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Nigeria: Angriff auf Christendörfer

08.03.2010 | 19:25 |   (Die Presse)

Der Überfall mit hunderten Toten nahe der Stadt Jos ist offenbar ein Racheakt für Attacke auf Muslime im Jänner – ein Konflikt, in dem es vor allem um Wirtschaftsinteressen geht.

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ABUJA/WIEN (Reuters, dpa, w.s.). Sie griffen von den Hügeln herab an, feuerten auf die Gebäude, um die Menschen aus den Häusern zu treiben. Dann töteten sie die Flüchtenden mit Macheten. Mehr als 100, möglicherweise sogar 500 Menschen sollen bei Attacken auf drei vorwiegend von Christen bewohnte Dörfern nahe der zentralnigerianischen Stadt Jos ums Leben gekommen sein. „Das Dorf Zot wurde beinahe ausgelöscht“, sagte Mark Lipdo von der christlichen Stephanus Foundation der BBC. Laut ersten Berichten sind der Großteil der Opfer Frauen und Kinder. Überlebende machten muslimische Nomaden für die Angriffe verantwortlich.

 

Vorwürfe gegen Nigerias Armee

Bei dem Überfall könnte es sich um einen Racheakt für Attacken auf muslimische Dörfer im Jänner handeln. Damals starben ebenfalls mehrere hundert Menschen. Die Angreifer sollen Christen gewesen sein.

Bereits vor wenigen Wochen konnten neue Unruhen nur knapp verhindert werden. Eine Gruppe christlicher Jugendlicher attackierte Muslime, die ein Kind auf einem Friedhof beisetzen wollten, der von Christen und Muslimen gleichermaßen für sich beansprucht wird. Nigerianische Truppen konnten damals rechtzeitig einschreiten.

Diesmal kamen sie aber zu spät. Der Rat der christlichen Kirchenführer übte deshalb massive Kritik an der Armee und den Behörden. Die in Jos stationierten Truppen seien benachrichtigt worden, als das Dorf Dogo Nahawa von den Nomaden belagert wurde. Die Soldaten seien aber erst Stunden später im nur fünf Kilometer entfernten Dorf eingetroffen, heißt es in einer Stellungnahme des Rates. „Wir haben kein Vertrauen mehr in die Armee wegen ihrer Vorbehalte gegen Christen.“

Schon seit vielen Jahren herrschen in der Gegend um Jos Spannungen zwischen Christen und Muslimen. Bereits 2001 und 2008 ist es hier zu Unruhen mit hunderten Toten gekommen.

 

„Alteingesessene“ gegen „Zuwanderer“

Bei dem Konflikt geht es aber weniger um eine religiöse Auseinandersetzung als um einen handfesten wirtschaftlichen Konkurrenzkampf: um einen Streit zwischen sesshaften, meist christlichen Stämmen und muslimischen Hirtenstämmen, die als Nomaden durch die Gegend ziehen; Streit um Wasser, Acker- und Weideland. Und es ist ein Kampf zwischen sogenannten „Alteingesessenen“ und „Zuwanderer“.

In Nigeria gibt es etwa 400 Ethnien. Lokale Regierungen können jeweils einige davon als „alteingesessen“ definieren. Diese haben dann sowohl politische als auch wirtschaftliche Vorteile. Sie werden etwa bei der Jobvergabe im öffentlichen Bereich bevorzugt. Zwar leben die muslimischen Hausa-Fulani schon seit Jahrzehnten rund um Jos, gelten aber nach wie vor nur als „Zuwanderer“ und nicht als „Alteingesessene“.

Dieses Gefühl der Benachteiligung verstärkt die Spannungen, die von lokalen Politikern immer wieder für ihre eigenen Machtambitionen ausgenutzt werden.

Was genau die jüngsten Unruhen ausgelöst hat, ist noch unklar. So wie im Jänner, als Muslime mit Macheten massakriert wurden und danach Gangs aufeinander losschlugen. Gerüchten zufolge soll damals der Wiederaufbau eines 2008 bei Unruhen zerstörten Hauses der Funke gewesen sein, der das Pulverfass zum Explodieren brachte.

Der Bundesstaat Plateau rund um Jos liegt im Zentrum Nigerias. Der Norden des riesigen afrikanischen Landes ist vorwiegend muslimisch, der Süden christlich.

AUF EINEN BLICK

Bei neuen Unruhen nahe der Stadt Jos sollen bis zu 500 Menschen umgekommen sein. Jos liegt im Bundesstaat Plateau im Zentrum des afrikanischen Landes Nigeria. Diesmal griffen offenbar Angehörige der muslimischen Hausa-Fulani-Ethnie christliche Dörfer an. Im Jänner hatten Christen Muslime attackiert. Bei dem Konflikt geht es weniger um einen religiösen Kampf als um einen Streit um Land, Wasser und Privilegien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2010)

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