BRÜSSEL.Erstmals schaffte es am Sonntag eine separatistische flämische Partei, aus einer landesweiten Wahl als stärkste Gruppierung hervorzugehen. Jeder dritte Flame stimmte für die N-VA (Nieuw-Vlaamse Alliantie, Neu-Flämische Allianz) unter Führung des 39-jährigen Historikers Bart De Wever, die langfristig für ein unabhängiges Flandern eintritt und kurzfristig zumindest zwei getrennte Sozialversicherungssysteme für das reiche Flandern und die arme Wallonie fordert.
Allerdings wollen die meisten Flamen keine Spaltung des Landes, sondern eine gerechtere Gestaltung des Finanzausgleichs.
„Der Anteil der echten Separatisten in Flandern liegt seit jeher bei zehn bis 15 Prozent“, sagte Dave Sinardet, Politikwissenschaftler an der Universität Antwerpen, zur „Presse“. Der Großteil von De Wevers Wählern erwartet von ihm eine Überwindung der Blockade, die das Land seit den Wahlen 2007 hemmt und wichtige Reformen hemmt. „Die N-VA weiß, dass der Separatismus in Flandern schwer zu verkaufen ist“, sagte Sinardet. „Darum hat De Wever im Wahlkampf nie gesagt, dass er Belgien aufbrechen will.“
Warum der Vlaams Belang verlor
Während die N-VA triumphierte, setzte der rechtsradikale Vlaams Belang unter Filip De Winter seinen Niedergang fort. Sinardet war nicht überrascht: „Die Leute sagen sich: ,Seit 20 Jahren fordert De Winter immer dasselbe, bewirkt aber nichts.‘“ Wobei der Vlaams Belang und seine Vorgängerpartei, der 2004 wegen Rassismus verbotene Vlaams Blok, ohnehin nie wegen ihrer Befürwortung der flämischen Autonomie gewählt wurden. Das zeigten Meinungsumfragen. „Er hat immer am stärksten mit der Anti-Einwanderungs-Politik gepunktet“, sagte Sinardet und wies auf eine Paradoxie hin: „Die Wähler des Vlaams Belang waren immer am stärksten von allen für die Monarchie – dabei will der Vlaams Belang sie abschaffen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2010)
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