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Schweiz: Das Kreuz mit dem Kreuz

31.01.2010 | 18:25 |   (Die Presse)

Verschiedene Elemente der direkten Demokratie finden sich in Verfassungen höchst unterschiedlicher Länder: In der Schweiz ist das Wahlvolk Korrektur und Opposition zur Politik der Regierung.

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Ob es um den Umbau der Schule im Dorf, die Erhöhung der Gemeindesteuern oder um einen Staatsvertrag geht: Es gibt kaum eine Sachfrage, über welche die Schweizer nicht an der Urne entscheiden. Mehrmals pro Jahr stimmen die Eidgenossen über politische Fragen auf kommunaler, kantonaler und landesweiter Ebene ab.

Die weltweit wohl einzigartige Volksdemokratie in der Schweiz besteht seit 1848, als die Schweiz zum Bundesstaat in der heutigen Form wurde. Seither nehmen die Schweizer per Volksabstimmung direkt Einfluss auf die Politik. Über gewisse Fragen, wie etwa Verfassungsänderungen, muss zwingend an der Urne abgestimmt werden. Bei manch anderen Gesetzesvorschlägen besteht die Möglichkeit, das sogenannte Referendum zu ergreifen, wofür Gegner der betroffenen Sachfrage binnen einer gewissen Frist 50.000 Unterschriften sammeln müssen. Schließlich können die Stimmbürger auch selbst initiativ werden und mit einer Volksinitiative, für welche 100.000 Unterschriften gesammelt werden müssen, eine Verfassungsänderung fordern. Über jede Volksinitiative muss abgestimmt werden, auch wenn es Regierung und Parlament nicht gefällt. So geht das umstrittene Bauverbot für Minarette, das von Regierung, Parlament und den meisten Parteien abgelehnt worden war, auf eine Volksinitiative zurück.

 

Der Schweizer „Souverän“

Volksentscheidungen müssen in der Schweiz zwingend umgesetzt werden und sind nicht einfach nur unverbindliche Befragungen, wie sie in anderen Ländern existieren. Nicht umsonst wird das helvetische Stimmvolk auch „Souverän“ genannt, also Inhaber der Staatsgewalt. Der Vorteil der direkten Schweizer Demokratie ist eine ausgesprochene Bürgernähe der Politik. Weil die Stimmbürger jegliche Vorlagen des Gesetzgebers zunichtemachen können, müssen Regierung und Parlament Vorschläge bzw. Kompromisse ausarbeiten, die so ausgewogen sind, dass sie dem Votum der Schweizer standhalten. Aus diesem Grund besteht in der Schweiz auch eine Allparteienregierung ohne Opposition im Parlament, da die eigentliche Opposition von den Stimmbürgern verkörpert wird.

Das Mitspracherecht der Bevölkerung sorgt auch dafür, dass Politik sparsam mit den Steuereinnahmen umgeht. Diese können von Regierung und Parlament weder nach eigenem Gutdünken erhöht noch nach Belieben verwendet werden, da stets die Zustimmung der Bürger notwendig ist.

Die ausgeprägte helvetische Volksdemokratie wirft aber auch die Frage auf, ob der Entscheidungsgewalt der Stimmbürger nicht Grenzen gesetzt werden müssen. Nämlich dann, wenn Volksentscheidungen übergeordnetem Recht widersprechen. Das ist beispielsweise beim umstrittenen Minarettverbot der Fall, das die Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt und möglicherweise in letzter Konsequenz nicht umgesetzt werden kann. Rechtsexperten fordern daher, dass Vorlagen, die völkerrechts- oder menschenrechtswidrig sind, für ungültig erklärt und den Stimmbürgern erst gar nicht zur Abstimmung vorgelegt werden. Was auf heftigen Widerstand der rechtspopulistischen schweizerischen Volkspartei stößt, die der Meinung ist, das Stimmvolk dürfe in seinem Willen nicht beschnitten werden, denn es habe immer recht. Die direkte Demokratie ist zuweilen ein schmaler Grat zwischen Volksherrschaft und Grundrechten, den die Schweizer Stimmbürger gehen müssen. cs

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2010)

