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Spitzelaffäre: "Sie haben einen Polen gehenkt"

08.01.2007 | 00:00 |  Von unserem Mitarbeiter PAUL FLÜCKIGER (Die Presse)

Der Rücktritt des über einen Geheimdienstskandal gestolperten designierten Warschauer Erzbischofs Wielgus zeigt die tiefe Spaltung der polnischen Kirche.

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Warschau. "Es ist eine Schande! Wir sind gegen diese Amtseinsetzung", sagt ein faltiger, untersetzter polnischer Ex-Dissident. "Der Wielgus, der hätte sich doch gar nie um das Erzbischofsamt bewerben dürfen", sagt der Mann.

Dutzende von Polizisten haben inzwischen den Mann und sein Transparent umstellt. Denn gleich wird die Fahrzeugkolonne des polnischen Präsidenten erwartet. Noch am Freitag, nachdem der designierte Warschauer Erzbischof Stanislaw Wielgus seine Kontakte zum früheren kommunistischen Geheimdienst zugegeben hatte, sagte Lech Kaczynski seine Teilnahme an der umstrittenen kirchlichen Feier zu.

Mit dem zögerlichen Geständnis seiner früheren Geheimdienstkontakte hat Wielgus Polens Gläubige in den vergangenen Tagen verunsichert und gespalten. Erst in letzter Minute reichte am Sonntag der kirchenrechtlich bereits am Freitagnachmittag vereidigte Wielgus seinen Rücktritt ein.

Auf eine geplante Übertragung des Pontifikalamtes in der Warschauer Kathedrale ins Freie hatte das Episkopat vorsorglich verzichtet. Doch größere Menschenansammlungen vor dem Gotteshaus in der Warschauer Altstadt ließen sich nicht verhindern. Vor allem ältere Menschen verharrten hier.

Presseleute und Fotografen wurden von den zahlreichen Anhängern des ultrakatholischen Senders "Radio Maryja" immer wieder angepöbelt. Diese Leute repräsentieren jene acht Prozent der Polen, die sich laut Umfragen voll hinter die Amtseinführung von Wielgus stellten. Erst die Medien hatten die Spitzel-Vergangenheit des als Freund von "Radio Maryja" bekannten Wielgus in den letzten Tagen enthüllt.

"Nein! Nein!", skandierte die Menge vor der Kathedrale, als aus den beiden Lautsprechern über dem Portal leise Wielgus kurze Rücktrittserklärung zu hören war. "Nach tiefem Nachdenken und der Einschätzung meiner persönlichen Situation habe ich das Amt in die Hände des Heiligen Vaters gelegt", sagte Wielgus in der Kathedrale. "Bleib bei uns! Bleib bei uns!", schreit eine unter "Radio Maryja-Transparenten" versammelte Menge daraufhin aufgeregt ins Mikrofon.

In den letzten Tagen hatte Wielgus noch erklärt, er habe bei seiner Agententätigkeit niemandem geschadet und keine Mitbrüder bespitzelt. Doch viele Polen schenken dieser Version des Kirchenmanns keinen Glauben mehr.

Zuerst hatte Wielgus seine Geheimdienstmitarbeit wochenlang abgestritten und als "Lügenkampagne" bezeichnet. Dann war er auf Druck der Öffentlichkeit Schritt für Schritt zurückgekrebst. Erst nach seiner kirchenrechtlichen Amtsübernahme gab er am Freitagabend erstmals zu, "mit diesen Verwicklungen der Kirche Schaden zugefügt" zu haben.

"Einst galt hier in Polen ,Gott - Ehre - Vaterland'. Heute aber denken alle nur an den eigenen Ruhm, seien es Erzbischöfe oder der Präsident", klagt vor der Kathedrale die einstige Kirchenaktivistin Maria Temekin. Die Frau hofft auf eine Laienbewegung, die den polnischen Klerus endlich aufrüttle und zur Rechenschaft ziehe. "Der arme Wielgus konnte den Druck psychisch nicht verkraften", widerspricht eine Frau mit Radio-Maryja-Flagge.

"Sie haben einen Polen gehenkt!", ereifert sich ein anderer. "Dieses Land wird von Juden regiert! Deshalb ist es so!" Streitgespräche wie diese hört man an diesem Sonntagmorgen in der Warschauer Altstadt alle paar Meter.

Am Nachmittag dann erklärte der Vatikan den Rücktritt von Wielgus als "richtigen Schritt". "Das Verhalten von Erzbischof Wielgus in den Jahren des Kommunismus hat seine Autorität schwer beschädigt", erklärte der Sprecher des Heiligen Stuhls, Federico Lombardi, im Radio Vatikan. Lombardi warnte, bald würden in Polen weitere hohe katholische Würdenträger mit Geheimdienstvorwürfen konfrontiert.

Laut polnischen Schätzungen könnten zwischen 30 und 40 Prozent der Kirchenoberen vor der Wende 1989 Stasi-Kontakte gepflegt haben. Die polnische Bischofskonferenz hatte erst im August 2006 nach langem internen Widerstand eine Historikerkommission ins Leben gerufen, die Licht in die Vergangenheit der mächtigen katholischen Kirche bringen soll, an deren Beitrag zum Fall des Kommunismus niemand zweifelt. Auch im Fall Wielgus hatte das Episkopat erst in letzter Minute und nur auf massiven Druck der polnischen Presse mit der Aktensuche begonnen. Vatikansprecher Lombardi fordert vom polnischen Klerus jedenfalls am Sonntag unmissverständlich "Mut und Transparenz".

Kommentatoren in Polen sprechen dagegen von einem einstweiligen Sieg des KP-Geheimdienstes. Dessen Opfer sei erniedrigt worden, die Henker aber freuten sich.

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