KAIRO/SANAA.Ab wann genau bezeichnet man einen bewaffneten Konflikt als Krieg? Das ist die Frage, die sich derzeit im Norden des Jemen stellt, wo der Konflikt zwischen den schiitischen Houthi-Rebellen und der Zentralregierung in Sanaa in den vergangenen Wochen eskaliert ist. Ein im Februar unterzeichneter Waffenstillstand wird inzwischen fast täglich gebrochen. Diese Woche haben die Rebellen erstmals wieder eine Stellung des Militärs überrannt.
Auch an der zweiten jemenitischen Front, nämlich der zwischen Zentralregierung und Separatisten im Süden, knistert es gefährlich. Am 20.Jahrestag der Wiedervereinigung von Nord- und Südjemen im Mai kursierte eine Forderung der Separatisten nach Selbstbestimmung der Menschen im Süden und einem eigenen Staat mit der Hafenmetropole Aden als Hauptstadt.
Auf dem Radarschirm der Geheimdienste
Und Gruppen, die dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestehen, treiben allerorts ihr Unwesen, legen es dabei immer mehr auf eine direkte Konfrontation mit den jemenitischen Sicherheitskräften an und zeigen ein wachsendes Selbstbewusstsein. Erst vergangene Woche wurden fünf jemenitische Soldaten bei einem Hinterhalt in der Provinz Schabwa getötet.
Vor zwei Wochen wurden zeitgleich die Zentralen von Geheimdienst und Polizei in der Kleinstadt Zinjibar, in der südlichen Provinz Abyan, angegriffen. Etwa 20 Angreifer mit Motorrädern und Autos hatten die Polizisten beim Morgenappell überrascht und sofort das Feuer eröffnet. Scharfschützen zielten von einer nahe gelegenen Schule auf die Sicherheitskräfte. Auch für diesen spektakulären Angriff wurde al-Qaida verantwortlich gemacht.
Seit einem am Weihnachtstag vereitelten Attentat auf ein US-Passagierflugzeug, zu dem sich der vom Jemen aus operierende Flügel der al-Qaida bekannt hat, befindet sich das Land auch auf dem Radarschirm westlicher Geheimdienste. Diese befürchten, dass Saudiarabiens armer Nachbar als Staat zusammenbrechen und ähnlich wie Afghanistan oder Somalia zu einer neuen Hochburg militanter Islamisten werden könnte. Anfang des Jahres wurde daher der internationale Druck auf Jemens Präsidenten Ali Saleh erhöht, seinen desolaten Staat in Ordnung zu bringen. Das Ergebnis war, dass die jemenitischen Sicherheitskräfte verstärkt die Verfolgung von al-Qaida-Gruppen aufnahmen und Saleh im Februar nach einem sechs Jahre andauernden Konflikt einen Waffenstillstand mit den Houthi-Rebellen unterzeichnete. Doch nun drohen die westlichen Bemühungen zu verpuffen.
„Soldaten töteten Frauen und Kinder“
Am Dienstag wurde gemeldet, dass die Houthi-Rebellen eine Stellung der Armee überrannt und 200 Soldaten gefangen haben sollen. Dem vorausgegangen waren ständige Scharmützel zwischen den Rebellen und dem ebenfalls im Norden lebenden Ibn-Aziz-Stamm, den die Regierung als Stellvertreter in diesem Konflikt einsetzt. Daraufhin kam es auch immer wieder zu Zusammenstößen zwischen den Rebellen und der regulären Armee – und zahlreichen gegenseitigen Vorwürfen: „Die Soldaten kamen und haben unsere Frauen und Kinder getötet“, erklärte vor wenigen Tagen der im deutschen Exil lebende Führer der Rebellen, Yahia al-Houthi, gegenüber der arabischen Fernsehstation al-Jazeera. Und Jemens Präsident Saleh warf den Rebellen vor, erneut einen Krieg zu wollen und den Waffenstillstand fast täglich zu brechen.
Humanitäre Katastrophe
Die Meldungen können kaum von unabhängiger Seite bestätigt werden. Journalisten werden nicht ins Konfliktgebiet gelassen. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, wie dem UN-Flüchtlingswerk UNHCR bewegen sich aus Sicherheitsgründen nur in einem Radius von sieben Kilometern rund um das nördliche Zentrum Saada. Der Zugang zu den Menschen, die im vergangenen Jahr aus ihren Heimatdörfern geflüchtet sind, sei schwierig, heißt es beim UNHCR.
Die Organisation schätzt, dass 324.000 Menschen geflohen sind. Das ist eine humanitäre Katastrophe, die sich im Nordjemen abseits internationaler Schlagzeilen abspielt. „Stabilität und Sicherheit sind Voraussetzung für die Rückkehr der Flüchtlinge“, erklärt die dortige UNHCR-Sprecherin Marie Marulaz. „Beides“, sagt sie trocken, „ist im Moment nicht gewährleistet.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2010)

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