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6 Kommentare
Gast: commonsense10
17.06.2010 08:41
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commonsense10

Many will point to recent referenda in Europe and say that direct democracy has only accomplished some questionable ends. Fans of representative politics will use this to say that direct democracy is a waste of time. Plus, ordinary people's time and attention to detail is certainly limited.
So, what are the themes, if any, which are suitable for public decision? Well, you'd have to say that elected governments can be trusted to decide about almost everything, except of course their own rules and limits of power.
For this reason I propose that the public's valuable time be used only on very important referenda in relation to governing. This would include voting on any change to houses of parliament, the role of each minister, and of course anything from the Brussels arena. Naturally all citizens of EU countries should be allowed to vote on the Lisbon treaty.
It is the only way to keep a 'fair game' and stop the rise of new dictator powers.

Gast: Ariakan
03.02.2010 15:04
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Erziehung der Bürger

Es scheint ja einen Mangel an politisch korrekter Erziehung in der Schweiz zu geben, wenn der Volkswille plötzlich dem "Eu-Recht" widerspricht.

Gast: Hausverstand
02.02.2010 18:01
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Lieber den political-correcten Richtern Grenzen setzen anstatt den Bürgern

Es sind die Minarette die in Europa ein Problem darstellen und nicht die Kreuzerln.

"Entscheidungsgewalt der Stimmbürger nicht Grenzen gesetzt werden müssen"
" beim umstrittenen Minarettverbot der Fall, das die Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt "

Gab es da nicht ein Urteil wonach die kleinen Kreuze in Klassenzimmern mit mehrheitlich christlichen Kindern die europäische Menschenrechte verletzen ? Also Kreuzverbote aufgrund der Menschenrechte...
aber Minarette samt Beschallungen verletzen wohl keine Menschenrechte ...


Gast: ceterum censeo
02.02.2010 10:21
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Und natürlich

darf in dem Artikel der diskrete Hinweis auf das Minarett-Verbot nicht fehlen, obwohl niemand (außer Erdogan auf seine Weise)schlüssig erklären kann, warum zur islam. Religionsausübung unbedingt Minarette vonnöten sind. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Peregrin
01.02.2010 13:48
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Nicht umsonst wird das helvetische Stimmvolk auch „Souverän“ genannt, also Inhaber der Staatsgewalt.

So nennt unsere Verfassung das Volk auch, freilich schon umsonst.

Gast: Sebastian Bauer
01.02.2010 09:42
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schmaler Grat zwischen Volksherrschaft und Grundrechten

Vielen Dank, „cs“, für diesen ausgeglichenen Artikel über die einzigartige Schweizer Demokratie, die ich als seit 1975 in der Schweiz ansässiger Österreicher zutiefst bewundere. Natürlich gibt es da immer wieder gewisse Probleme und das ganze System ist äußerst „mühsam“, aber die Folge von dieser andauernden Beschneidung der „Macht“ der Politiker führt zu einem politischen Klima, dass man sich in Österreich überhaupt nicht vorstellen kann und „Landesfürsten“ wie sie in Österreich selbst in den Zeitungen so genannt werden sind in der Schweiz unvorstellbar. Mein Tram war seit langem mein Vaterland mit einem ähnlichen System zu sehen, wobei ich leider immer mehr sehe, dass das wohl ein Traum bleiben wird. Zur Gratwanderung: Jawohl die Schweizer wandern auf diesem Grat und sie tun das bestens, nicht umsonst haben sie genug davon auch in ihren Bergen. Traurig ist es jedenfalls, dass Österreich mit ähnlich vielen Graten in seinen Bergen eine derartige Gratwanderung mit entsprechender politischer Kultur offenbar nicht gelingt, denn die Politiker in Österreich (und anderswo) haben natürlich null Interesse etwas von ihrer Macht abzugeben. Ich las vor einigen Jahren im Kurier im Zusammenhang mit Volksabstimmungen einen Artikel mit der Überschrift „Die Schweiz hat’s gut“. Die Überschrift hätte lauten sollen „Die Schweiz macht’s gut“, denn das ist der Schweiz nicht vom Himmel in den Schoß gefallen!