozent der Roma nicht registriert, berichtet Bekim Syla vom „Roma- und Ashkali-Dokumentationszentrum“ (RAD): „Die Leute existieren rechtlich nicht.“ RAD widmet sich unter anderem der Langzeitbeobachtung von Rückkehrern aus Deutschland. Leicht falle die Kontaktaufnahme zur Zielgruppe nicht, räumt Syla ein: „Viele verlassen das Land sofort nach der Ankunft.“
Vor dem Krieg wohnten rund 150.000 Roma und Ashkali im Kosovo, inzwischen ist ihre Zahl auf geschätzte 35.000 bis 40.000 geschrumpft. Sie sind die Ärmsten des armen Landes: Über 80 Prozent der Roma sind arbeitslos.
Kinder brechen Schule ab
Nur Rückkehrern, die sich notgedrungen „freiwillig“ in ihre Heimat aufmachen, stellt Deutschland eine einmalige Starthilfe von 300 Euro (Einzelperson) bis zu 1000 Euro (Familie) zur Verfügung. Einige Bundesländer bieten noch zeitlich befristete Integrationsbeihilfen wie Mietzuschüsse an. Der unfreiwillig abgeschobene Rest schaut laut Auskunft eines Berliner Beamten „in die Röhre“.
Keinen Unterschied zwischen freiwilligen und unfreiwilligen Heimkehrern macht die Kosovo-Regierung, deren „kurzfristige Ankunftshilfe“ sich auf maximal sieben Hotelübernachtungen beschränkt. Danach bleiben die Neuankömmlinge weitgehend sich selbst überlassen. Der freie Fall der Kosovo-Roma ins soziale Nichts wird nach der „kalten“ Abschiebung aus Westeuropa kaum abgefedert. Es werde vor der Abschiebung weder geschaut, ob die Leute in ihre früheren Wohnorte zurückkehren könnten, noch darauf geachtet, ob deren Kinder irgendeine Schule besuchen könnten, ärgert sich Bekim Syla von RAD: „Die Abschiebung bedeutet für die im Ausland geborenen Kinder meist den Abbruch der Schule, weil sie den albanischen Unterricht kaum mehr verstehen.“ Wenn man die Leute schon abschiebe, solle man wenigstens deren Rückkehr mit einer „gewissen Würde“ und Strategie organisieren, fordert Syla: „Aber man lädt die Leute auf der Straße ab. Das ist es.“
■Roma vor Abschiebung. Westeuropäische Staaten wie Belgien, Deutschland und Österreich wollen die nach dem Kosovo-Krieg geflüchteten Kosovaren, darunter viele Roma, in ihr Heimatland abschieben. Grund: Der Kosovo gilt mittlerweile als sicher. Einige Länder haben dafür Rückführungsabkommen geschlossen. Trotz kurzfristiger Integrationshilfen stehen die Heimkehrer im Kosovo oft vor dem Nichts die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Sozialhilfe sehr gering.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2010)

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